„Your eyes, your mien, your tongue declare that you are music ev’rywhere”, hört man zu Beginn aus Brittens If music be the food of love. Doch dieser Liederabend von Christian Gerhaher war so gar nicht lieb und süßlich. Statt Musik als „food of love“, wurde sie als Ausdrucksform der Trauer, als Vehikel für unglaublich poetische Texte über Liebe und Tod, über Existenzielles genutzt. Und das ist auch gut so!

Christian Gerhaher © Wilfried Hösl
Christian Gerhaher
© Wilfried Hösl

Den Klavierpart übernahm, wie immer bei Gerhahers Liederabenden, Gerold Huber. Die von Britten mit neuem Klavierpart einkleideten Purcell realizations standen am Anfang und schnell wandelte sich die Stimmung. Nach einem leichten Einstieg folgte eine Morgenhymne, die von der Vergänglichkeit erzählt und schon ging es hinab in die Schicksalstiefen Hiobs.

Der Betende steht Gerhaher besonders gut, dessen inniglich schöner Gesang zu dieser Haltung passt. Die Vokale sind selbst bei so simplen Worten wie „I vow“ unglaublich abgerundet und nie fest. Der Vokal dehnt sich, verändert die Farbe, die Form und zieht sich in einen anderen. So detailliert arbeitet Gerhaher mit den Texten. Mit seiner herrlich vibratolosen Stimmeinstellung besang er das erschütternde menschliche Schicksal.

Und denkt man „da kommt der liebliche Brahms“, wird man von der Musik getäuscht, die so lieblich dahinplätschert! Vom verwundeten Knaben erzählt recht nüchtern die grausam-traurige Geschichte eines Mädchens, dass seine Liebe Tod im Wald auffindet. Aber Brahms kann auch dümmlicher, wie Gerhaher schon häufiger über die Auswahl dessen Texte sagte. Der Gang zum Liebchen lockert das Ganze ein wenig auf, bevor es mit Mussorgsky die düstersten Stücke des Abends zu hören gab.

Gerold Huber und Christian Gerhaher © Wilfried Hösl
Gerold Huber und Christian Gerhaher
© Wilfried Hösl

„Schlafe, mein Kindchen“, singt er, der Tod, mit beruhigenden Glissandi abwärts: “Schlaf ein“ (Baju). Und die Mutter schreit den Tod an, „Fort, du Entsetzlicher“, aber vergeblich. Mussorgsky reiht in Lieder und Tänze des Todes unglaublich poetische Texte aneinander. Diese Lieder ließen, besonders im militärisch anmutenden Stück Feldherr, einen Gerhaher erblicken, der seine durchaus laute, düstere Stimme vor die sonst so lyrische holt. Bereits der Anfang ist so atemberaubend eindringlich erzählt, dass die Augen von der Übersetzung sofort auf die Bühne wanderten.

Dies ist keine Musik zum Ausruhen und Schwelgen. Mit Songs and Proverbs of William Blake vertonte Britten kluge Texte, die von verschiedensten Qualen, Kummer und Schrecken erzählen und von Britten besonders im Klavier regelrecht bebildert wurden. So hört man Die Fliege und auch die als Tränen herunterfliegenden Speere des Himmels in Hubers flinkem und trotzdem immer dem Gesamtausdruck dienendem Spiel.

War Gerhaher zuvor noch in seinen Noten vertieft, änderte sich dies wieder bei Brahms. Frei beweglich und noch fesselnder ließ er einen mit offenem Mund dasitzen und seinem zarten Bariton lauschen, der von einem Mädchen im Haus auf stillen Höhen sang (Anklänge). Den gesamten Abend über zeigte er, dass man Kontrolle und Leidenschaft verbinden und auch mal ohne träumerische Schumann-Schubert-Klänge begeistern kann. Mit Brahms‘ Todessehen setzten die beiden Meister des Lieds diesem Abend noch einen gewaltigen Abschluss.

****1