Das letzte der drei Ensembles dieser Wochenend-Serie im LAC war das 1993 gegründete Jerusalem Quartett (Alexander Pavlovsky, Sergei Bresler, Ori Kam, Kyril Zlotnikov). Wie zwei Tage zuvor das Gringolts Quartett, bildeten die Musiker einen fast geschlossenen, relativ engen Kreis, allerdings wie am Vortag das Cuarteto Casals mit den Violinen links, der Viola rechts vorne. Um das Offensichtliche und Erwartete gleich vorwegzunehmen: es wurde eine weitere Sternstunde und zugleich doch gänzlich verschieden von den vorangegangenen Abenden.

Jerusalem Quartett © Felix Broede
Jerusalem Quartett
© Felix Broede

Als Kurzcharakterisierung würde ich die Interpretationen des Gringolts Quartetts als emotional sowohl historisierend, als auch dramatisch-revolutionär bezeichnen. Diejenigen des Cuarteto Casals als instrumental historisierend, aber eher konventionell, näher beim Mainstream in der musikalischen Sichtweise. An diesem Sonntagnachmittag bekamen wir eine weitere Variante zu hören: konventionell in Gestaltung und Ausdruck, die üblichen Tourte-Bögen, dafür Kunst und Technik auf höchstmöglichem Niveau.

Das Konzert begann mit Beethovens Streichquartett Nr. 11, Op.95, auch bekannt unter dem Namen Serioso. Von den ersten Takten des Allegro con brio an war der Konzertverlauf vorgezeichnet: energisches Spiel mit Verve und Hingabe, satte Tongebung, ein zwar nahezu omnipräsentes, jedoch immer ästhetisches, nicht übermäßiges Vibrato. Dies alles mit einer technischen Könnerschaft sondergleichen; perfekt abgestimmt in Dynamik und Artikulation. Intonation und Koordination waren durchweg unfehlbar, die klangliche Balance allererste Liga, und dennoch blieb die Musik stets lebendig, hatte nie den Anschein aalglatter, maschineller Perfektion. Damit ist der Konzertabend schon weitgehend charakterisiert – ich beschränke mich deshalb auf mehr allgemeine Eindrücke:

Das Allegretto ma non troppo erklang sehr expressiv, dicht, perfekt das Zusammenspiel mit genau abgestimmter Tongebung, bis zum leisesten Flageolett, die Ruhe, bei der dennoch die Spannung nie verloren ging. Im Allegro assai vivace ma serioso fiel die Artikulation der punktierten, wilden Segmente vielleicht manchmal etwas breit aus, die sanglichen Segmenten erfreuten umso mehr mit wunderbaren Kantilenen und heiter gelösten Begleitfiguren. Das rhythmisch vertrackte Allegretto agitato des Schlusssatzes demonstrierte Zusammenspiel in Perfektion, wie mit gleichem Herzschlag musiziert. Das abschließende Allegro war sehr virtuos, anfänglich gelegentlich etwas glatt gespielt.

Es folgte das Streichquartett von Prokofjew. Die Einleitung fand ich mehr spielerisch als verbissen perkussiv: trotz Modernität klar neoklassische Musik mit flehenden Melodien, Jubel, aber auch schmerzhaften Aufschreien. Der zweite Satz beginnt Andante molto und einer Figur im Cello, die an Beethovens „ Muss es sein?“ aus Op.135 anlehnt. Es folgte ein Vivace mit ausgezeichnet abgestimmter Tongebung und einem äußerst virtuosen Duell zwischen jeweils einer Zweiergruppe und den Mitspielern. Die Viola präsentierte sich mit sehr schöner Sonorität, obwohl zur Rückwand gerichtet. Interessanterweise war es wie am Vorabend wieder der Cellist, der mit lebendiger Mimik den regsten Blickkontakt mit den Nachbarn pflegte.

Und erneut Prokofjews wunderbare, eingängige Melodik. Das gilt ebenso für das beschaulich expressive Andante: auch hier sind die Melodien klar tonal, aber schier endlos, scheinen nie zu einer abschließenden Kadenz zu finden. Es ist ein oft dichter, intensiver Satz, sowohl ernsthaft wie jubelnd. Erstaunlich, wie die Musiker es schafften, nach dem verklingenden Schluss die Spannung so aufrecht zu erhalten, dass der Applaus erst mit großer Verspätung einsetzte!

Das Allegro von Beethovens Streichquartett Nr. 7, Op.59 Nr.1 war sehr flüssig, jede musikalische Geste saß wie eingegossen. Interessant das permanente Hinschauen, das aktive Mithorchen und die Mimik des Cellisten, von dem die Impulse zu kommen schienen. Das setzte sich im launischen, technisch anspruchsvollen Allegretto vivace e sempre scherzando voller Spiccati fort, bis hin zum schalkhaften Schluss. Das Zeitmaß des abschließenden Allegro mit dem Thème russe war sehr rasch, an der Grenze des Machbaren, Intensivierungen waren nur über leichte Verbreiterungen möglich. Man musste schon genau hinhören, um beim Spiel der vier Musiker ganz selten den einen oder anderen Fehlgriff zu finden. Auch Perfektion hat ihre Grenzen!

Zugabe war der vierte Satz, das exquisite, ausschließlich gezupfte Allegretto pizzicato, aus Béla Bartóks Streichquartett Nr.4 in C-Dur, Op.17, Sz.91 – großartig.

Was bleibt, ist dass das Jerusalem Quartett alles erreicht zu haben scheint, was führende Ensembles der letzten 50 Jahre erstreben und angestrebt haben (um auf niemandes Füße zu treten, erwähne ich hier nur aufgelöste Formationen wie das Alban Berg Quartett, Quartetto Italiano, Melos Quartett Stuttgart). Wer also nach Quartett-Aufnahmen konventionellen Zuschnitts sucht und noch keine besitzt, kann getrost zu Aufnahmen des Jerusalem Quartetts greifen. Allerdings gilt dies nicht für eingefleischte Anhänger des frugalen Originalklangs mit leichter Artikulation, des historisierenden Musizierens und entsprechenden Bögen und Saiten.

Interpretationen wie jene des Gringolts Quartetts bestehen neben diesem Ensemble, bieten sie doch mehr Charakter und Individualität, noch mehr Ausdruck, haben zumindest das Potenzial, Hörer unmittelbarer anzusprechen. Allerdings können sie auch polarisieren, diejenigen außen vor lassen, oder gar abstoßen, die sich auf extreme Emotionalität und Engagement nicht einlassen können oder wollen.