Zur besten Sonntagskonzert-Zeit übertrug der ORF auf fidelio die Wiener Philharmoniker aus dem Musikverein, diesem altehrwürdigen Konzertsaal in Wien, den man Klassikfans nun nicht vorstellen muss. Auch die hervorragende Akustik, die diesen Saal so auszeichnet, wurde durch die Übertragung widergespiegelt. Mit Arnold Schönbergs Verklärte Nacht und der Alpensinfonie von Richard Strauss standen Werke fürs Herz am Programm der Philharmoniker und dem Schweizer Dirigenten Philippe Jordan; gerade die Alpensinfonie ist mit ihrer besonderen Instrumentierung im Schlagwerk für alle OrchestermusikerInnen immer eine willkommene Auflockerung.

Philippe Jordan
© Johannes Ifkovits

Die Verklärte Nacht komponierte Schönberg zunächst als Streichsextett nach einem Gedicht von Richard Dehmel. Erst 18 Jahre später, im Jahr 1917, erstellte er schließlich die Fassung für Streichorchester. Die Wiener Philharmoniker nutzten im Vortrag viele Chancen. Von Beginn an spielten die Violinen in den vordergründigen Melodien ihren bekannt singenden Ton aus, und gaben so den weicheren Teilen des Werkes mehr Gefälligkeit. Derweil bildeten die Bässe mit ihrem schwer ortbaren Wohlklang ein starkes Fundament.

In dieser Anfangsphase erfreute gleich die technisch hervorragende Produktion des ORF, die es verstand, den exklusiven Raumklang des Musikvereins an Instrumentengruppen geheftet darzustellen, die aber auch mit einer sehr stimmbezogenen Kameraführung den ZuschauerInnen eine differenzierte Teilnahme ermöglichte.

In den lebhafteren Passagen des Werkes wirkte die Stimmtrennung manchmal nicht klar genug, wenn die MusikerInnen sehr auf sich konzentriert spielten. Dagegen waren die Einzelmelodien immer glänzend gespielt, die Stimmführer der ersten Geigen und der Bratschen traten hier besonders hervor.

Im zweiten Satz zeigen alle Melodien symphonische Gestaltungsteile, wodurch die Philharmoniker diesen Teil  besonders erzählend und mit Bedacht anlegen konnten. Philippe Jordan leitete das Orchester mit einer Grundgelassenheit, gab aber auch viele explizite Anweisungen, die er teilweise mit überkreuzten Armen ausführte. Seine MusikerInnen konnten die großen Bögen weit und eindrucksvoll spannen, hin zu einem filmisch langgezogenen Schluss, wenn auch vielleicht so manch schwerer Akzent noch intensiver hätte realisiert werden können.

Nach einer Pause begann das Orchester besonders leisetretend Strauss' Alpensinfonie, die geheimnisvolle „Nacht“ betonend. Die tiefen Bläser bildeten eine gute Einheit und schafften die nötige Atmosphäre. Jordan war nun noch engagierter, und legte sich deutlich in den Vortrag, als sein Orchester den ersten Höhepunkt des „Sonnenaufgangs“ intensiv und mit Wucht musizierte. Im Fortgang des Werkes behielten die MusikerInnen diese Vehemenz bei und blieben auch in leiseren Passagen agil und crescendofreudig. 

Besonders die Geigen zeigten sich oft mit engagierter Tongestaltung, vor allem bei den fast flehenden Melodien in „Der Anstieg“, und spielten im zweiten Teil des Konzerts beherzt in die Saalakustik, wodurch sie das Wechselspiel aktiv ausnutzten. 

Die Philharmoniker agierten in weiten Strecken fröhlich erzählend, und gerade bei „Auf Blumige Wiesen“ mit viel Spielfreude, während sie in „Auf dem Gletscher“  majestätisch und breit ausspielen durften. Jordan dirigierte aktiv, mit großen Körperbewegungen und Engagement,  kunstvoll den Witz in Strauss' Musik unterstreichend. Er unterstützte die MusikerInnen bei brillanten Solo-Parts, die Oboe schickte in „Auf dem Gipfel“ ihre Töne tragend, aber mit Bedacht in die Weite, und wurde anschließend vom Orchester wieder breit abgeholt und begleitet.

Beginnend mit dem „Sonnenuntergang“ zog das Orchester dieses große Werk langsam aber stetig immer kleiner, um es schließlich in der „Nacht“ still verklingen zu lassen.


Die Vorstellung wurde vom Livestream auf fidelio rezensiert.

****1