Für ein Symphoniekonzert erwartet man üblicherweise ein Eingangsstück (Ouvertüre), gefolgt von einer Komposition mit Solist, und nach der Pause ein größeres symphonisches Werk. Dass das in diesem Konzert der Nordwestdeutschen Philharmonie genau umgekehrt war, hatte durchaus pragmatische Gründe, wie wir noch sehen werden.

Alexei Volodin © Marco Borggreve
Alexei Volodin
© Marco Borggreve

Der Dirigent Yves Abel setzte die Symphonie Nr. 1 in B-Dur, Op.38 („Frühlingssymphonie“) von Robert Schumann an den Anfang des Konzerts. Er ignorierte Schumanns Metronom-Vorgabe und dirigierte die Einleitung betont langsam, breit: vielleicht Maestoso, sicher nicht Andante un poco maestoso. Das Zeitmaß im Allegro molto vivace war im Kontrast zur Einleitung relativ zügig, der Klang kompakt, die Artikulation eher legato denn auf Klarheit und Transparenz bedacht. Leider wurden viele Details etwas übergangen, der Satz wirkte zeitweilig oberflächlich, fast gehetzt. Anderseits war der Mittelteil der Coda (vor der Schlusssteigerung) übertrieben schwärmerisch und breit, was aus der Partitur nicht zu rechtfertigen ist.

Das Larghetto hörte sich relativ schwer, schwelgerisch an, manchmal mit eher pastosem Klang. Das Scherzo wirkte flüssig gespielt, in der Artikulation aber wiederum eher summarisch. Zudem wurde der Agogik wenig Raum gegeben: beispielsweise war kaum je ein kurzes Innehalten vor einem Sforzato zu hören. Der Eindruck von Oberflächlichkeit verstärkte sich noch im relativ raschen ersten Trio. Das zweite Trio trägt keine Tempobezeichnung, ist also gemäß Partitur im Zeitmaß des Scherzo zu spielen; Abel nahm es extrem schnell, wobei für Artikulation und Phrasierung keine Zeit blieb – dafür war dann der Anfang der Coda wieder sehr langsam.

Auch im Schlusssatz konnte mich das Tempokonzept des Dirigenten nicht überzeugen; hier war das Zeitmaß im zweiten Thema mit der deutlich rascheren, eigentümlichen Staccato-Melodie in den Bläsern und den dafür sehr breiten Streicher-Einwürfen bestenfalls willkürlich, übertrieben. Manches gemahnte gar an die Nonchalance gewisser Stücke von Johann Strauß: ich denke nicht, dass Schumann in dieser Komposition Unterhaltungsmusik schreiben wollte. Im Orchester jedoch erlebten wir einen ausgewogenen Klangkörper mit schönem Streicherklang, gekonnt und aufmerksam geführt von der jungen Konzertmeisterin, und mit erfreulich ausgewogenen Anteil an Musikerinnen. Mit Ausnahme der hölzernen Paukenschlägel war das Instrumentarium modern.

Nach der Pause folgte schon rein umfangsmäßig das Herzstück des Programms, das Klavierkonzert Nr. 3 in d-Moll, Op.30 von Sergej Rachmaninow, mit Alexei Volodin (geboren 1977 in St. Petersburg) als Solisten. Dieses Konzert ist angeblich dasjenige mit den meisten Noten pro Zeiteinheit, und Volodin schien beweisen zu wollen, dass er all die Tausende von Noten relativ rasch „abspulen“ kann, ohne dass man ihm die gewaltigen Schwierigkeiten der Partitur ansieht: sein pianistisches Können ist immens, sein Spiel war extrem glatt, aber leider meist stark pedalverschleiert, und deshalb nicht transparent.

Man braucht hier nicht unbedingt den Tastenlöwen hervorzukehren (das Werk hat durchaus seine lyrischen Seiten), aber so, wie wir das Konzert gehört haben, entgehen dem Zuhörer die Feinheiten, die interessanten, oft filigranen Details des Klaviersatzes; außerdem klang das Orchester über weite Strecken zu laut und zu dumpf. Volodin spielte die schwierigere „ossia“-Originalkadenz sehr eindrücklich, orchestrale Kräfte freisetzend, aber leider wieder selten transparent und klar im Klang. Ich fand es zudem schade, dass er im ganzen Satz dem schönen, liedartigen Anfangsthema selten wirklich Zeit gelassen hat: bei dem raschen Grundzeitmaß wäre die Melodie wert gewesen, durch leichte Zurücknahme des Tempos etwas hervorgehoben zu werden.

Im zweiten Satz, einem Intermezzo, gelangen dem Pianisten die lyrischen Solostellen wirklich gut, wobei er die Melodie in der Mittelstimme wunderbar ausschwingen ließ. Anderseits waren die dichteren, virtuosen Stellen wiederum vom Pedal stark verschleiert und verkamen mit Orchester zusammen oft zu einem Klangbrei. Leider erfuhr auch der dritte Satz (Alla breve) meiner Meinung nach keine ideale Interpretation: der Klavierpart wirkte über weite Strecken gehetzt und unruhig, im Scherzando-Teil wurden viele Details überspielt, Tempoänderungen wirkten öfter willkürlich oder übertrieben. Die rhythmisch vertrackte Più mosso-Stelle wurde so schnell durchgehetzt, als gelte es, etwaigen Unsicherheiten im Zusammenspiel mit dem Orchester davonzurennen oder sie unhörbar zu machen.

Damit wären wir beim letzten Programmpunkt angelangt, der Ouvertüre zur Oper Ruslan und Ljudmila von Michail Glinka: dieses bekannte, hochvirtuose Schaustück für Orchester wirkte hier wie eine eingebaute Zugabe, oder eher noch als Rausschmeißer. Das kurze Werk war offensichtlich eingehend geprobt und gedrillt; es wurde dementsprechend gekonnt vorgetragen – nicht übertrieben rasch, klar: aufseiten des Orchesters eindeutig die beste Leistung des Abends. Als Einleitung zum Konzert wäre diese Leistung wohl über die beiden anderen Werke vergessen gegangen. So aber wurde das Publikum mit der Erinnerung an ein kleines Glanzstück nach Hause entlassen.