Das vierte Philharmonische Konzert im Opernhaus in dieser Saison diente zugleich als Feier zum 30-jährigen Bestehen des Orchesters seit der Auftrennung des vormaligen Tonhalle- und Theater-Orchesters Zürich, und das Programm war vielversprechend!

Lise de la Salle © Marco Borggreve
Lise de la Salle
© Marco Borggreve

Mit von der Partie war Lise de la Salle, die als Artist in Residence 2013 – 2015 in Zürich alle vier Klavierkonzerte von Rachmaninow aufführt. Im ersten Teil diesmal das dritte Konzert in d-Moll, ein bekannt-berüchtigter Prüfstein für Pianisten der obersten Liga. Lise de la Salle spielte das Werk souverän, im allgemeinen flüssig, offensichtlich auf einen runden Klang bedacht denn auf glasklare Transparenz, eher legato und oft mit reichlich Pedal (der Komponist hat in der Partitur keinerlei Angaben zum Pedalgebrauch gemacht). Zu Anfang des ersten Satzes schlug Fabio Luisi unglücklicherweise ein schnelleres Tempo an als das, das die Solistin im Sinn hatte, und so verlangsamte sich der Puls merklich mit dem Einsetzen des Solo-Instruments – commodo, wie der Klavierpart überschrieben ist, kann sich nur auf die Spielweise, nicht aber auf das Tempo beziehen. Ich fand schade, dass durch das langsame Tempo der etwas fiebrige Charakter dieser Passage verloren ging und der Schwung, in der langen, extrem virtuosen Kadenz erarbeitet, in den letzten Takten nur teilweise wiedererweckt werden konnte.

Der zweite Satz, Intermezzo: Adagio überschrieben, hat einen ruhigen Grundpuls, ist aber im Solopart teils sehr virtuos, sogar mit Gelegenheit zu Tastendonnern. Erfreulicherweise haben die Musiker den Satz nicht als Einladung zu Schwülstigkeit gesehen, sondern beließen ihn größtenteils in einer eher heiteren, verspielten Grundstimmung. Das Finale birgt wohl die größten technischen Anforderungen in diesem Werk - Anstrengungen, die sich in gelegentlichem Nachlassen in der Prägnanz und der Präzision des Anschlags bemerkbar machten. Abgesehen davon aber meisterten Orchester und Solistin den Satz mit Bravour, und abgesehen von gelegentlicher Dominanz der tiefen Blasinstrumente über die Bässe des Klaviers begleitete das Orchester aufmerksam.

In Gustav Mahlers Fünfter Sinfonie erwies sich Fabio Luisi als aufmerksamer Leser einer Partitur, welche die Musik und ihre Aufführung bis ins geringste Detail festlegt (heute würden wir Mahler als detailversessenen „Control Freak“ bezeichnen!). Das begann mit einer leicht flüchtigen Ausführung der Triolen des Anfangssignals, vom Komponisten genauso beschrieben, und setzte sich fort in der detaillierten Dynamik in Mahlers Text. Das Tempo im Trauermarsch des ersten Satzes war an der untersten Grenze, aber als langsames Schrittmaß noch nachvollziehbar. Im plötzlich schnelleren, wilderen Teil setzte Luisi auf Schwung und Emphase; dies ist bei Mahler nicht mehr als ein leidenschaftliches Aufbäumen, nach welchem die Trauerprozession wieder ihren Fortgang nimmt, bis zu jenem tröstlichen, absteigenden Sextgang am Schluss, in welchem aber das Trompetensignal des Anfangs unbeirrt an die Unausweichlichkeit des Todes erinnert.

Im zweiten Satz wechseln virtuose, oft fast chaotische Sektionen ab mit kontemplativen und gesanglichen, in denen Celli und Bratschen ihre warmen, vollen Stimmen sehr klangschön zur Geltung bringen konnten. Für das nachfolgende Scherzo hätte sich meines Erachtens trotz Mahlers mahnendem „Nicht eilen“ schon allein wegen der knochentrockenen Akustik des Raumes ein etwas rascherem Tempo angeboten, das auch den skurrilen, grotesken Aspekt dieses Satzes erhalten hätte. Das vielleicht allzu bekannte Adagietto erfüllte die Erwartungen für ein extrem sublimes, träumerisches Stück; Luisi interpretierte es jedoch eher im Sinne von Todessehnsucht; zwar zum Glück nicht extrem schwelgerisch-überschwänglich, sondern eher subtil, aber dennoch wohl nicht als von Mahler intendierte Liebeserklärung an Alma: das Stück muss durch ein schnelleres Tempo keineswegs an Intensität einbüßen.

Das abschließende Rondo-Finale ist ein wahres Feuerwerk, ein Schaustück für polyphone Orchester-Virtuosität - vom Orchester gut gemeistert, ohne unnötigen Anspruch auf hochglanzpolierte Perfektion. Gelegentliche, leichte Koordinationsprobleme (und wohl auch der Horn-Lapsus beim Übergang ins Allegro giocoso) zeugten von den hohen physischen Ansprüchen dieses langen Abends, zumal am Nachmittag noch Le Nozze di Figaro gespielt worden war. Gesamthaft gesehen jedoch war es ein sehr bereicherndes Konzert: herzliche Gratulation zum Orchesterjubiläum!