Einen Abend voller wilder Farben und Bilder gestalteten die Göteborger Symphoniker in dieser Woche unter dem Dirigat Kent Naganos. Der erste Teil des Abends stand ganz im Zeichen zeitgenössischer Komponisten und der kanadischen Sopranistin Barbara Hannigan. Mit einem Ensemble aus sieben Celli wurde der Abend mit Boulez’ Messagesquisse eröffnet. Die Instrumentengruppe wechselte in ihrem Spiel flink zwischen bauchigem Klang und spitzen Tönen; wohl differenziert versuchten sie, die Raffinessen des Stückes hervorzuheben: So versteckt sich in der Partitur etwa ein Morsecode, denn Boulez widmete die Komposition Paul Sacher und integrierte in dieser Hommage noch mehrere Analogien zu dem berühmten Dirigenten, dessen Name im Wechsel der Tonarten buchstabiert wird. Dies ist zwar im modernen Konstrukt der Musik schwer herauszuhören, auf dem Papier jedoch deutlich zu lesen.

Barbara Hannigan © Elmer de Haas
Barbara Hannigan
© Elmer de Haas

Den Messages folgte mit Henri DutilleuxCorrespondances eine weitere Vertonung von Mitteilungen. Der fünfteilige Zyklus enthält Texte von Rainer Maria Rilke, Prithwindra Mukherjee, Alexander Solzhenitsyn und Vincent van Gogh im Arrangement für Sopran und Orchester. Barbara Hannigans Stimme führte darin als roter Faden durch das komplexe Werk. Wie eine Glasbläserin schien sie die Töne in ihrem Mund zu formen und verlieh den komplexen Melodien eine greifbare Form. Mit exzellenter Technik meisterte sie die Herausforderungen der verschiedenen Sätze, die eine fundierte Tiefe sowie eine klare Höhe abverlangten. Besonders eindrucksvoll gestaltete sie diesen Registerwechsel im dritten Lied: Während Tuba und Akkordeon zart einleiteten, sang sie tief-klagend vom hoffnungslosen „Jamais“ (niemals). Wechselnd zwischen dunkel gehauchten und fast geflüsterten Phrasen arbeitete sie sich geschickt nach oben und vollendete das Stück hoch zwitschernd mit einem hoffnungsfrohen „Toujors!“ (immer).

Eine ganz andere Facette ihrer Sangeskunst präsentierte die Sängerin in der Aria aus Heitor Villa-Lobos' Bachianas Brasileiras. Wieder war das Celloensemble auf der Bühne versammelt, ohne Dirigent, mit Hannigan in ihrer Mitte als ihr Herzstück. Die Streicher begannen mit pizzicato und arco in zwei Gruppen aufgeteilt und fast unmerklich setzte langsam die Sopranstimme dazu mit ein. Zuerst nur auf Silben gesungen verbreitete die Kombination aus Saiten und Stimme die Atmosphäre des brasilianischen Nachmittags. Die Musiker unterlegten dem Sopran ein warmes, rot leuchtendes Klangbett und folgten allen dynamischen Wendungen der Stimme. Langsam und ruhig verging das Stück mit einem einheitlichen Summen aller Musiker, so wie die Sonne beim Untergang am Horizont verschwindet.

Kent Nagano © Felix Broede
Kent Nagano
© Felix Broede
Den zeitgenössischen, teilweise abstrakten Klängen folgten die klar gezeichneten Bilder einer Ausstellung von Mussorgsky und Ravel. Kent Nagano begann die berühmte Komposition mit konsequent straffem Tempo; so erklang die berühmte Eingangsmelodie der Promenade ungewohnt zügig, und es wollte keine Nostalgie in mir aufkommen. Auch im ersten Bild setzte der Dirigent das Tempo unvermindert fort und sorgte nur mit gedehnten Generalpausen für Kontraste in der Interpretation. Im Vorspiel zu Das alte Schloss erfolgte der Bruch in der Geschwindigkeit und die sanft vorgetragene Melodie erinnerte an einen Flussspaziergang. Während die Celli kontinuierlich geebnete Wogen strichen, legten sich die Einwürfe der Geigen und Holzbläser sanft gedämpft darüber. Der muntere Ton war vor allem in den Flöten immer deutlich hörbar und fand seinen Höhepunkt im heiteren Schnattern der Küchlein im fünften Stück. Auch den Streichern erkannte Nagano hier ihre vorantreibende Rolle an und hob sie immer wieder deutlich aus dem Orchestermeer hervor.

Folgend gelang auch den Trompeten eine eindrucksvolle Charakterisierung im Dialog von Samuel Goldenberg und Schmuyle. Letzterem verliehen sie mit leise schnalzenden Tönen eine schüchterne und doch selbstsichere Stimme. Den gemäßigten zwei vorletzten Stücken ließ Kent Nagano Das große Tor von Kiew in prunkvoller Art folgen. Die wiederkehrende Promenadenmelodie erklang zunächst noch etwas verhalten, bis sich dann in einem trotzigem Tutti die Macht des beeindruckenden Konstruktes breit machte. Indem der beharrliche Glockenschlag deutlich über die anderen Musiker ertönte, wurde der Charakter des Finales noch festlicher; das Orchester steigerte Volumen und Intensität zusehends und gestaltete durch die wachsende Spannung einen besonders packenden Abschluss.