Zu großen runden oder bestimmten Geburtstagsfeiern erfreuen sich sowohl der Jubilar als auch die Gäste einer Besonderheit. Wie ist das bei einem ganz speziellen Künstler? Ganz genauso, natürlich musikalisch. Zu seiner nachträglichen Feier des 75. Geburtstags bekam Jordi Savall eine kleine Tournee in wunderbaren Konzertorten in Europa mit dem enthusiastischen Concerto Copenhagen geschenkt. Unter dem Thema Earth, Wind & Fire reflektierten sie mit und für die Gäste die das Geburtstagskind ausmachende Eigenschaft: die Grenzen überschreitende, spirituelle Kraft der Alten Musik. Und mit dem Sujet der Elemente hätte das nicht besser gewählt sein können.

Concerto Copenhagen © Francesco Galli
Concerto Copenhagen
© Francesco Galli

Dass die vertonten Naturgewaltsschilderungen von Sturm, Donner, See- und Erdbeben im Konzert jedoch beherrschbar blieben und nicht zu gewaltig wurden, lag an Savalls sonnigem Gemüt. Sind sie in Wirklichkeit zwar extremer, verzeiht man an einem solchen Feiertag den Verzicht auf diskussionswürdige Experimente. Umso akkurater und für alle vermittelnd freudiger, löslicher und homogen war die Umsetzung durch das Ensemble. Besonders geschmeidig und galant kam so Lockes Satzsammlung aus The Tempest daher, natürlich aufgrund der tänzerischen Zwischenaktmusiken, aber auch im überfallenden Seesturm des Curtain tune mit leichterer Brise. Nach sehnigen Vor- und Nachläufern mit zackigen Punktierungen und trommelndem Wach-auf sowie dem Intro der Windmaschine erahnte man mit den kräftigeren Streicherwallungen nur die kritische Szenerie. Gut geölt präsentierten sich dabei auf jeden Fall die Musiker des Concerto Copenhagen mit luftigen Traversflöten, Oboen, Blockflöte und Fagott; ganz im Gegensatz zur Feder des Konzertmeisterstuhls, der lauter quietschte als ein mögliches Donnergrollen und das Hörerlebnis beeinträchtigte.

Als Gast unter Gästen erlebte Savall dann vor mir sitzend das Ständchen des Orchesters, in dem Leiter Fredrik From glücklicherweise seinen Platz verließ und das Solo in Vivaldis virtuosem Konzert La Tempesta di Mare übernahm. Hier allein schlug es endlich hohe Wellen: Solist From ließ sie mit rasenden Läufen über die Lagen der E-Saite in den beiden Presti auftürmen. Anstatt sich von ihrer Schwierigkeit beherrschen zu lassen, beherrschte er die Wasserstürme kunstvoll, zeitweise auf der Gischtkrone reitend. Mit pulsierender Energie und gleichsam gefälligem Beritt der Lüfte spielte das Ensemble auf, wobei Geigen und Bratschen die wässrigen, eruptiven und windigen Massen mit dynamischer Akzentuierung aufstockten und die fünf Bässe die Stärke mit wummernder Bedrohlichkeit demonstrieren konnten. Im zwischenzeitlichen Largo verkörperte das wunderbare Team die Ruhe nach und vor dem nächsten Sturm mit mäßigender, spiegelnder, säuselnder, nur vermeintlicher Stille des bebenden Meeres in der Seichte des Solos und den staccato-Achteln der Begleitung.

Jordi Savall © David Ignaszewski
Jordi Savall
© David Ignaszewski
Hatte der für seine Leistung zurecht gefeierte Solist dann noch selbst sein störendes Möbel getauscht, feierten die Musiker mit Telemann und seiner Wassermusik nicht nur wieder mit dem Dirigenten auf der Bühne Savalls Ehrentag im Nachhinein, sondern auch das große Jubiläum des Komponisten selbst im Voraus. Wie eigentlich kein Zweiter steht Telemann ja für die einfallsreiche und plastische Nachbildung der Natur. Übereinstimmend mit dem Orchester vergrößerte sich der Geburtstagsspaß daher, sodass dem mimischen und gefühlten Ausdruck der spielerisch-artikulatorische folgte. Mit frischer Verve und sprudelnden Instrumentalisten regte sich die Hamburger Waterkant, die unter nachfolgendem Pusten der Meeres- und Windgötter aber mit Savalls schützender Hand nicht übertreten werden sollte. In milderer Windstärke, dafür trotzdem unterhaltend und nachzeichnend, fluteten die Gefahr witternden Blockflöten, Fagott, die dynamisch-kernigen Streicher, Schellen und Windmaschine die Ohren mit dem geschmacklich Gefälligen der Gezeitenhochstände. Zu Heftigkeit und Feier doppelt passend artete auch das lustige Treffen der Bootsleute nach Ebbe und nochmaligem Aufkommen des aufbrausenden Pendants nicht aus.

Voll im Griff hatte das Concerto Copenhagen zudem die Elemente eines Rebel, der dieses Jahr schon einen runden Geburtstag feierte, zunächst begonnen mit der einzigartigen Vorstellung des Chaos, deren experimentelle, atmosphärische und schwierige Ausformung das Ensemble makellos kompakt bewältigte. Scharfe Sopranblockflöten und Streicher, die in ihren Ausbrüchen treu und kräftig ihre Akkorde schrubbten, lieferten dafür im ersten Überblick der Elemente den großen Rahmen. Verfeinert wurden diese durch ein detaillierteres Aufblühen der elementaren Travers- und Altblockflöten unter akzentuiertem, straffem Strich oder mit variantenreichen Soli à chambre. Wurde es mit dem Horn im zweiten Teil schon zünftiger und vor dem musikalischen Gestürme der Caprice im glatten Solo-Quartett nochmals ruhig, sorgten die kantigen Jagdbläser für ein buntes Durcheinander. Letztlich in Naturverbundenheit fast zu Hause fühlte sich das Ensemble in beschließenden, volkstänzerischen Tambourins.

Savall verabschiedete seine Gäste vor obligatorischen Rausschmeißer-Gaudis einer Bourée d'Avignonez und eines Boréades-Contredanse mit einem klug zusammengestellten Donnerwetter und Beben Rameaus, der in seiner Lautmalerei und seinem Können Telemann mindestens ebenbürtig ist. So entwarf er durch grummelnde, schlagende und prasselnde Unwettersätze aus seinen Werken sowie innig-seelige Airs, welche das Orchester jeweils in Kraft und Anmut am trefflichsten aufbereitete, das brodelnde Auf und Ab der Elemente. Happy Birthday, Jordi Savall!