In seinem Auftritt im Rahmen des Lucerne Piano Festival präsentierte Daniil Trifonov Auszüge aus seinem Programm Chopin Evocations, das er gerade auf CD eingespielt hat. Der Abend ließ Großes erwarten, zumal dem Pianisten nach einem dritten Rang beim Chopin-Wettbewerb in Warschau 2010 im Folgejahr beim Rubinstein-Wettbewerb in Jerusalem und am Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau der erste Rang zugesprochen wurde. Doch bei allem Respekt vor seiner Fingerfertigkeit und Anschlagskunst, Chopin ist bei diesem Klavierabend leider auf der Strecke geblieben.

Daniil Trifonov © Dario Acosta | Deutsche Grammophon
Daniil Trifonov
© Dario Acosta | Deutsche Grammophon

Trifonov eröffnete den Abend mit Mompous Variationen über das Prélude in A-Dur von Chopin – ein kleines Intermezzo von 16 Takten, acht rhythmisch identischen, zweitaktigen Perioden. Mompou lässt in den meisten der Variationen die harmonische und/oder melodische Grundstruktur klar durchscheinen. Es stellte sich jedoch bei allen rhythmischen, melodischen und harmonischen Beigaben rasch eine gewisse, gefällige Gleichförmigkeit ein, die den Eindruck der Seichtheit erweckte. Sicher, nicht alle Variationen waren gleichermaßen flach, aber eben oft zu harmlos. Immerhin wird die Szene gelegentlich belebter, beispielsweise in den virtuos glitzernden Figuren der Variation 7. Das nachfolgende Andante dolce war kompositorisch interessant, bis das Chopin-Zitat wieder dominierte. Generell fand ich die Komposition besser, je weiter sie sich vom Thema entfernte, wie Variation 10, Évocacion. Zu wirklicher Eigenständigkeit findet Mompou erst im Galope y Epilogo der letzten Variation.

Im folgenden Abschnitt fügte der Pianist vier kurze Kompositionen, allesamt kleine Perlen der Klavierliteratur, zu einer Art viersätziger Sonate ohne Pausen zusammen. Das erste, Chopin von Robert Schumann, deutete Trifonov ins geheimnisvoll-lyrische um, das Agitato schien er eher als Andantino zu interpretieren. Sein pianistisches Können zeigte der Pianist bei Grieg – einem virtuosen Allegro agitato mit glattem Laufwerk. Der Chopin-Bezug ist beim Nocturne von Barber nur indirekt: es ist im Stil von John Field geschrieben, den Chopin bewunderte. Eine verträumte Fantasie: Erinnerungen, Eintrübungen, eine rhapsodisch-breite Klimax, ersterben im Nichts. Hier demonstrierte Trifonov seine Fähigkeit, mit sorgfältiger Kontrolle der Dynamik große Bögen zu spannen. Charakteristisch für ihn war die zumeist tief über die Tastatur gebeugte Körperhaltung, wie er mit seinen langen Fingern die Tasten gleichsam streichelte, sein butterweicher Anschlag, und wie er Impulse fast gänzlich mit Fingern und Handgelenk erzeugte. Bei Tschaikowsky entfaltete er mit seiner Fingerfertigkeit virtuosen Tastenzauber. Ich finde es allerdings fraglich, vier Werke aus ihrem Zusammenhang zu reißen und zu etwas Neuem zusammenzufügen, wodurch sich kein Gewinn für die Originale ergibt.

Der eigentliche Höhepunkt des Abends waren die Chopin-Variationen von Rachmaninow, ein Meisterwerk, dessen große Gesten, vollgriffiges Spiel und Virtuosität dem Pianisten erlaubten, sich von seiner besten Seite zu zeigen: hier war er in seinem Element, demonstrierte herausragende Anschlagskultur und dynamische Kontrolle im filigranen Laufwerk und bis hinunter ins leiseste Pianissimo, seine Fähigkeit, harmonische Bögen zu spannen.

Ganz und gar nicht überzeugen konnte jedoch die eigentliche Chopin-Sonate. Trifonov spielte zu rasch in den schnellen Sätzen, überpedalisierte und verschleierte, rhythmisch oft verschliffen, zeigte wenig bis gar keine motivische Arbeit, häufig blieben dynamische Anweisungen schlicht unbeachtet. Letzteres geschah wohl im Interesse der von ihm so gekonnt gespielten und favorisierten großen Gesten, aber Chopins Musik ist mehr als das. Den Trauermarsch zelebrierte Trifonov so langsam und statisch, dass ein Marsch-Charakter beim besten Willen nicht auszumachen war. Motivischer Ausdruck fehlte, es blieb einzig der große Bogen. Der Dur-Teil, sonst ein wahrhaft rührend-luzider Moment, wie ein Blick ins Jenseits, war genauso statisch, wurde im Verlauf gar noch langsamer, die Melodie völlig überdehnt. Die Rückkehr des Marsches, bei Chopin mit pianissimo bezeichnet, brach fortissimo herein, kam aber genauso wenig vom Fleck. Schade, dass diese Interpretation wohl eher zur Selbstdarstellung diente.