Von der winterlich eisigen Kälte draußen spürte man spätestens nach dem ersten Ton von Tschaikowskys Violinkonzert im beinahe ausverkauften Saal der Kölner Philharmonie nichts mehr. Die klangliche Wärme des Gürzenich-Orchester und Michael Sanderlings gab dem Anlass dieses vorweihnachtlichen Benefizkonzertes einen schönen Rahmen und bot Midori eine solide Basis, auf der sie sich voll entfalten konnte. Die Solistin, die 2007 selbst vom Generalsekretär der Vereinten Nationen wegen ihres sozialen Engagements zur Botschafterin des Friedens ernannt wurde, beeindruckte in einem der anspruchsvollsten Violinkonzerte des 19. Jahrhunderts vor allem mit ihren grazilen und ausdrucksvollen Bewegungen und einer einwandfreier Technik. Auch, wenn ihre Mimik manchmal nicht viel verriet, sprachen die Arme und Beine umso mehr. Dies wirkte jedoch nicht aufgesetzt, sondern unterstütze den romantisch-dramatischen Charakter.

Midori © Timothy Greenfield-Sanders
Midori
© Timothy Greenfield-Sanders

Mit dem ersten Bogenstrichs enthob Midori das Publikum in die liebliche Stimmung des ersten Themas und ließ energische, drängende Sechzehntelläufe nicht nur musikalisch, sondern auch körperlich sprechen. Für das Publikum war es besonders schön zu sehen, wie die Solistin und der Dirigent miteinander kommunizierten, sei es durch Blickkontakt oder durch ein dezentes Bogenschwenken. Michael Sanderling führte das Gürzenich-Orchester in von Midori freier ausgeführten Passagen sicher durchs Konzert.

Von den stehenden Ovationen des Publikums ließ Midori sich bald mit der Fuge aus der Ersten Violinsonate in g-Moll auch zu einer Zugabe hinreißen, mit gelungenem stilistischen Wechsel. Eben noch hoch romantisch gespielt, holte sie ihr Publikum mit Bach in eine andere Welt und verzauberte durch ihr klares, durchsichtiges Spiel, sodass es erneut einige aus den Sitzen hob.

Mit Beethovens Siebter Symphonie blieb der Vormittag stark in der Romantik verankert. Beethoven, der dafür die Grundsteine legte, sprach durch Michael Sanderling und das Gürzenich-Orchester in erwartet bestimmendem und aufbrausendem Ton. Die gelegentlichen cholerischen Anfälle, die man ihm nachsagt, spiegelten sich besonders im letzten Satz, dem stürmischen Allegro con brio, deutlich wieder, doch auch die andere, ruhigere und lyrische Seite Beethovens kam zum Ausdruck, besonders im berühmten zweiten Satz. Dieses Allegretto, von der Bass- und Bratschengruppe sensibel und tief traurig eingeleitet, glich einer Trauerprozession, für die Michael Sanderling sogar den Taktstock zur Seite legte.

Seine dynamischen, manchmal sportlich anmutenden Gesten, die sehr gut zu Tschaikowskys energischen und Beethovens explosiven Passagen passten, fanden hier zu einem sanfteren Gestus – sanft, aber nicht leichtfertig, denn der anschließende Fugenteil in den Streichern war äußerst durchsichtig und klug ausbalanciert, sodass die einzelnen Fugenteile klar und präsent waren. Besonders die Bassgruppe gab diesem Trauermarsch mit ihren Pizzicati dann eine nahezu swingende Linie, sodass im Saal so manches Auge nach dem Verursacher suchte und die vermeintliche Nebenstimme hier ungewollt, aber interessiert freundliche Aufmerksamkeit zuteil wurde.

Obwohl diese beiden Werke echte Klassiker sind und man sie häufig auf den Konzertprogrammen berühmter Häuser wiederfindet, so war dies doch keine reine Routinevorstellung: Zu Tschaikowskys Violinkonzert und Beethovens Siebter ist musikalisch gesehen noch lange nicht alles gesagt – dieses Konzert zugunsten der lokalen Vereine »wir helfen« und die international ausgerichtete »Lufthansa HelpAlliance« hat es auf sehr erfreuliche Weise bewiesen.

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