Ich kenne den Komponisten Heiner Goebbels Werke seit den frühen 90er Jahren, als ich in seinem Ensemblestück La Jalousie - Geräusche aus einem Roman mitspielen durfte. Die Verbindung von kurzen Textpassagen aus dem Roman von Alain Robbe-Grillet, mit Geräuschen von Stöckelschuhen und die unerhörte ganz eigene Musik hatten mich gleich in seinen Bann geschlagen. Schon damals komponierte Goebbels neben Ensemblestücken vor allem unkonventionelles Musiktheater. Die Liste seiner Werke ist seitdem stetig gewachsen. Seit jeher geht es ihm darum zu irritieren, Blicke zu öffnen, Neues zu suchen und sein Publikum selbst Zusammenhänge und Interpretationswege herstellen zu lassen. Goebbels entwirft in seinen vielschichtigen Performances eine Vision zukünftiger Theatervorstellungen, welche man immer noch einmal sehen möchte, um zu schauen, was man beim ersten Mal eventuell verpasst hat.

<i>Everything that happened and would happen</i> © Heinrich Brinkmöller-Becker | Ruhrtriennale 2019
Everything that happened and would happen
© Heinrich Brinkmöller-Becker | Ruhrtriennale 2019

Der expressionistische Roman Europeana des in Paris lebenden tschechischen Autoren Patrik Ouředník aus dem Jahr 2001 formt die Grundlage für Heiner Goebbels neue Produktion Everything that happened and would happen, ebenso wie die Nachrichtensendung No Comment auf Euronews und die Bühnenbilder und Requisiten, die Klaus Grünberg zu Goebbels Produktion von John Cages Europeras 1&2 bei der Ruhrtriennale 2012 geschaffen hatte. Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieser Performance sind die 20 MusikerInnen, TänzerInnen und (Video)künstlerInnen, die zusammen mit Goebbels und anderen in vier Vorbereitungsworkshops die „Beziehung zwischen Geräuschen, Bewegungen, Körpern und Objekten“ erarbeitet hatten. Goebbels dankt im Programmheft ausdrücklich den nicht namentlich erwähnten Künstlern für ihre „Kreativität und künstlerische Intelligenz“.

<i>Everything that happened and would happen</i> © Heinrich Brinkmöller-Becker | Ruhrtriennale 2019
Everything that happened and would happen
© Heinrich Brinkmöller-Becker | Ruhrtriennale 2019

Durch diese Arbeitsweise verbindet Goebbels seine kreativen Ideen mit denen einer jüngeren Generation. Beim Zuschauen tritt ein Generationskonflikt zutage: Während wir Älteren noch mit analoger Technik aufgewachsen und dementsprechend lineares Musiktheater gewöhnt sind, so hat die digitale Technik der letzten 20 Jahre deutlich das Denken und Rezeptionsverhalten der Jüngeren verändert. In Everything that happened konnte man sich beinahe zappend seine eigene Musik und Bilder zusammenstellen, so viele verschiedene Aktionen und Klänge laufen dort gleichzeitig auf der Bühne ab. Es gibt bewusst keine vorgegebenen Interpretationen. Als visionärer idealistischer Künstler hat Goebbels einen autonomen, selbstbestimmten Zuschauertypus vorhergesehen, lange bevor die fortschreitende technische Entwicklung ihn möglich gemacht hat.

<i>Everything that happened and would happen</i> © Heinrich Brinkmöller-Becker | Ruhrtriennale 2019
Everything that happened and would happen
© Heinrich Brinkmöller-Becker | Ruhrtriennale 2019

Goebbels und sein Team präsentieren auf einem riesigen Bühnenraum in der Jahrhunderthalle in Bochum ein aufregendes Gemisch an Klängen, Texten in verschiedensten Sprachen, farbenprächtigen Dekorstücken und Lichtreizen. Die Vorstellung ist laut und verwirrend. Ouředníks intrigierende Texte werden von verschiedenen Sprechern vorgelesen. Sie sitzen dazu auf Podesten, liegen in Plastikbehältern oder werden auf einem Tuch sitzend über die Bühne gezogen. Auf riesigen, immer wieder an anderer Stelle in die Höhe gezogenen Bühnenbildern kann man Übersetzungen der Texte mitlesen.

<i>Everything that happened and would happen</i> © Heinrich Brinkmöller-Becker | Ruhrtriennale 2019
Everything that happened and would happen
© Heinrich Brinkmöller-Becker | Ruhrtriennale 2019

Die fünf MusikerInnen stehen weit voneinander entfernt an den Seiten der sehr breiten Bühne. Jeder hat sein Instrumentarium wie eine kleine Insel aufgestellt. Die musikalischen Aktionen hatten nur eher zufällig etwas miteinander zu tun. Der Saxophonist Gianni Gebbia spielte ein längeres tonales Solo. Ansonsten imponierte er mit einfallsreicher Geräuscherzeugung. Einige Male erinnerten seine Sounds an ein schreiendes Kind. Das war vielleicht kein Zufall, begann Goebbels seinen Programmbuchtext doch mit dem folgendem Zitat Gertrude Steins: „It is strange the world today is not adult it has the mental development of a seven-year-old boy just about that.”

Der Orgelbauer und Organist Léo Maurel hatte es schwer, sich gegen die geballte elektronische Wucht von Gitarre und Perkussion durchzusetzen. Ihm war es vorbehalten Cécile Lartigau mit ihrem Ondes Martenot-Solo aus Turangalila von Oliver Messiaen zu begleiten. Dies war der ergreifendste Teil der Vorstellung.

<i>Everything that happened and would happen</i> © Heinrich Brinkmöller-Becker | Ruhrtriennale 2019
Everything that happened and would happen
© Heinrich Brinkmöller-Becker | Ruhrtriennale 2019

Goebbels präsentiert eine Landschaft aus Bildern und Klängen. Je nach Sitzplatz bekam man ganz unterschiedliche Einblicke auf das Bühnengeschehen. Den roten Draht dieses Abends aus Musik, Licht, Nebel, Bewegung und ständiger Neuordnung der Dekorstücke und Bühnenbilder bildet Ouředníks Kurze Gechichte von Europa im 20. Jahrhundert, deren willkürliche Aneinanderreihung von Banalem und Wichtigem ein ganz neues Licht auf die letzten 100 Jahre europäischer Geschichte wirft. Dazu werden in regelmäßigen Abständen Filmbilder aus No comment auf Leinwände projektiert, welche von Video Designer René Liebert täglich aktualisiert werden. Das Gestern und Heute läuft ständig ineinander über, während die Bühnenbildwechsel und das Herumtragen verschiedener Objekte den Protagonisten alles abverlangen. Die Auseinandersetzung mit Goebbels Kunst verlangt ein aktives Publikum. Es wird mit vielen geistigen Anregungen für diese Arbeit belohnt.

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