­Wer kennt Niccolò Jommelli? Heutzutage kaum jemand. Und das, obwohl der italienische Komponist vor genau 300 Jahren nahe Neapel geboren wurde und 2014 so ein „Jommelli-Jahr“ hätte werden können: Jommellis Karriere verlief ungewöhnlich steil, sie führte ihn bereits in jungen Jahren in die führenden Musikzentren Europas, seine Hauptwirkungsstätte aber fand er in Stuttgart. Dort ernannte ihn der musikalisch fördernde, politisch allerdings despotische Herzog Karl Eugen zum fürstlichen Oberkapellmeister, und ab 1753 führte Jommelli dort die Hofoper zu höchster Blüte. Als er nach 16 Jahren wieder zurück in seine italienische Heimat ging, verschwanden seine Werke allerdings schnell von den Spielplänen und wurden, wie ihr Komponist, vergessen.

Climene (Jacqueline de Bique) und Teti (Rinnat Moriah) © Annemone Taake
Climene (Jacqueline de Bique) und Teti (Rinnat Moriah)
© Annemone Taake
Ein wenig Aufmerksamkeit ließ ihm nun das Heidelberger Theater angedeihen, wo im Rahmen einer mehrjährigen Reihe mit neapolitanischen Opern des 18. Jahrhunderts Jommellis Fetonte aus der Versenkung geholt wurde - eine Oper, mit der er seine Stuttgarter Zeit gekrönt hatte und deren Uraufführung 1768 als eine der größten Opernsensationen der Zeit galt. Das war im damaligen Opernbetrieb vor allem der spektakulären Ausstattung geschuldet: 450 Komparsen und sogar Reiter sollen mitgewirkt haben, die Bühnenmaschinerie musste zwischen den Tiefen des Meeres und der himmlischen Sonnenbahn quasi den ganzen Kosmos zur Schau stellen, und für die Musik standen Jommelli ein stattliches Orchester und die besten italienischen Sängerinnen und Sänger (darunter mehrere Kastraten) zur Verfügung. Im kleinen Rahmen des Schwetzinger Rokokotheaters fiel diese Opern-Tragödie jedoch eher wie ein Kammerspiel aus.

Choreograf Demis Volpi legte bei seinem Debüt als Opernregisseur viel Wert auf die Personenregie und erzählte die verwickelte Geschichte so ziemlich schlüssig. Wie so oft in barocker Oper fußt auch hier die Handlung auf der Mythologie, komplexe Rollenbeziehungen eingeschlossen: Ermutigt von seiner Mutter Climene, die der Hochzeit mit dem äthiopischen König Orcane entgehen möchte, welcher gemeinsam mit dem ägyptischen König Epafo in ihr Reich eingefallen ist (und der wiederum ein Auge auf Fetontes Geliebte Libia geworfen hat), soll Fetonte für einen Tag den Sonnenwagen seines Vaters lenken. Das Unterfangen misslingt; im großen „Showdown“ stürzt die Sonne herab und entzündet Himmel, Erde und Meer. Hier wäre wohl eine solch opulente Bühnentechnik hilfreich, wie sie bei der Uraufführung zur Verfügung gestanden hatte. In Schwetzingen löst die Regie das wesentlich bescheidener, lässt Fetonte Ikarus-gleich im Gegenlicht in die Tiefe stürzen und den Kosmos nur musikalisch, mit Paukengewalt unter Streichertremoli und blitzenden Flötentönen, zusammenbrechen. Fetonte verglüht, Climene stürzt sich verzweifelt ins Meer, Libia bleibt als einzig Überlebende zurück und löscht den Weltenbrand, indem sie symbolisch ein kleines Kerzenlicht ausbläst.

Libia (Elisabeth Auerbach) und Fetonte (Antonio Giovannini) © Annemone Taake
Libia (Elisabeth Auerbach) und Fetonte (Antonio Giovannini)
© Annemone Taake

Die Musik, mit der Jommelli diese erschütternden Ereignisse beschreibt, zeichnet sich durch große Dramatik aus, wodurch er die bis dahin in formellen Konventionen erstarrte neapolitanische opera seria entscheidend weiterentwickelte. Seine Arien erwachsen im musikalischen Duktus direkt aus den dramatischen Erfordernissen; das vom Orchester begleitete Rezitativ ist ein Markenzeichen seiner Opern, denn sie erlauben durch größere Freiheit in der Nutzung von musikalischen Stilmitteln eine Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten. Fetonte ist da keine Ausnahme und macht wirkungsvollen Gebraucht davon. Felice Venanzoni arbeitet diese Besonderheiten in der Schwetzinger Aufführung mit dem klein besetzten Heidelberger Orchester etwas plakativ heraus, der Klang besitzt insgesamt wenig Volumen und wirkt recht trocken, was den musikalischen Qualitäten der Partitur nicht immer zugute kommt. So leidet beispielsweise die Ombra-Szene, in der Fetonte die Geister der Ahnen um Hilfe anfleht, und das recht zügige Tempo trägt nur bedingt zur Wiederbelebung der Atmosphäre bei. Sehr klangschön und ausdrucksstark hingegen tun sich die Flöten hervor, die den verliebten Orcane in seiner Arie als eitel stolzierenden Pfau darstellen.

Das junge Ensemble nimmt sich dieser Opernausgrabung mit großem Engagement an. In der Titelrolle gibt Countertenor Antonio Giovannini überzeugend den zaghaften Jüngling, der fortwährend an seinem Fluggerät tüftelt, statt endlich zu handeln, in empfindsamen, elegischen Arien, die er mit flexiblem Linien und makellosen Koloraturen singt. Libia ist durch das Libretto als eher passive Frauengestalt konzipiert, die Sopranistin Elisabeth Auerbach anrührend schön als leidende Verlassene charakterisiert. In der heroischen Rolle der Königin Climene trumpft Jeanine De Bique virtuos auf; mit gewaltiger Emphase schleudert sie die spitzen Koloratur-Pfeile aus.

Fetonte (Antonion Giovannini) © Annemone Taake
Fetonte (Antonion Giovannini)
© Annemone Taake

Die große Einfachheit, mit der die Regie hier den inszenatorischen Problemen eines barocken Opernspektakels begegnet, ist ein Kniff, der gefallen kann, der jedoch nicht immer funktioniert: Weniger überzeugend gelöst ist das Kriegsgetöse, das die beiden fremden Könige um Climenes Reich, Hand und Tochter veranstalten. Der Regisseur lässt sie eine Art Seeschlacht in Clubsesseln ausfechten, was (wohl absichtlich) ein bisschen unreif wirkt, aber aus rein praktischen Gründen nicht immer glatt funktioniert. Schöne, weniger minimalistische Bilder entstehen hingegen durch die barock anmutende Kostümpracht der Götterfiguren, gegen die das Fünfziger-Jahre-Ambiente um Libia und Fetonte dann doch sehr bieder wirkt.

Mag diese Produktion auch einige Wünsche offen lassen, so begeistert doch der Enthusiasmus und Gestaltungswille der Sänger und sie trägt dazu bei, Niccolò Jommellis Werke zu seinem 300. Geburtstag wieder zu mehr Bekanntheit zu verhelfen.

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