Die Wiener Volksoper landete bereits anno 1982 mit Kálmáns Csárdásfürstin einen Riesenerfolg; die Inszenierung von Roman Herzl stand seither über dreihundertmal auf dem Programm und war auch bei zahlreichen Auslandstourneen zu bewundern. Aber letztendlich ist Die Csárdásfürstin, auch nur ein „Mädi vom Chantant“, und irgendwann nimmt man sich einfach eine neue.

<i>Die Csárdásfürstin</i> © Volksoper Wien | Barbara Pálffy
Die Csárdásfürstin
© Volksoper Wien | Barbara Pálffy

Wobei das Vorhaben, eine adäquate Nachfolgerin für diese prominente Grande Dame der Operette zu finden, wohl eher eine komplexe Aufgabe war. Ermutigt dazu haben die bejubelten Überraschungscoups, die man mit Peter Lunds Regiearbeiten zu Frau Luna und Axel an der Himmelstür landete. Die Entscheidung für diesen Regisseur war richtig, denn eine ambitioniertere, witzigere und optisch ansprechendere Produktion als die neue Csárdásfürstin muss man erst einmal auf die (Straps‑)Beine stellen.

Zusammen mit dem musikalischen Leiter Alfred Eschwé hat Peter Lund ein paar sinnstiftende Neuerungen umgesetzt; die hervorstechendste ist, das Stück nicht im Budapester Orpheum beginnen zu lassen, sondern das Verlegenheitspaar Edwin und Stasi in der düsteren Bibliothek von Edwins hochadlig-konservativen Eltern auf ihre Verlobungsfeier warten zu lassen. Edwin, der seine unstandesgemäße Liebe aus Budapester Zeiten nicht vergessen hat, packt in der Aussicht auf die Ehe mit der schlicht gestrickten Cousine das Grauen: Wie in einem Horrorfilm beginnen die Wände zu wackeln, und durch einen Spalt in der Wand hört man die ersten, gruselig-fernen Rufe von „Heia in den Bergen“, die schnell in den großen Auftritt von Sylva Varescu im erwähnten Orpheum in Budapest übergehen.

Elissa Huber (Sylva Varescu) © Volksoper Wien | Barbara Pálffy
Elissa Huber (Sylva Varescu)
© Volksoper Wien | Barbara Pálffy

Mit einem derartig überwältigenden Auftritt steckt man sich die Latte für den Rest des Abends hoch, doch es wird gehalten, was man sich vom Beginn verspricht. Alles wirkt flüssig und auch die Pointen fallen in der Textbearbeitung von Lund locker-flockig; nichts wirkt plump oder gekünstelt. Eine originelle Idee ist es auch, den Chor tanzen zu lassen und umgekehrt das Ballett ein wenig singen zu lassen – das ließ die Mädis vom Chantant äußerst natürlich und charmant wirken.

Elissa Huber (Sylva Varescu) und Lucian Krasznec (Edwin) © Volksoper Wien | Barbara Pálffy
Elissa Huber (Sylva Varescu) und Lucian Krasznec (Edwin)
© Volksoper Wien | Barbara Pálffy

Das sagt aber auch einiges über die Ansprüche aus, die ans Personal gestellt werden – die Gage verdient man sich mit dieser Sing- und Tanz-Tour-de-Force wohl schwerer als an anderen Abenden, aber sichtlich sind alle begeistert dabei. Besonders hervorzuheben sind die Darstellerinnen der Titelheldin: sowohl Elissa Huber (die in der Premiere zu sehen war), als auch Ursula Pfitzner in der hier besprochenen Vorstellung sind zwei Könnerinnen ihres Fachs – als Sylva Varescu war Pfitzner ein echtes „Teufelsweib“ mit überzeugenden stimmlichen und schauspielerischen Qualitäten, von sportlicher Kondition ganz zu schweigen.

Als Liebhaber Edwin war an diesem Abend Szabolcs Brickner zu erleben. Die Rolle des Fürstensohns, der mit seiner Budapester Liaison die Eltern in Wien kompromittiert, ist insofern schwierig, als Edwin in seiner jugendlichen Naivität bei seinen Eltern, seiner Cousine Stasi, und nicht zuletzt bei Sylva für einen emotionalen Scherbenhaufen sorgt. Den heißblütigen, den Eltern trotzenden Sohn nahm man Brickner jedenfalls ab, den Wiener aufgrund seines ungarischen Akzents aber eher nicht; allerdings stört das in einer Operette der K&K-Zeit auch nicht. Seine hohen Töne traf Brickner genau, nur der mittleren Lage täte mehr Stabilität gut.

Ursula Pfitzner (Sylva Varescu) © Volksoper Wien | Barbara Pálffy
Ursula Pfitzner (Sylva Varescu)
© Volksoper Wien | Barbara Pálffy

Das übrige Personal der Csárdásfürstin besteht bis auf den militärisch-zackigen Baron Rohnsdorff (Christian Grafs Darstellung weist schon voraus in die Nazizeit) praktisch nur aus Sympathieträgern; dabei tat sich Jakob Semotan als Boni besonders hervor. Wie geschmeidig dieser Mann mit seiner wienerisch-gemütlichen Statur tanzt, ist bewundernswert, und sein Witz wickelte die Varieté-Damen, Stasi (mit Soubretten-Charme wie immer entzückend: Johanna Arrouas) und das Publikum gleichermaßen um den Finger. In dieser Inszenierung dokumentiert Boni das Zeitgeschehen und Sylvas Karriere in Amerika mit der Kamera, womit man ein paar passende Videozuspielungen von Wochenschau-Material zu sehen bekommt.

Axel Herrig als ältlich-abgeklärter Nachtvogel Feri Bácsi bildete mit Boni ein kongeniales Duo, und die Szene, in der sich Edwins Mutter als Feris Jugendliebe entpuppt, ist geradezu köstlich: Wie Sigrid Hauser die Wandlung von der blasierten Fürstin Anhilte zur Straps-tragenden Kupfer-Hilda aus dem Orpheum im Miskolc hinlegte, war großes Theater; außerdem bekommen die beiden junggebliebenen „Alten“ bei Lund und Eschwé ein ungarisch-temperamentvolles Duett. Volksoperndirektor Robert Meyer ging den Fürsten Lippert-Weylersheim als schnarrenden Pantoffelhelden an, dessen Ehe durch die Geschehnisse letztendlich profitieren dürfte.

Sigrid Hauser (Anhilte von und zu Lippert-Weylersheim) und Boris Eder (Feri Bácsi) © Volksoper Wien | Alfred Eschwé
Sigrid Hauser (Anhilte von und zu Lippert-Weylersheim) und Boris Eder (Feri Bácsi)
© Volksoper Wien | Alfred Eschwé

Das alles spielt sich in einer veritablen Kostümschau von Daria Kornysheva ab, die schon auf die Zwanziger Jahre verweist; bemerkenswert sind vor allem die cartoonartig überzeichneten und trotzdem sehr sexy wirkenden Nachtklub-Outfits; und auch die kostümierte Ahnengalerie bei der erwähnten Verlobungsfeier macht optisch viel her. Sylvas Bademantel ist dem Portrait der Elsie Altmann-Loos abgeschaut, welches der Aufmacher für die aktuelle Madame d’Ora-Schau im Leopold-Museum ist. Als Society-Fotografin portraitierte letztere viele Berühmtheiten von Alban Berg bis Coco Chanel und prägte die Ästhetik ihrer Zeit mit.

Nicht nur optisch, auch musikalisch war der Abend ein voller Erfolg; wenn mit Alfred Eschwé der Grandseigneur des Operettendirigats am Pult steht, kommt bis auf ein oder zwei Kiekser nur Erfreuliches aus dem Graben – mit dieser Csárdásfürstin hat man definitiv einen Volltreffer gelandet.

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