Es war ein ungewöhnlich intimer Kammermusikabend: das in Zürich ansässige Gringolts Quartet (Ilya Gringolts, Anahit Kurtikyan, Silvia Simionescu, Claudius Herrmann) eröffnete eine Wochenend-Serie von drei hochkarätigen Quartettabenden im Teatrostudio des LAC (Lugano Arte e Cultura), einem kleinen Saal mit etwa 70 Zuhörern.

Das Quartett zog die Hörerschaft schon mit den ersten Takten von Beethovens Streichquartett  Nr. 6 in seinen Bann. Da war nichts Beiläufiges, nichts Nebensächliches; vielmehr ein Einsatz, Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit, die ihresgleichen suchen. Das Ensemble musizierte durchweg spannungsgeladen, charaktervoll: kein neutraler Schönklang, sondern ein griffiger Ton mit klarer Ansprache und Tongebung, dabei mit minimalem Vibrato, auch nicht vor dem Gebrauch leerer Saiten zurückschreckend. Ich fand die Interpretation dramatisch in Dynamik und Agogik, wach, ebenso über Pausen hinweg. Die beiden Violinen saßen sich gegenüber, das Cello rechts hinten, wodurch sich eine interessante übers Kreuz-Konstellation im Allegro con brio ergab. Die erste Violine und Cello führten diagonal einen regen Dialog, während die Stimmen auf der Gegendiagonalen gemeinsam begleiteten.

Gringolts Quartett © Tomasz Trzebiatowski
Gringolts Quartett
© Tomasz Trzebiatowski

Im Adagio ma non troppo vermied das Quartett übertriebene Süße, sondern legte stattsdessen überzeugend dar, dass selbst dieser Satz zu seiner Zeit revolutionär war: stimmungsvoll, in sich ruhend. Besonders gefielen mir das oft nur verzögert einsetzende, leichte Vibrato, die sotto voce-Stellen ganz ohne Vibrato, oder sehr feine, delikate, aber akkurate Spiccati der ersten Violine. Das Scherzo ist ein äußerst lebhaftes Wechselspiel zwischen den vier Instrumenten, mit starken Kontrasten, trickreichen sforzato-Synkopen, bei denen die Musiker sich nicht scheuten diese auch mit einer betont rauen Tongebung noch hervorzuheben: rasend schnell, mit perfekter Koordination.

Im letzten Satz, La Malinconia, glaubte ich schon Anklänge an den „Gesang eines Genesenden an die Gottheit“ aus Op.132 zu hören: schmerzhaft die revolutionären Harmonien, beinahe in Aufschreie mündend, mit starken dynamischen Kontrasten, die Spannung fast bis zum Unerträglichen steigernd. Das Allegretto quasi Allegro war wieder sehr rasch, virtuos, aber nicht geschliffen oder poliert, sondern wild und extrem engagiert, nicht einfach fröhlich, eher launisch-verzweifelt. Das abschließende Prestissimo war bravourös, wie um das Leben gespielt.

Das Streichquartett Ainsi la Nuit von Henri Dutilleux ist technisch äußerst anspruchsvoll und strukturell nur schwer zu erfassen, denn es fehlen melodisch, rhythmisch oder harmonisch erkennbare Abläufe und Gliederungen. Der Komponist verschleiert selbst die Satzstruktur, indem er eine Einleitung voranstellt und zudem die Teile I-V noch mit kurzen, sehr frei zu gestaltenden Parenthèses verknüpft. Der Komposition liegt auch kein konkretes Programm zugrunde. Man sollte also das Stück wirken lassen und sich den Stimmungen hingeben und genießen! Dutilleux nutzt alle erdenklichen Spezialtechniken, von schnellen Tremoli sul ponticello oder sul tasto, Flageolett oder Glissando, bis hin zu Pizzicati, Töne in extremen Höhen und in rascher Abfolge ineinandergreifende Motiv-Fragmente.

Gringolts Quartett © Tomasz Trzebiatowski
Gringolts Quartett
© Tomasz Trzebiatowski

Das Gringolts Quartett meisterte diese Musik mit immerwährender Präsenz, absolut sicher; sowohl rhythmisch, in der Koordination, als auch in der Intonation. Das einleitende Nocturne evozierte für mich die Geister der Nacht, bis hin zu einem Nachtmahr; im Miroirs d'espace nutzt der Komponist dynamische Kontraste, um räumliche Wirkung zu erzielen. Litanies 1 erinnerte mich an Gemälde mit groben Pinselstrichen und Farbklecksen, etwa von Jackson Pollock, später auch an das Summen eines Insektenschwarms. Im Kontrast dazu drückte das folgende Litanies 2 Verlorenheit, Einsamkeit, die Stille einer Sternennacht aus. Das wild-expressive Constellations klang wie ein beinahe chaotisches Getümmel, oder ein aufgeregtes Gespräch, gefolgt von Perioden der Stille und dahinhuschenden Stimmen. Faszinierende Musik!

Bei Beethovens anspruchsvollem Streichquartett Nr. 8 war das einleitende Allegro rasch, wild in den Sechzehntel-Läufen, sehr expressiv, wobei das vibrato-arme Spiel die Dissonanzen noch deutlich verschärfte – wie revolutionär muss das zu Beethoven's Zeit geklungen haben! Dann diese unheimlichen, spannungsgeladenen pp-Segmente: ein Wechselbad von Energie und Verlorenheit. Kammermusik wie aus einer Seele!

Im Molto adagio verlangt Beethoven explizit, man solle es mit viel Gefühl spielen. Der Satz erklang in einer Ruhe sondergleichen, flehend, die schmerzvollen Intervalle mit minimalem Vibrato fast schneidend. Wo anderseits die Musik aufbegehrte, wirkte die Artikulation bestimmt, verschärft. Das rhythmisch vertrackte Allegretto schien rasch, rebellisch-launisch, aber ohne karikierende Übertreibung: alles andere als gemütlich oder spielerisch wiegende Musik, perfekt im Zusammenspiel der komplementären Rhythmen. Im fugierten Maggiore Mittelteil mit dem Thème russe öffnete sich für kurze Zeit ein Fenster in eine andere, heiterere Welt.

Auch das Presto Finale mit seinem galoppierenden Begleitrhythmus war rastlos, äußerst virtuos und expressiv, mit impulsiven Ausbrüchen und vor allem sehr schnell, bewusst an der Grenze des spieltechnisch Möglichen. Bei jeder Wiederkehr des Rondo-Themas schien sich das Tempo noch zu beschleunigen. Dabei hatte hier Ausdruck klar Priorität vor absoluter Perfektion, der Ausgestaltung raschester Achtelfiguren.

Bei der Zugabe bewiesen die Musiker viel Feingefühl: weiterer Beethoven wäre nach dem vorangegangenen Schwergewicht sicher nicht angebracht gewesen, ebenso wenig ein harmloses Lullaby oder ein fröhlicher Kehraus. Der dritte Satz, Adagio, aus dem Streichquartett in a-Moll, Op.41 Nr.1 von Robert Schumann bildete den perfekten Abschluss für einen denkwürdigen Quartettabend: eher ernst, nachdenklich, aber sehr intensiv und ausdrucksstark, mit wunderbaren Kantilenen.