Wagner und Bruckner – eine naheliegende Kombination, die aber auch etwas Unentschlossenes hat. Es gibt viele Arten, Bruckner auf erhellende Weise zu kombinieren: mit Klassikern wie Schubert oder Mozart (wie Herbert Blomstedt es tut), mit Musik des 20. Jahrhunderts (Kent Nagano) oder auch mit einem Orgelwerk (Marek Janowski im vergangenen November). Die Koppelung von Bruckners dem unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst, in tiefster Ehrfurcht gewidmeter dritter Symphonie mit Werken ebenjenes unerreichbar-weltberühmt-erhabenen Wagner ist zunächst einmal biographisch plausibel. Die Dritte öffnete Bruckner die Tür in den erlauchten Bayreuther Kreis, was ihm freilich auch das Etikett des Wagnerparteigängers und damit neue Probleme einbrockte – als hätte er nicht schon mit genug inneren und äußeren Widerständen zu tun gehabt.

Das verweist jedoch auf einen weiteren Berührungspunkt, nämlich die an Irrsinn grenzende Entschlossenheit, die eigene kompositorische Vision zu verfolgen: Wagner unbeirrt, Bruckner bekanntlich sehr beirrbar, wie die vielen Versionen seiner Visionen zeigen.

Andris Nelsons © Marco Borggreve
Andris Nelsons
© Marco Borggreve

Andris Nelsons dirigierte bei den Berliner Philharmonikern die dritte (und kürzeste) Fassung von 1889, die fast immer gespielt wird, obwohl sie philologisch nicht unproblematisch ist. Sie mag die Fassung letzter Hand sein, aber es ist ja nicht nur die Hand Bruckners, sondern auch des wohlmeinenden Franz Schalk. Da es bei vielen Bruckner-Symphonien nun mal keine „richtige“ Fassung gibt, würde man sich wünschen, öfter alternative Versionen zu hören. Gerade die Berliner Philharmoniker mit ihrem ungebrochenen Publikumszuspruch könnten sich das leisten.

Dass Nelsons der Bruckner-Sinfonie Vorspiel und Karfreitagszauber aus Wagners Parsifal voranstellte, war natürlich auch ein Vorgeschmack auf die kommenden Bayreuther Festspiele, bei denen der lettische Dirigent die musikalische Leitung des Bühnenweihfestspiels in der Neuinszenierung von Uwe Eric Laufenberg übernehmen wird. Aber mit seinem „entmischten“ Registerklang und den sakralen Generalpausen steht das Parsifalvorspiel Bruckner in der Tat näher als jede andere Musik Wagners.

Nelsons ging die Musik sehr langsam an, so langsam, dass sie gelegentlich zu zerfallen drohte. Dass Wagners Musik hier aus ihrem musikdramatischen Zusammenhang gerissen war, verstärkte bei aller Brillanz des Orchesters diese Gefahr. Doch die Holzbläser der Berliner Philharmoniker kennen keine Atemprobleme. Namentlich der herrlich intonierende Albrecht Mayer glänzte mit seinem samtigen Oboensolo im Karfreitagszauber; obwohl er danach sichtbar um Luft rang. Und der Streicherklang mit seinen lichten Wellen zu Beginn des Vorspiels oder dem raunenden Kontrabassgrollen, wenn die Gefilde der Schuld sich öffnen, hatte höchste philharmonische Qualität.

Was nun Bruckners 3. Symphonie d-Moll anging, schieden sich an Nelsons Dirigat die Geister. Nelsons' Dirigierstil, den böse Zungen als Vorturnerei oder Showdirigieren bezeichnen, ist Geschmackssache. Doch entscheidend ist das klangliche Ergebnis. Das ist unbestreitbar mehr als Akrobatik oder Showmusik. Die Symphonie hatte äußerte Intensität, Hochdruck-Bruckner von der ersten bis zur letzten Sekunde. Die Crescendi erschienen wunderbar abgestuft; wie die Streicher in der Steigerungsbewegung innerhalb des Gesamtklangs hervortraten, war berückend.

Doch es schien mir, dass die Crescendi zu oft und zu früh das Maximum erreichten. Selbst bei Bruckner drohen, wenn die Musik sich dauerhaft im gewaltigsten Expressionsmodus befindet, die entscheidenden Höhepunkte unterzugehen, etwa die Scheinreprise im ersten Satz. Kurz gesagt, jeder Moment kann so intensiv sein, dass das Ganze zerfasert. Dieser Gefahr entging Nelsons' Bruckner nicht. Es fiel auch auf, dass Nelsons trotz extremer Kontraste stets einen abgerundeten Klang anvisiert, wie ihn das Publikum der Berliner Philharmoniker erwartet; ein schrofferes, abgerisseneres Klangbild wäre mitunter ein Gewinn gewesen. Dazu kam ein gewisser Kontrollwahn: So zeichnete Nelsons mit seinen Fingern sogar Flötentriller in die Luft.

Unbenommen ist die geschlossen hervorragende Orchesterleistung. Einzelne Solisten oder Gruppen hervorzuheben, schiene ungerecht. Trotzdem seien die Hörner erwähnt und innerhalb der warmen Streicher die Bratschen im Adagio.

Der zu erwartende Beifallssturm des Publikums nach dem grandiosen, sehr lauten Dur-Schluss war natürlich berechtigt angesichts der enormen Dringlichkeit, die Nelsons' Musikverständnis prägt. Insgesamt aber eine eher überwältigende als überzeugende Interpretation, ein Bruckner mehr für Melomanen als für Gottsucher. Sehr sympathisch, dass Nelsons im Applaus die Partitur der Symphonie hochhielt: Man darf gespannt und hoffnungsfroh sein, welche Facetten der (zumal für einen Brucknerdirigenten) junge Pultstar künftig noch in ihr entdecken wird.