„HOT_cool“ war das Thema des Abschlusskonzerts der 47. Ferienkurse für Neue Musik. Die Centralstation, ein ehemaliges Elektrizitätswerk, das jetzt als angesagtes „Kulturwerk“ Darmstadts gilt, bot in der Halle vom Erdgeschoss und im Saal in der oberen Etage zwei verschiedene Programme gleichzeitig an. Von 18 Uhr bis tief in die Nacht lief nonstop Musik, die von verschiedenen Entstehungszeiten, Generationen und Genres geprägt war. Da man nur einen Körper und Geist hat, war es unmöglich, beide Programme in voller Länge zu erleben, und man musste sich letztendlich die Nacht aufteilen.

HOT: Ministry of Bad Decisions © Daniel Pufe
HOT: Ministry of Bad Decisions
© Daniel Pufe
Die Halle präsentierte im HOT-Programm rasante, dynamische Musik mit dem Ensemble Dal Niente und weiteren Solisten. Vor dem Konzert war das Organisationsteam der Darmstädter Ferienkurse bis zur letzten Minute mit der Vorbereitung dieser Veranstaltung beschäftigt, während die Besucher ungeduldig vor der Tür auf den Einlass warteten. Die Pianistin Heloisa Amaral eröffnete intensiv den Abend mit dem Solostück Peter Parker, das 2003 vom österreichischen Komponisten Bernhard Gander geschrieben wurde. Dabei handelt es sich um den Peter Parker, der sich in einem amerikanischen Actionfilm eines Tages vom unattraktiven jungen Mann in den tapferen Helden Spiderman verwandelt. Ohne besondere moderne Spielweisen wie zupfen oder trommeln der Saiten vertraut diese Musik völlig der Ausdruckskraft des Klavier an sich. Amarals Finger liefen, sprangen und rutschten über die Tasten, dass man Spiderman geradezu vor sich zu sehen glaubte. So entstand auch eine Verbindung zwischen dem Alltäglichen und dem künstlerischen Ausdruck.

Wojtek Blecharz’ blacksnowfalls für Kesselpauke solo hinterließ wegen der ausgezeichneten Artikulation von Brian Archinal einen großartigen Eindruck, wobei sein Spiel von oben gefilmt und auf eine Leinwand projiziert wurde. Er spielte das Solo hauptsächlich mit den Händen, schlug mit seiner Faust in die Mitte, strich den Rand des Paukenfells oder benutzte kleine Metallstäbe. Präzise wurde auf der Leinwand gezeigt, wie jeder Klang erzeugt wurde, was den Zuhörern die Musik visuell noch näher brachte.

Dann wurde das Konzert wegen der Verleihung des Kranichsteiner Musikpreises unterbrochen, der in diesem Jahr an Ashley Fure als Komponistin und das Ensemble Distractfold als Interpreten ging. In der Gegenwart, deren Gesellschaft sich aus unterschiedlichen Interessen und Lebensstilen zusammensetzt, ist es für eine Jury nicht einfach, nach allgemein und einheitlich zu betrachtenden Kriterien Musiker für einen Preis vorzuschlagen. Das Ergebnis rief bei den Teilnehmern, Dozenten und Besuchern Überraschung und Begeisterung hervor. Das Ensemble Distractfold, welches am 11. Tag der Darmstädter Ferienkurse mit seinen künstlerischen Beträgen u.a. von Steven Kazuo Takasugi einen enormen Eindruck hinterließ, musste einfach ausgezeichnet werden. Außerdem wurden acht Musiker und Komponisten – Nico Couck (Belgien), Phoebe Green (Australien), Joshua Hyde (Australien), Alexander Khubeev (Russland), Simon Løffler (Dänemark), Weston Olencki (USA), Alex Raineri (Australien), Katherine Young (USA) mit Stipendien für die Ferienkurse 2016 ausgezeichnet.

cool: Das Anon String Quartet spielt Morton Feldman © Daniel Pufe
cool: Das Anon String Quartet spielt Morton Feldman
© Daniel Pufe
Das HOT-Programm in der Halle ging weiter mit Iannis Xenakis’ Komposition Mikka S für Violine solo, die von Vladislav Pessin leidenschaftlich gespielt wurde. Die Preisträgerin Ashley Fure aus Amerika holte es mit ihrem uraufgeführten Stück something to hunt nach, ihre preisverdächtige Kompositionsarbeit vorzustellen. Die Musik fing leise und mysteriös an, wobei auf der Klangkulisse von Blasinstrumenten die Violine und Bratsche sorgfältig pizzicato spielten. Allmählich entfaltete sich ihre Dynamik, kehrte dann zum Nullpunkt – Stille – zurück. Diese langsame Bewegung wiederholte sich ständig, wodurch sich die Musik mit verschiedenen Motiven in unterschiedlichen Timbres informell stetig weiterentwickelte.

Dem folgte das Ensemble Dal Niente, dessen Programm von den beiden Dirigenten Marino Formenti und Michael Lewanski leidenschaftlich geleitet wurde. Das dabei eingesetzte E-Cello wich allerdings zu sehr vom akustischen Klang des Ensembles ab. Mit ihrer Komposition I think I will schlossen Ministry of Bad Decisions, eine Gruppe die aus Yaron Deutsch, Stefan Prins und Brian Archinal bestand, das eigentliche Konzert in der Halle ab. Danach verwandelte sich die Halle vom Konzertsaal zum dance floor, auf dem die DJs JSX und Pure das Publikum mit lauter Technomusik zum Abtanzen versorgten.

Alternativ dazu konnte man im Saal der oberen Etage zur selben Zeit der eher kontemplativen, installativen Musik des cool-Programms lauschen. Das Anon String Quartett und der Pianist Marino Formenti spielten das piano and string quartet von Morton Feldman, dessen Klang angesichts der minimalistischen Motiventwicklung eine Beruhigung – der Cool-down-Effekt – war. Auf dem Boden lagen viele kleine Kissen, um zu liegen oder gemütlich zu sitzen, was diese entspanntere Atmosphäre noch einmal wesentlich unterstrich. Nun musste man sich nur noch entscheiden, ob man in der Halle weiter feiern oder den Abend mit dieser meditativen Musik ausklingen lassen wollte.

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