Unter das Motto Träume – Albträume stellt Andrè Schuen seine aktuelle Liederabend-Tournee, die den Bariton, der seine Karriere einst im Opernstudio der Grazer Oper begonnen hatte, nun zurück in die Stadt an der Mur führte. Gemeinsam mit seinem langjährigen Klavierpartner Daniel Heide nahm er das Publikum im Stefaniensaal dabei mit auf eine Reise, die all die vor allem des Nachts auftretenden Seelenzustände – von träumen und hoffen bis hin zu zittern und bangen – auslotete.

Andrè Schuen und Daniel Heide © Christoph Köstlin | Deutsche Grammophon
Andrè Schuen und Daniel Heide
© Christoph Köstlin | Deutsche Grammophon

Eingerahmt wurde der Abend von Liedern von Richard Strauss, wobei ein weiter emotionaler Bogen gespannt wurde: vom Frühlingsgedränge über Allerseelen und Breit’ über mein Haupt bis hin zu den Vier Liedern. Schuens Stimme zeigte sich dabei in allen Lagen bemerkenswert geschmeidig und schön geführt; mit perfekter Textdeutlichkeit entwickelte er ein unmittelbar packendes, erzählerisches Moment, das die Gedichte zum Leben erweckte. Und auch vokal blieben keine Wünsche offen: Zarte Piani standen strahlenden Höhen gegenüber, immer getragen von Schuens warm schimmerndem Timbre. Besonders Heimliche Aufforderung überzeugte mit übermütig hervorbrechendem inneren Drängen, während Morgen! in stiller Melancholie nachklang. Heide erwies sich dabei als überaus umsichtiger Liedpartner, dessen elegantes Spiel sich stets wunderbar organisch mit der Stimme verband.

pbl
pbl

Einen ersten Höhepunkt des Abends bildeten vor der Pause Richard Wagners Wesendonck-Lieder, in denen sich Traum und Albtraum auf besonders eindringliche Weise verschränken. Oft bietet sich nicht die Chance, sie von einem Bariton zu hören – umso schöner ist es dann, sie in einer erstklassigen Interpretation dargeboten zu bekommen. Mit großer Sensibilität näherte sich Schuen den schwebenden, entrückten Klangwelten, ließ aber zugleich die unterschwellige Unruhe und Sehnsucht stets spürbar werden. Besonders Im Treibhaus geriet dabei zu einem eindrucksvollen Moment, in dem Beklemmung, Freiheitsdrang und Entrückung fein austariert aufeinandertrafen. Schuen überzeugte zudem durch eine differenzierte Dynamik und kontrollierte Zurücknahme seiner Stimme in zarteste Piani; Heides Spiel, das den ganzen Zyklus hindurch ideal zwischen zartem Schweben und aufwallender Dramatik changierte, komplementierte die emotional aufgeladene Stimmung der Interpretation.

Selten auf der Konzertbühne zu hören sind die Lieder von Alexander von Zemlinsky, der lange im Schatten seiner berühmteren Zeitgenossen stand. Dabei bietet der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstandene Zyklus Turmwächterlied und andere Gesänge viel Spannendes. Zwischen spätromantischer Klangfülle und feinsinniger Textausdeutung der zugrunde liegenden Lyrik entfaltet Zemlinsky eine dichte, oft melancholische Atmosphäre. Naturbilder, Nachtstimmungen und existenzielle Themen wie Vergänglichkeit und Hoffnung prägen die vier Lieder.

In der Interpretation von Andrè Schuen und Daniel Heide wurden diese Kontraste besonders eindrucksvoll hörbar. Schuen arbeitete die Spannungsfelder der Lieder mit großer Differenziertheit heraus, indem er etwa im Turmwächterlied seine Stimme deutlich zurücknahm und den Text mit einer fast betenden Innigkeit gestaltete und Heide schuf in Mit Trommeln und Pfeifen eine düster-unheilvolle, beinahe traumatisch anmutende militärische Klangwelt.

pbl
pbl

Drei Zugaben erklatschte sich das enthusiastische Publikum – bereits nach den Wesendonck-Liedern waren erste Bravo-Rufe ertönt – schließlich nach dem offiziellen Programm. Strauss’ Zueignung und Schumanns Entflieh mit mir und sei mein Weib gestaltete Schuen einmal mehr mit eleganter Linie und sanftem Klang, bevor er mit einer wunderbar elegischen Interpretation von Schuberts Du bist die Ruh noch einen letzten magischen Moment schuf.

*****