Erwartungsvolle Spannung herrschte im Saal vor Emanuel Ax' Recital beim Klavier-Festival Ruhr. Darin bot er dem Düsseldorfer Publikum ein reines Beethoven-Programm, an dessen Spitze mit der Pathétique und der Appassionata zwei der bekanntesten Werke der Klaviermusik standen.

Emanuel Ax © Lisa Marie Mazzucco
Emanuel Ax
© Lisa Marie Mazzucco
Der gebürtige Pole, der jedoch in den USA aufgewachsen ist, zauberte den Zuhörern mit seiner frohmütigen Erscheinung schon beim Betreten der Bühne ein Lächeln auf die Lippen. Locker setzte Ax sich an den Flügel und begann Beethovens Achte Sonate. Anders als die Appassionata oder Mondscheinsonate wurde die Grande Sonate pathétique vom Komponisten selbst so betitelt. Ob damit die oft als traurige oder gar wütende Tonart c-Moll charakterisiert werden sollte oder aber eine erhabene Leidenschaft gemeint war, ist nicht klar. Emanuel Ax' Interpretation war jedoch geprägt von einer immensen inneren Ruhe und vermittelte dadurch tatsächlich etwas von Erhabenheit.

Außergewöhnlich schnelle Tempi wurden nicht verwendet, ganz im Gegenteil: Ax ließ sich von nichts und niemandem antreiben und nahm sich Zeit, jeden Ton einzeln zu formen, aber nicht zu ausgedehnt zerfließen zu lassen – ein unverkennbares Charakteristikum seiner Interpretation, das den gesamten Abend prägte. Transparent und klar waren sein Spiel, das durch einen vorsichtigen Gebrauch des Pedals begünstigt wurde. Dennoch waren die Läufe sehr weich und schienen in endlosen Strömen ineinanderzufließen.

Entgegen diesen weiten Bögen, die Ax in der Pathétique zeichnete, gestaltete er Beethovens Klaviersonate Nr. 16 kleingliedriger und kompakter. Zu Recht verärgert war Beethoven, als er entdeckte, dass dieser Sonate im Druck vom Verleger Hans Georg Nägeli einige Takte hinzugefügt wurden. Umso schwerer wiegt diese „Ergänzung“, wenn man vor Augen hat, dass Beethoven hier neue Wege des Sonatenschaffens gegangen ist. Ein Spiel mit Tonarten und harmonischen Abläufen sind in seiner Sechzehnten Sonate in traditionelle Strukturen gepresst, doch leichtfüßig als wäre es eine Mozartkomposition kam dieser Beethoven bei Ax. Die Achtelbegleitbewegung, die sich durch den zweiten Satz zieht, spielte er präzise und gleichmäßig wie ein Uhrwerk, gestaltete alle Töne mit gleicher Dynamik und Intensität.

Anders als manche Darstellungen und Anekdoten, die Beethoven als einen griesgrämigen Musiker schildern, zeichnete Emanuel Ax das Bild eines freundlicheren Beethoven, indem er eine Prise Witz und Verschmitztheit in sein Spiel streute. Vor dem großen Abschluss mit der Appassionata spielte Emanuel Ax Beethovens Polonaise in C-Dur als ein kleines Intermezzo. Mit seinem kurzen aber dennoch weichen, getupften Staccato ließ Ax die Melodie des polnischen Tanzes seine Kreise ziehen, bevor er fast nahtlos in die letzte Darbietung des Abends überging.

Einer Schilderung von Beethoven Schüler Carl Czerny zufolge hielt der Meister seine Sonate in f-Moll, Op. 57 für seine „Größte“. Der Kritiker Joachim Kaiser bezeichnete sie als „das leidenschaftlichste klassische Drama, das für Klavier komponiert wurde“, der Hamburger Verleger August Cranz gab der Sonate schließlich den Titel Appassionata. Berühmt das pochende Achtelmotive im ersten Satz, dessen sich Beethoven gerne öfter bediente, wie wenige Jahre später in seiner Fünften Symphonie. Bei Ax hatte dieses Motiv durch etwas ausgedehntere Pausen zwischen den Motivelementen weniger etwas Bedrohliches als etwas positiv Erwartungsvolles. Im zweiten Satz war der große Einheitsgedanke in Emanuel Ax Spiel sehr deutlich in der abgestimmten Kommunikation zwischen linker und rechter Hand zu spüren; spielerisch und mit großem Gleichmaß tappte die Melodie von rechts nach links und zurück.

Die Ruhe und Akkuratesse in Ax' Spiel löste sich überraschenderweise nicht etwa in der Pathétique oder Appassionata, sondern im reich ornamentierten Thema zum Ende der Sechs Variationen über ein Originalthema, dessen Variationen revolutionär alle in einer anderen Tonart stehen. Hier verließ Emanuel Ax seinen gesetzten Rahmen vom technisch perfekten und detaillierten Spiel und glänzte bei sehr direktem Anschlag und festem Ton mit freierem Spiel und großem Klangfarbenreichtum.

Jede der fünf Beethoven-Kompositionen in diesem Recital wirkte wie ein perfekt geschnürtes Paket, das durch einen ausbalancierten dynamischen Rahmen definiert war, der gleichmäßig nach oben und unten ausgereizt wurde. Dabei waren Ax' Interpretationen sehr glatt und ebenmäßig und mit großer Akkuratesse gespielt, bei der jeder Ton präzise und gleichberechtigt präsentiert wurde.