Von Boogie-Woogie und modernen Alltagsbesänftigungen bis zum Riss (Split) in der menschlichen Seele: Lucy Guerin wird zur Urheberin einer Phantasmagorie der zivilisatorischen und der archaischen Menschheitsgeschichte, die auf der Bühne des Théâtre des Abesses kondensiert. Split ist eine Zeitreise in zwei unterschiedliche Arten des Bewusstseins: in ein Ur-Bewusstsein und in eines der Taktung des modernen Lebens – gesplittet wird die menschliche Seele, versinnbildlicht durch einer rückwärts laufenden Fibonacci-Folge.

<i>Split</i> © Gregory Lorenzutti
Split
© Gregory Lorenzutti

Ein erstes großes Rechteck wird in der Mitte aufgeteilt. Dessen Hälfte wird wieder geteilt, bis eine Idee von Unendlichkeit durch das weitere Dividieren suggeriert wird, die einer Visualisierung der Fibonacci-Folge entspricht. Der Raum wird also zunehmend kleiner und die Tänzerinnen müssen sich zeitweise aufeinander bewegen, um nicht die bedeutungsvolle Grenze zu überschreiten. Mit den zwei Modi des Bewusstseins werden auch zwei Zeitebenen skizziert: Die erste, im großen Raum, dauert anteilig am längsten und ist eine perfekte Synchronisation von Wiederholungen zum organischen Pulsieren einer Musik, die nur aus einem an- und abschwellenden Rhythmus besteht. Ausladend expressive Bewegungen, ein Schaukeln der Hüften und kleine Bewegungen werden in der Wiederholung des Rhythmus synchronisiert. Guerin kreiert damit eine sonderbare Welt, die eine Sogwirkung entfacht. Dann wird der erste, große Raum geteilt und die andere Zeitebene kommt zum Vorschein. Rituelle Handlungen, Bodenscharren, Wedeln mit den Händen, auch Alltagshandlungen sind erkennbar. Jedoch arbeiten die Tänzerinnen, Melanie Lane und Lilian Steiner, hier gegeneinander und reiben und drücken sich, wohingegen in der anderen Ebene ein Miteinander stattfindet, bei dem niemals die andere auch nur berührt wird. So spitzt sich abwechselnd der Ablauf zu, der Raum wird in dem Maße enger wie die Tänze in den kleineren Räumen auch kürzer werden, alles ist auf die teilende Struktur des Stückes abgestimmt.

<i>Split</i> © Gregory Lorenzutti
Split
© Gregory Lorenzutti

In Dauerschleife läuft ein warmer, pulsierender Rhythmus, der sich nie verändert und alles, was innerhalb der Rechtecke passiert, strukturiert und immerwährend erscheinen lässt. Der alternierende Rhythmus gibt ebenso den Tänzerinnen den Rückhalt ihre Bewegungen zu koordinieren. Dabei fällt auf, dass sich Lilian Steiner und Melanie Lane von Beginn an in die Musik fallen lassen können. Die Vertrautheit mit den choreographierten Bewegungen scheint so groß, dass sie zu Triebfedern für eine Aktivierung des Zuschauers werden. Gebrochen, aber auf nicht störende Weise, wird dieses Treiben durch das Zergliedern des Raumes. Die Tänzerinnen kleben mit dem weißen Klebeband selbst den Boden ab, dabei werden sie zu privaten Personen. Das Faszinierende folgt: Sie begeben sich wieder in ihren Raum, die Musik schwillt an und man kann die Transformation in die Figur der Performance, diesen kurzen Kippmoment, förmlich spüren. Steiner und Lane holen den Zuschauer immer wieder ab, ihre Verlässlichkeit ist dabei wegweisend.

<i>Split</i> © Gregory Lorenzutti
Split
© Gregory Lorenzutti

Zum einen ist das rhythmisierende Konzept, das den Raum enger macht, ein Konzept, dass sich erst im Laufe des Zuschauens entpuppt und genau dadurch seine Wirkmacht entfaltet. Damit ist auch ein unsichtbarer Rahmen für das Werk gesteckt, der alles auf eine Zuspitzung hinauslaufen lässt, die man spürt, noch bevor sie gewiss wird. Vor allem fasziniert die mathematische Herangehensweise, weil der Ablauf der Fibonacci-Reihenfolge in Richtung der Nullstelle, also absteigend (eigentlich beschreibt die Folge ein Wachstumsmuster in der Natur, das Guerin umkehrt zur unendlichen Division und der Frage nach dem Ursprung), an Geschwindigkeit aufnimmt. Durch die Beschleunigung der Performance wird der Betrachter auf die Frage gedrängt wird, wie das Werk enden kann. Es ist aber nicht nur eine Engführung des Raumes, die an Lars von Triers Dogville erinnert. Guerin gelingt ebenso eine schillernde, phantasmagorische Collage von zivilisatorischen Prozessen.

<i>Split</i> © Gregory Lorenzutti
Split
© Gregory Lorenzutti

In den Partien, wo Lane und Steiner gegeneinander arbeiten, ist Lane die Person im Kleid, die die „tierische“ Steiner, den Überlebens- und Urwillen der Menschheit, immer wieder zu unterdrücken versucht. Triebe in die Enge zu treiben resultiert freilich nur selten in Individuationsmomenten. Damit spannt Guerin einen Verweis auf den Moderne-Mythos, der das heutige Leben vieler Menschen bestimmt, nämlich die vehemente Durchorganisation des Lebens auch als individuelles Glück zu verstehen. Was sie ebenso zeigt: eine kurze Zigaretten-Geste oder ein Boogie-Woogie-Moment tauchen als Schnipsel in der Collage auf, werden aber von der nackten Tänzerin gespiegelt. Der kritische Blick auf diesen Mythos schreibt sich in die Dramaturgie des Werkes ein und verleiht ihm eine anziehende Energie. Die archaische Seite wird ebenso zur Schau gestellt, wie die vermeintlich zivilisatorische. Welche Bedürfnisse, Triebe und Instinkte durchbrechen noch heute unser modernes Leben? Guerin verwebt diese Fragen in Split zu einem Kondensat, zu einem Knäuel der Fragen des Seins, ohne einen pädagogischen Zeigefinger zu erheben und ohne einfache Antworten zu geben. Angesichts dieser Leistung tourt ihr Stück seit der Premiere 2017 in Australien um die Welt und findet gerade im engen Paris, wo ein strenger Arbeitstakt und enge Räume präsenter sind, denn je, einen verdienten, großen Beifall und Begeisterung. Man wünscht Guerin und ihren Tänzerinnen, dass sie mit diesem Werk einen kleinen Moment der Tanzgeschichte schreiben dürfen.

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