So mancher Konzertbesucher konnte erahnen, welch mystisch-diabolische Klänge er im Symphoniekonzert am Dienstagabend zu hören bekommen würde, und doch wurden mit Sicherheit jegliche Erwartungen übertroffen. Die Münchner Philharmoniker spielten unter der Leitung ihres Chefdirigenten Valery Gergiev die eher selten erklingenden Werke Prélude à L’après-midi d’un faune von Debussy, Schostakowitschs Zweites Violinkonzert und die Symphonie fantastique, eines von Berlioz' bedeutendsten Werken. Trotz der Tatsache, dass die Werke stilistisch voneinander weit entfernt sind, zog sich die Thematik des Phantastischen und Träumerischen stets in unterschiedlicher Form wie ein roter Faden durch das Programm.

Janine Jansen © Harald Hoffmann | Decca
Janine Jansen
© Harald Hoffmann | Decca
Debussys etwa 110 Takte lange Komposition orientiert sich in gewisser Weise an dem 110-zeiligen Gedicht L’après-midi d’un faune (Der Nachmittag eines Fauns) von Stéphane Mallarmé, welches zum Ausgangspunkt vielfältiger künstlerischer Schöpfungen des 19. und 20. Jahrhunderts werden sollte. Erzählt wird die Geschichte des Fauns, der aus seinem nachmittäglichen Schlaf erwacht und die Ereignisse monologhaft wiedergibt. Debussy wählt für seine Komposition eine eher abstrakte Herangehensweise: Er schildert die Handlungsgegenstände nicht etwa in konkreten Bildern, sondern versucht vielmehr, die einzelnen Gemütszustände des Wesens schemenhaft in Musik auszudrücken.

Der Soloflötist eröffnete die symphonische Dichtung mit dem berühmten Solo, in dem sich der Hauptgedanke des Werks manifestiert. Es blitzt im Laufe der Zeit immer wieder aus dem vollen Orchesterklang hervor, war jedoch stets mit unterschiedlichen Klangfarben versehen und immer neu gestaltet. Dieses Werk, welches als Paradebeispiel des musikalischen Impressionismus gelten kann, wurde von den Musikern mit äußerst viel Feingespür für die Besonderheiten der Epoche wiedergegeben: Sie scheuten vor extremer Agogik nicht zurück, ließen die Musik flimmern, glänzen, strahlen, wogen.

Schostakowitschs Violinkonzert konnte zu dem Werk Debussys kaum einen größeren Kontrast bilden. Obwohl der erste Satz tendenziell zurückhaltend beginnt, wird bald ein Inferno gequälter Dissonanzen entfacht. Die Solistin Janine Jansen zeichnete bewusst scharfe Konturen, von denen die Musik Schostakowitschs reich durchzogen ist. Oftmals nutzte sie die Gelegenheit und bewies ihren Mut zur Hässlichkeit und zum Chaos, indem sie sich ganz den knarzenden und aggressiven Einwürfen hingab, die melodiösen Passagen unterbrechen. In lyrischen Passagen war ihr Spiel kontrolliert und exakt, aber nicht minder musikalisch und weich.

Der zweite Satz ist trotz seines langsameren Tempos nicht weniger angespannt und melancholisch: Suchend scheint sich die Solostimme mit eindringlichen, trostlosen Melodien auf den Weg zur Klarheit zu machen, bis sie sich in der Kadenz vor Frust aufbäumt. Von einem langsamen Tempo ausgehend wird die Musik im Finale schnell zu einem energetisch geladenen Rondo mit schmerzlichem, beißendem Unterton. In der Kadenz kämpfen zwei thematisch und charakterlich kontrastierende Elemente abwechselnd um den Triumph, welches dem Solospiel eine leicht schizophrene Persönlichkeit verleiht. All diese unterschiedlichen Motive, Charaktere und Stimmungen (die sich teilweise fast gleichzeitig abspielten) wusste die Solistin hervorragend zu kommunizieren. Als bemerkenswert empfand ich auch ihre intensive und konzentrierte Bühnenpräsenz, die sie trotz ihrer schwarzen Garderobe von den restlichen Musikern deutlich abzeichnete. „Diese Frau spielt ja wie der Teufel!“, sagte meine Sitznachbarin in einem leisen Flüstern, nachdem der letzte Ton verklungen war, und diesem Urteil ist meiner Meinung nach wenig hinzuzufügen. Jansen belohnte das aufmerksame Publikum mit der Sarabande aus der d-Moll-Partita von Johann Sebastian Bach.

Nach der Pause sendeten die Musiker das Publikum erneut auf eine Reise in eines Komponisten Phantasiewelt. Stilistisch wieder einen großen Sprung zum Vorgängerwerk entfernt, erklang das Monumentalstück Symphonie fantastique von Hector Berlioz. Das dramatisch und stark autobiographisch geprägte Werk verfasste der Komponist in Gedanken an seine spätere Ehefrau Harriet Smithson. Zentrales musikalisches Element ist das Leitmotiv der Geliebten, welches in den fünf Sätzen stets in unterschiedlicher Form wiederkehrt. Der letzte Satz (Hexensabbat), der sich stark von den anderen absetzt, war ein Höhepunkt: Hier ertönt das Leitmotiv in stark abgewandelter Form, nicht mehr legato und melodisch, sondern hämisch lachend mit trillernder, schriller Es-Klarinette. Gergiev zeichnete in seiner Interpretation große Kontraste und hielt den Zuhörer bis zum letzten Ton im Bann des Stückes.

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