Springende Delphine, flinke Fische und majestätische Wale konnte man in dieser Woche in Göteborg nicht nur visuell sondern auch lautmalerisch erleben. Die Zusammenarbeit der BBC und BBC Earth Dokumentarfilmreihe The Blue Planet fand mit der hier live gespielten maßkomponierten Musik einen neuen Wirkungsort. George Fenton, der Urheber der vielseitigen Wasserklänge, dirigierte das Göteborger Opernorchester selbst in dieser neuen Produktion.

<i>Blue Planet</i>: Pinguin im Sprung © Martha Holmes | BBC
Blue Planet: Pinguin im Sprung
© Martha Holmes | BBC

Der Raum war besonders dunkel gehalten. Während nur das Orchester teilweise mit buntem Licht hervorgehoben wurde, waren die Augen nahezu ununterbrochen auf den großen Bildschirm gerichtet, doch nicht allein die beeindruckenden Aufnahmen, sondern die Kombination mit der spannenden Musik zog von Groß bis Klein alle in ihren Bann. Schon mit den ersten Bildern in unendlichem Blau und der scheinbar schwebenden Musik wurde die ganze Besonderheit unserer Meere deutlich. Die Vielfalt, die sich unter der Wasseroberfläche, an den Küsten und in den dunklen Tiefen verbirgt, charakterisierte Fenton gekonnt mit verschiedenen Stil- und Klangelementen. Wenn ein Wal in all seiner Mächtigkeit und Würde durch die Szene glitt, ließen die Kontrabässe ihre Bögen lange ziehen und die Posaunen ihre kraftvollsten Klänge ertönen. Durch den Einsatz zahlreicher Echos innerhalb der einzelnen Instrumentengruppen wirkte die Musik noch weitläufiger. Geschickt bekam so jedes Lebewesen und jede Umgebung eine eigene musikalische Charakteristik, die im Laufe des Abends auch wiederholt zum Vorschein kommen konnte.

Für die nötigen Show-Effekte sorgten der Mix aus klassiknaher Filmmusik und exotischeren Melodien. Das Göteborger Opernorchester meisterte die vielen stilistischen Übergänge überzeugend, mit ansteckender Neugier und Begeisterung am Projekt. Analog zu den wogenden Bildern färbten sie mit wechselndem Klang jede Szene anders und neu: In Stücken wie Life in the Flow fühlte man sich von der Musik in eine Karibik-Bar versetzt; das Orchester fungierte hier begleitend, während Solisten swingende und jazzige Themen auskosteten. Besonders zu erwähnen war dabei Johan Åkervall, der sowohl mit Trompete als auch mit Flügelhorn eine zum Mitwippen einladende Stimmung heraufbeschwor. Mit zartem und doch völlig ausfüllendem Ton improvisierte bzw. spielte er mit dem ungehinderten Gefühl einer Improvisation über den wogenden Klängen der anderen Musiker. Trotz der Freiheit in seinem Spiel war er doch immer im Einklang mit dem Rest der Musik.

<i>Blue Planet</i>: Grauer Riffhai (Nassau, Bahamas) © Michael Pitts | BBC
Blue Planet: Grauer Riffhai (Nassau, Bahamas)
© Michael Pitts | BBC

Etwas zu viel Coolness hingegen dominierte im zweiten Teil. Die Balance zwischen den Orchesterinstrumenten und E-Piano und E-Gitarre schien nicht ganz ausgewogen; der schnelle Wechsel zwischen elektronischen Klängen erinnerte an manchen Stellen zu sehr an eine Aufnahme und nahm der Aufführung damit ihre Unmittelbarkeit. Der Grundstock des Orchesters brachte durch seinen wohlgeprobten Zusammenklang trotzdem eine gewisse Konstanz in die schnellen Wechsel. Mit Bedacht folgten sie den teilweise exaltierten Anweisungen Fentons, dessen Wunsch, zu unterhalten, im Stück The Frozen Ocean überhand zu nehmen schien. Die Aufnahmen vom Winterwunderland der anderen Art wurden von einem Potpourri bekannter Melodien begleitet. Zu dem „Halleluja“ aus dem Messias mischten sich auch Weihnachtslieder wie „Joy to the World“, wobei ich mir trotz Feinfühligkeit seitens des Orchesters in der Interpretation persönlich etwas mehr Authentizität gewünscht hätte.

In 13 kurzen Sequenzen wechselte der Fokus des Betrachters zwischen verschiedensten Bereichen der Weltmeere. Die Idee, den beliebten Dokumentarfilm mit seiner originalen Musik auf live aufzuführen, erfuhr eine ansprechende Umsetzung, denn die Nähe der Kooperation zwischen allen Beteiligten sorgte für ein stimmiges Gesamtpaket. Das Timing zwischen Film und Musik war präzise und schien dabei doch ganz natürlich aus dem Orchester zu kommen. Auch ein paar Geräusche aus dem Film selbst wurden in die Musik mit eingebaut und so vernahm man zwischen dem Klang der Instrumente auch hin und wieder das Quieken eines Delphins oder das Seufzen eines Wals – kleine Details, die das Gesamtkonzept noch harmonischer machten. Wie nah an unserer Wahrnehmung auch die dunkelste Tiefe des Meeres sein kann, zeigte diese Musik.

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