Beatles oder Stones, eine wirklich pikante Gretchenfrage an der sich die Geister bekanntlich scheiden. Damit nach Peter Breuers Beatles-Tanzabend auch die Stones-Fans nicht zu kurz kommen, steht mit „Dance for Satisfaction“ seit Sonntag ein Rolling Stones-Tanzabend auf dem Programm des Salzburger Landestheaters, und „satisfaction“ wurde dabei gleich in zweierlei Hinsicht geboten.

Iure de Castro und Yoshito Kinoshita © Anna-Maria Löffelberger
Iure de Castro und Yoshito Kinoshita
© Anna-Maria Löffelberger
Einerseits geschah das durch eine spannend gestaltete Story mit beeindruckender Choreographie, andererseits durch den Stones-Song Satisfaction, der als zentrales Musikstück in den verschiedensten Versionen und Stilrichtungen in Erscheinung trat. In verschiedensten Farben und Schattierungen war er dabei präsent, von einer Reggaeversion über einer Version im Stile Britney Spears‘ bis zu reinen Klaviertranskriptionen. Die bunte musikalische Mischung aus verschiedensten Stilen und Musikrichtungen, aus Originaltiteln und Covern hielt mal mit lateinamerikanischen Rhythmen, mal mit Spears'schem Popeinschlag selbst für eingefleischte Stones-Fans die ein oder andere Überraschung bereit, und unterstützten die laufende Handlung wirkungsvoll.

Gleiches gilt für das Bühnenbild, bestehend aus verschiebbaren Panelen, worauf verschiedenste Bilder der Stones und deren Affären beziehungsweise anderen Personen, die mit den Musikern in Beziehung stehen, projiziert werden. Die Handlung an sich ist relativ einfach, wirkt aber zu keinem Zeitpunkt banal. Dem Zuschauer wird das Personendreieck Marianne, Uschi und Stan vorgestellt, das sich zufälligerweise nach vielen Jahren auf einem Konzert wieder trifft; plötzlich werden Erinnerungen an „damals“ geweckt. Somit springt die Handlung immer wieder zwischen damals und heute hin und her und zeigt das „alte“ und „junge“ Trio in jeweils verschiedener Besetzung. Die Kostümwahl unterstreicht den Zeitsprung, bewegt sich stilistisch zwischen den 70ern und 80ern für die alte Generation und in der heutigen Zeit für die jüngere Generation. Dabei finden sich natürlich Lederjacken und Röhrenjeans, und im Finale schließlich tragen alle T-Shirts mit dem berühmten Logo der Stones.

Im Fokus stehen dabei die emotionalen Verbindungen der Protagonisten, besonders die stürmische Beziehung zwischen Marianne und Stan, die zunächst aus Eifersucht beendet zu sein scheint. Dieser wird später auf die Beziehung von Mariannes Tochter Lizzie mit Robb ausgeweitet, die stark an die der Mutter erinnert. Im großen Ensemble-Finale finden beide Paare nach einigem hin und her letztlich jedoch glücklich zusammen.

Sehr interessant fand ich die vielen kleinen Details und Parallelgeschichten, die rund um diese Haupthandlung stattfanden und für Abwechslung und großartige Unterhaltung sorgten. Ob nun der kunstvolle Austausch der Zigaretten zwischen dem alten und dem jungen Stan oder der gemeinsamen Szene der beiden Mariannes, jeder Auftritt war gut durchdacht und wirkungsvoll. Ohnehin herrschte im Zuschauerraum nicht zuletzt wegen der bekannten Lieder eine ausgelassene, entspannte Stimmung, in der der eine oder andere Besucher sogar beim Mitsingen die Seele baumeln ließ.

Trotz aller Lockerheit durch die musikalische Komponente ging dabei der expressive Gehalt von Peter Breuers Choreographie nicht verloren. Sie ist eine Symbiose aus Elementen des klassischen Balletts, scheinbar lockerem, spontanem „Abshaken“ beim imaginären Konzert und ausdrucksstarken modernen Elementen, die vor allem den negativ aufgeladenen Emotionen der Protagonisten Gestalt geben. Besonders beeindruckend war für mich die „Catfight“-Szene im ersten Teil, bei dem die junge Marianne ihre Nebenbuhlerin das Fürchten lehrt.

Kate Watson © Anna-Maria Löffelberger
Kate Watson
© Anna-Maria Löffelberger
Die Szene ist geprägt von Gewalt und Dynamik; von an den Haaren ziehen bis hin zu Fußtritten fanden sich alle möglichen und unmöglichen Bewegungen eines Kampfes, gekonnt choreographisch verpackt. Stampfen und Faustschläge in die Luft verdeutlichten die Aggressionen ebenso wie das kämpferische Aufeinanderprallen im ständigem Wechsel zwischen eng umschlungener Haltung und tänzerischen Drohgebärden auf Abstand. Dabei kamen auch artistische Elemente zum Einsatz, deren kraftvolle Sprünge, Rollen und dergleichen manchmal durchaus an Parcours erinnerten. Sie setzten zusätzliche, frische Akzente in dieser interessanten und ausdrucksstarken Choreographie.

Ein ganz besonderer Höhepunkt war die gemeinsame Szene der Mariannen, in der die beiden mit ihrem älteren bzw. jüngeren Ich tänzerisch einen Bogen über die Zeit schufen. Dramaturgisch effektvoll hier Breuers Choreographie, mit der Liliya Markina und Kate Watson teils eng umschlungen, teils parallel tanzend meisterhaft und mitreißend dem Schmerz und der Enttäuschung ihrer Charaktere Ausdruck verliehen. Glaubhaft wurde auch die innere Zerrissenheit der Protagonistin und ihrem jüngeren Ich, die Breuer durch starke Kontraste von modernen, aggressiven Bewegungen wie Faustschläge in die Luft und fließenderen Elementen gestaltet.

Von ganz außerordentlicher Wirkung war hierbei auch Markinas und Watsons schauspielerisches Können. Allein durch Mimik und Haltung zeigten die beiden feinste Stimmungsnuancen und fesselten den Beobachter selbst mit minimalen Bewegungen, die, stark emotional aufgeladen, einen besonderen Spannungsmoment erzeugten.

Besonders zu erwähnen sind auch Anastasia Bertinshaw und Iure de Castro sind als Lizzie und Robb, die den zweiten Teil der Vorstellung mit äußerster Präzision und überzeugend realistischem Spiel dominierten. Der verführerische Flirt der Beiden fand in vielen Sprüngen und Hebefiguren Ausdruck, und auch in der darauffolgenden Eifersuchtsszene konnten die beiden herausragenden Tänzer durch technisch makellose Ausführung der anspruchsvollen Figuren und mitreißende Leidenschaft punkten. Im Vordergrund steht auch in dieser Beziehung der Kontrast der beiden Liebenden und der Kontrast der Emotionen, in dem Lizzie mit kraftvoll aggressiven Bewegungen wie Schubsen oder Ohrfeigen den durch Streicheln und Umarmungen immer wieder beschwichtigend auftretenden Robb abzuwehren wusste. Auch dieses Paar begeisterte durch die einem guten Tänzer eigene scheinbare Leichtigkeit, mit der es selbst die schwierigsten Passagen mit äußerster Synchronizität meisterte.

Mit dieser starken Umsetzung von Peter Breuers und Tobias Hells Produktion gelang dem Ensemble und ganz besonders den Darstellern der Protagonisten ein äußerst kurzweiliger Abend, der durchwegs empfehlenswert ist und zumindest für jeden Stones-Fan ein Muss darstellt. Wer also auf der Suche danach ist, der findet musikalisch, optisch und künstlerisch nicht nur im übertragenen Sinne „Fifty Shades of Satisfaction“.