Béla Bartóks Musik fordert den Zuhörer. Schon in meiner Vorbereitung auf das hier beschriebene Konzert wurde mir das wieder einmal klar; allerdings überraschte mich, wie viel ich von der Musik wieder zurück bekommen sollte.

Jerusalem Quartett © Felix Broede
Jerusalem Quartett
© Felix Broede

Mit dem ersten Ton stand sofort die hohe Identifikation der Musiker des Jerusalem Quartetts mit dem Stück im Raum; es ist immer ein besonderer Moment wenn ein Musiker sich von der Musik gleichzeitig fordern und beschenken lässt. Wenn er hin- und hergerissen ist zwischen diesen Polen, sodass er manchmal richtiggehend um einen Mittelweg kämpfen muss. Der temporeiche Beginn des Fünften Quartetts gab gleich einen Ausblick auf das ganze Konzert und zeigte, wie wohl sich die vier israelischen Musiker in schnellen Passagen fühlten. Dann agierten sie mit beeindruckender Körpersprache, um deren expressiven Gehalt zu unterstreichen. Auch nahmen die Musiker durch Blickkontakt starken Bezug zueinander und betonten so das gemeinsame Spiel. Besonders Cellist Kyril Zlotnikov investierte hierbei, um zum einen die Musik intensiv zu durchleben und zum anderen die Bande zu seinen Mitmusikern zu halten. Auf diese Weise genossen Quartett und Publikum die dynamische Intensität, die sich gerade im ersten Satz ergibt.

Der zweite Satz war ruhiger und breiter, wurde aber auch etwas flacher interpretiert. Hier wollten sich die Musiker scheinbar nicht so auf die angebotenen Emotionsperspektiven einlassen und kosteten die erzählenden Harmoniekaskaden im ersten Teil des Satzes kaum aus; neue Interpretationsrichtungen ergaben sich daraus aber auch nicht. Die harmonisch offeneren Passagen im Verlauf des Satzes wurden wieder konsequenter gespielt und bearbeitet, und abermals wurde deutlich: diese Musiker mögen es, die Fragen selbst zu stellen, anstatt nur die fertigen Antworten des Komponisten vorzuführen.

Diese Aspekte nahmen sie mit in den dritten Satz und arbeiteten dort mit Liebe zum Detail und zur Musik an sich. Das Scherzo bietet viele Möglichkeiten, Kleinteiliges mit hellwacher Akkuratesse zu formen. Häufige Blickkontakte unterstrichen wieder die gemeinsame Konzentration und das Erleben des Gegenübers; so verloren sich alle vier in ihren individuellen Gestaltungsarbeiten, um dann im nächsten Moment wilde Melodienregen und zuckende Rhythmusgebilde kraftvoll gemeinsam zu gestalten. Diese traumwandlerische Sicherheit in den Konzentrationswechseln ließ im vierten Satz etwas nach; jeder wollte hier seine Geschichte erzählen, was manchmal zu Lasten der Synchronität ging. Dennoch wirkte sich die dahinter stehende Anstrengung gewinnbringend für mich als Zuhörer aus und ich konnte die Sinnfragen so selbst miterleben. Auffällig blieb aber auch hier der Unwillen, gefälligere Harmonien breiter auszuspielen. Der fünfte Satz war wieder wie gemacht für das Jerusalem Quartett, und die Musiker flotten mit atemberaubender Technik äußerst unterhaltsam durch den temporeichen Abschnitt.

Mit Joseph Haydn Streichquartett Nr. 53 setzte das Quartett dann vor der Pause noch einen gänzlich unterschiedlichen Akzent. Weniger Spannungsfelder, die dieses Werk im Vergleich bietet, sorgten bei den Musikern für eine routiniertere Interpretation, frei von merklichen Entwicklungsprozessen in der Interpretation. So konnten sich alle drauf konzentrieren, die Musik einfach mit Genuss zu erleben und die angemessene Ausdrucksintensität zu finden.

Bei Bartóks folgendem Sechstem Streichquartett war ich schon im Vorfeld gespannt, wie das Jerusalem Quartett mit dem einzigartigen Merkmal der Mesto-Anteile - kurze, in trauriger Stimmung gehaltene Anfangssequenzen in den Sätzen - umgehen würde – und ich wurde tatsächlich überrascht: die Musiker spielten keinen harten Bruch vom Mesto in den zweiten Duktus hinein, sondern brauchten erstaunlich lange, um die traurige Stimmung des Mesto loszulassen. Ein Umstand, den ich begrüßte, zeigte er doch den Entwicklungscharakter dieser Passagen im Gegensatz zu bloßem Umschalten von Programmen. Im Verlauf des ersten Satzes ließen die Musiker dann die Musik wie ein Gebilde erscheinen das sie zwischen sich hielten und gemeinsam formten. Möglich war das nur mit der hohen Präzision und Synchronität mit der die Musiker hier zu Werke gingen.

Wie zuvor kam der zweite Satz nur langsam aus dem Mesto heraus, um sich dann doch auf die marschähnliche Dynamik einzulassen. Die in der Mitte das Satzes angedeutete Führungsrolle des Cellos führte Zlotnikov mit gut gewähltem Maß aus und spielte sehr erzählend, immer die anderen Musiker im Blick, und alle beeindruckten wieder mit diesem so sicheren Wechsel zwischen Gleichklang und Unabhängigkeit.

Nach einem mit viel Freude an Wechselspielen und kommunikativem Spiel dargebotenen dritten Satz zogen sich die vier Musiker dann regelrecht in den langsamen letzten Satz zurück. Ganz der Entstehung des Satzes angemessen, änderte Béla Bartók ihn ja von seiner ursprünglich schnellen Anlage hin zu einem langsamen Abschnitt, nachdem er vom Tod seiner Mutter erfahren hatte, spielten sie ihn sehr zurückhaltend und breiteten diese Ruhe im ganzen Saal aus. Dies war ein besonderer Schlusspunkt für einen meiner intensiveren und erhellenderen Konzertabende. Die Tatsache, dass die Musiker danach keine Zugabe mehr spielen mochten, war angesichts eines solchen Programms gut nachvollziehbar.