Ich habe durch die Krankheit einer Familienangehörigen einige psychiatrische Krankenhäuser in der Umgebung von Köln und Bochum von innen kennengelernt. Die Krankheit konnte nicht geheilt werden. Die wiederholt notwendigen Behandlungen haben der Angehörigen jedoch mehr als einmal das Leben gerettet. Die Idee in einer psychiatrischen Abteilung aufgenommen zu werden, ist für mich darum weniger angsteinflößend. Wenn man jedoch wie die Psychoanalytikerin Mitra Kadivar 2013 im Iran zwangsweise und willkürlich (irrtümlich?) eingeliefert, dann sechs Wochen festgehalten wird und sich die behandelnden Ärzte weigern, ihre Diagnose von einer unabhängigen Kommission überprüfen zu lassen, dann bekommt die Psychiatrie albtraumartige Dimensionen. Kadivar wurde erst auf internationalen Druck hin freigelassen, den ein französischer Kollege Kadivars auf ihr Drängen hin organisiert hatte. Der preisgekrönte belgische Dokumentarfilmer Jorge Léon hat den im Internet publizierten Mailwechsel der beiden Psychoanalytiker als Grundlage seines Librettos genommen und nicht nur einen Dokumentarfilm, sondern auch eine Oper daraus gemacht.

<i>Mitra</i> © Bernard Coutant
Mitra
© Bernard Coutant

Die Video-Oper Mitra von Eva Reiter und George van Dam ist ein gewagtes Experiment. Die internationale Jury des Wettbewerbs music theatre now mit Sitz in Berlin hatte ihnen dafür im letzten Jahr einen Preis zuerkannt. Was dagegen enttäuschte war, dass sich die Handlung zu eindimensional auf Videobildern abspielte, welche auf zwei 8 x 4,5 Metern hohe Leinwände projektiert wurden. Zwischen diesen riesigen Videoschirmen gab es einen schmalen Durchgang durch den der Star des Abends auftrat. Claron McFadden durfte aber nur zwei kleinere Arien singen. Ihre wohlklingende Stimme war elektronisch verstärkt und machte mit ihrer Expressivität das auf der Leinwand vor allem textuell abgebildete Leid menschlich fühlbar. MacFadden war darüber hinaus regelmäßig auf den Filmbildern zu sehen, die im südfranzösischen Centre Montperrin aufgenommen worden waren. Sie hatte dort Kontakt mit psychiatrischen Patienten, die in Léons Dokumentarfilm eindrucksvoll zu Wort kommen, in den Videos dieser Oper aber nur mit ihren Ticks und Verzweiflungsausbrüchen im Bild erschienen. Das war für die Zuschauer nicht nur intensiv bedrückend, sondern verzerrte auch den Alltag der Institution Psychiatrie unnötig. Außerdem verstärkten dies bestehende Vorurteile und fügte dem dramatischen Fortgang der Opernhandlung wenig hinzu.

<i>Mitra</i> © Bernard Coutant
Mitra
© Bernard Coutant

Die Vorstellung beim Holland Festival begann damit, dass Teile des Publikums aus den Kulissen über die Bühne zu ihren Plätzen gingen. Sie waren der Einladung des Regisseurs gefolgt, ihre Plätze über den Umweg der Künstlergarderoben aufzusuchen. Was danach folgte, war eine in diversen Mails spannend erzählte Geschichte mit spärlicher Musikbegleitung. Die von Mitgliedern des Belgischen Ictus Ensembles vom Band eingespielte Musik von Eva Reiter verließ selten die Ebene von interessanten immer wieder bewusst irritierenden Soundscapes. Das mochte zur bedrückenden Handlung passen, setzte aber wenig eigene Akzente. Die von George van Dam komponierten und vom Chor der Brüsseler Opernakademie eingesungenen a capella Chorstücke stachen wohltuend aus Reiters elektronischen Klängen heraus. Sie waren raffiniert aufgebaut und spielten mit den unterschiedlichsten Klangfarben von Sprechstimmen und Gesang, konnten der Oper aber nur selten einen eigenständigen Stempel aufdrücken. Die hervorragend klingenden Akademisten sangen sehr textverständlich, es gab aber für die von ihnen dargestellten verschiedenen Personengruppen (Chor der Nachbarn, Chor der Ärzte) wenig charakteristische Unterschiede.

<i>Mitra</i> © Koen Broos
Mitra
© Koen Broos

Die Bühne des Amsterdamer Muziekgebouw aan 't IJ blieb den ganzen Abend bedrückend leer. Die einzig handelnde Person auf der Bühne war Simone Aughterlony, die im altertümlichen Patientenkittel und mit einer ihr Gesicht verhüllenden fantasievollen Maske (Kostüme: Silvia Hasenclever) zwischen den Abfallresten einer Hausrenovierung herumtorkelte und sich in verzweifelten Versuchen verausgabte, aus diesen Trümmern immer neue Formengebilde zusammenzusetzen. Reiters Musik nahm am ehesten Bezug auf dieses taumelnde Suchen nach sinnvollen Zusammenhängen. Zum Ende hin verloren sich die Bilder in Plattitüden, als zum Beispiel nach der Mail über die erzwungene Verabreichung von Injektionen eine solche gefilmt wurde oder später die Kamera über mit Puderzucker und Wasser besprenkelte Pillen und Tabletten fuhr. Als am Ende dann ein Fenster des Centre Montperrin mit dem Vorschlaghammer mit Originalton eingeschlagen wurde, wünschte man sich sehr, dass das Holland Festival dem in einem Interview geäußerten Wunsch Léons entsprochen hätte, dem Publikum vor dieser Opernaufführung auch den Dokumentarfilm zu zeigen.

***11