Bereits bevor die eigentliche Vorstellung beginnt, stimmt einen die Schneeflocken-Projektion auf dem Vorhang schon auf einen weihnachtlichen Abend ein. Und genauso winter-weihnachtlich geht es weiter, als sich dieser dann hebt. Man befindet sich inmitten eines modernen, großen Wohnzimmers mit hohen Fenstern und großem Christbaum. Das Bühnenbild von Court Watson ist eine interessante Mischung aus bunter Weihnachtswelt und klaren Linien; ebenso detailreich die Kostüme von Katja Schindowski. Die Ausstattung ist farbig, glitzernd und voller kleiner Überraschungen, die manchmal erst auf den zweiten Blick ersichtlich werden. Man wird ab der ersten Minute in eine wunderbare Weihnachtswelt entführt.

Ensemble © Christina Canaval
Ensemble
© Christina Canaval
Für Ballettchef Peter Breuer ist die Nussknacker-Inszenierung kein Neuland, dennoch scheint er sich auch hier wieder neu erfunden zu haben. Seine Choreographie ist eine rasante Mischung aus neuen und alten Bewegungselementen, die fließend ineinander über gehen, und besonders die modernen Choreographie-Elemente sorgen mitunter für den ein oder anderen Lacher. Auf dieser Bühne jagt eine Überraschung die nächste, die Produktion bleibt jedoch sehr nahe am Original.

In der Besetzung fällt besonders Anna Yanchuk als Klara auf. Sie spielt sie herrlich unbefangen und liebenswert, und man lässt sich von ihr vorbehaltlos mit in ihre Traumwelt nehmen. Ihre Mimik setzt sie gekonnt ein, gibt das kleine naive Mädchen mit weit aufgerissenen Augen und ist im nächsten Moment ein kleiner Teufel, wenn sie ihren Bruder durch das Wohnzimmer jagt. Am Anfang noch mit weniger Einsätzen bedacht, ertanzt sie sich zunächst mit graziler Natürlichkeit in Pirouetten und Fouettés alle Aufmerksamkeit und spätestens im Tanz der Zuckerfee, der einen das junge Mädchen Klara beinahe vergessen lässt, auch die Herzen des Publikums.

Magisch: Josef Vesely als Onkel Drosselmeier, mit Ensemble © Christina Canaval
Magisch: Josef Vesely als Onkel Drosselmeier, mit Ensemble
© Christina Canaval
Ganz besonders ist auch die Darstellung von Klaras Onkel Drosselmeier. Josef Vesely gibt einen wirklich magischen Onkel, verpackt in ein Rockstar-Outfit mit Schlangenprint, Nieten und Zylinder. Immer einen Zaubertrick auf Lager überzeugt er tänzerisch wie darstellerisch und führt, hebt und dreht Klara durch die traumgleiche Welt. Mal wirkt er mystisch, mehr Magier als Tänzer, dann wieder verleiht er seinem Ausdruck in seinen Bewegungen, vor allem jedoch mit unvergleichlich komischer Mimik eine gewisse Portion Humor, und wechselt nahtlos zwischen klassischem Tanz und begeisternder Showeinlage. Sein Geschenk an Klara ist der in einen Nussknacker verzauberte Prinz, dargestellt von Amerikaner Patric Palkens. Die Kostümierung mit Trainingsjacke, in der er gegen den Mäusekönig kämpft, ist zunächst irritierend, doch schon wenig später erscheint er dann im traditionellen, wenngleich schlichten Nussknacker-Gewand. Es sind auch die traditionellen Teile der Choreographie, in denen er als Prinz mit großer Leichtigkeit und Sprungkraft auf sich aufmerksam macht.

Auf ihrer Traumreise wird Klara von ihren zahlreichen Verwandten begleitet, die Onkel Drosselmeier auf immer wieder neue Art auf die Bühne zaubert. Mal springen sie aus Kisten, dann erscheinen sie wieder hinter einem Vorhang – ein regietechnischer Kniff und ein großer Spaß zwischen den sonst klassischen Elementen. Die Rollen sind hier ebenfalls höchst passend besetzt. Andrii Lytvynenko gibt einerseits Klaras alten Vater, der sich bei einer Pirouette schon mal stützend ans Kreuz fasst und im Chinesischen Tanz mit Elementen aus dem asiatischen Kampfsport den technisch hochpräzisen, wohlbedachten Zen-Meister. Herrlich komisch und mit viel Witz in der Körpersprache ist auch José Flaviano de Mesquita Junior als Klaras kleiner Bruder, der eigentlich andauernd eine Schnute zieht und diese Rolle auch beim Russischen Tanz in seinen Bewegungen immer wieder aufleben lässt. Jung, doch überraschend routiniert sind die Schüler der SIBA-Ballettschule, die als kleines Abbild von Mäusekönig Iure de Castro über die Bühne trippeln oder in liebenswerter Choreographie als Polichinelles in Smarties-Gestalt grazil Mutter Giogen (Kate Watson) umschwärmen.

Yoshito Kinoshita als Nussknacker und Iure de Castro als Mäusekönig © Christina Canaval
Yoshito Kinoshita als Nussknacker und Iure de Castro als Mäusekönig
© Christina Canaval

Musikalisch hat sich unter der Musikalischen Assistenz von Stephen Barczay Philip Glass in Tschaikowskys Meisterwerk geschlichen, das leider nicht live gespielt wird. Die Musik Glass’ erklingt immer dann, wenn Klaras Onkel Drosselmeier auf der Bühne seine Zauberkünste spielen lässt, und liefert gute Dienste darin, seine Tricks aus der Realität heraus auf eine etwas mystischere Ebene zu heben.

Peter Breuers Nussknacker ist eine in jeder Hinsicht runde Sache: Man ist durchwegs unterhalten, wobei die Choreographie niemals überzeichnet wirkt und die Liebe zum Detail allgegenwärtig ist. Kann man sich schöner auf die Weihnachtsfeiertage einstimmen?

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