Wenn man an Paris denkt, kommen einem sofort der Louvre, die Mona Lisa, Notre-Dame und nicht zuletzt auch der Eiffelturm in den Sinn. Dass das Orchestre de Paris unter der Leitung ihres Musikdirektors Paavo Järvi bei ihrem Besuch in der Philharmonie Essen eine Hommage an den Eiffelturm zum Erklingen bringt, ist demnach nur zu passend. Als Zuhörer durfte man sich auf einen durch und durch französischen Abend freuen.

Paavo Järvi © Kaupo Kikkas
Paavo Järvi
© Kaupo Kikkas

Arvo PärtSilhouette – Hommage à Gustave Eiffel erklang erstmals 2010 beim Amtsantritt Paavo Järvis beim Orchestre de Paris. Das Stück für Streichorchester und Schlagzeug erzählt die Geschichte des Eiffelturmbaus, das dieses Bild mit den metallischen Klängen der großen Röhrenglocken treffend transportiert. Die Hommage beginnt mit einem sich aufbäumendem Gong, der wie zu einer Meditation schlägt, und dessen Ton sich im Alfred Krupp Saal gewichtig ausbreitete. Die einsetzenden Pizzicati in den Violinen waren kurz und knackig und gewannen zunehmend an Schärfe und Intensität. Cello und Kontrabass bedienten sich gleichzeitig eines vielmehr weichen Pizzicatos und die Bratschen bildeten die Zwischenstufe: streng im Anzupfen und doch weich im Ausklang.

Durch das dreistufige Klanggebilde entstand der Eindruck eines mehrdimensionalen Klangkörpers, der die unterschiedlichen Bauphasen des Eiffelturms hervorragend versinnbildlichte. Nach dem frechen Pizzicato und den natürlich lockeren und eben nicht harten Schlägen auf diversem Schlagwerk mündete der sphärische Klang in einen dramatischen im plötzlichen Forte. Die Streicher wechselten hierbei zum Spiel mit dem Bogen und erzeugten mit Ruhe und viel Druck auf den Bogen einen voluminösen Klang.

In Saint-Saëns' Erstem Cellokonzert steht die Gleichberechtigung von Orchester und Solisten im Vordergrund, was 1872 für das französische Publikum noch sehr ungewohnt war. Gautier Capuçon hatte die Denkweise der Einheit von Orchester und Soloinstrument verinnerlicht und verstanden es, sich an gegebenen Stellen zurückzunehmen und das Orchester aus seiner Begleiterrolle heraustreten zu lassen. Das markante Thema des Konzertes präsentierte Capuçon harsch und mit wilder Entschlossenheit. Die Bogenstriche setzte er nicht klar voneinander ab, sondern ließ sie ineinander übergehen und erzeugte somit eine große übergeordnete Phrase, in der sich das kräftig akzentuierte Thema wiederfand.

Gautier Capuçon © Gregory Batardon
Gautier Capuçon
© Gregory Batardon

Wie das Thema bei Capuçon im Fluss war, so waren auch die Übergaben der Melodie an das Orchester fließend und von Capuçon aufmerksam gestaltet – ein ausdrucksvoller Blick hin zum Konzertmeister durfte hier nicht fehlen. Im zweiten Satz nahm sich Capuçon viel Zeit und spielte das Thema genüsslich aus. Hierbei kam viel Vibrato zum Einsatz, das einen flatterhaften Ton mit sich zog und im Kontrast zu der feinen, beseelten Begleitung der Geigen lag, die eine klar strukturierte Linie in ihrem tänzerischen Staccato verfolgten. Der dritte Satz folgt wieder dem aufbrausenden Muster des ersten, jedoch wurde das Thema hier noch stürmischer gestaltet als zu anfangs. Durch hektisch wirkende Saitenwechsel erklang ein manchmal etwas kratziger Ton und über manch schwierige Passage wurde schnell hinweg gehuscht. Den Schluss gestaltete Capuçon nochmals mit viel Kraft und Druck auf den Saiten, und entlockte seinem Instrument einen satten und harschen Klang.

Berlioz' großer Symphonie fantastique liegt ein genaues Programm zu Grunde, von Berlioz eigenhändig verfasst. Sie soll eine Episode aus dem Leben eines Künstlers erzählen, wie es im Untertitel der Symphonie heißt. Und genau das hat das Orchestre de Paris getan: Paavo Järvi ließ sein Orchester Geschichten erzählen, die vor dem geistigen Auge zum Leben erwachten. Entsprechend des Symphonieprogramms nahm auch die Dramatik im Spiel des Orchesters zu. Die hauchfeinen Läufe der Geigen stellten Träumereien dar, die mit graziler Leichtigkeit einhergingen. Crescendi wurden aufschaukelnd oder etappenweise, quasi wie in der barocken Treppendynamik gestaltet. Im zweiten Satz – ein Ball – formten Flöte, Oboe und Klarinette ihre Phrasen so, dass es den Anschein hatte, als würden sie ständige Kreise ziehen, wie es ein Tanzpaar auf dem Parkett tun würde.

Die Szene auf dem Lande im dritten Satz wurde schon fast szenisch aufgeführt: Der Solist betrat mit dem Englischhorn die Bühne und saß nicht wie üblich im Orchester. Die sich wiederholende Melodie wurde erst nüchtern vorgetragen, wie eine Formel, um sie dann in eine lebendige Erzählung zu verwandeln. Mit jeder Wiederholung wurde die Solomelodie lebendiger und farbenreicher, bis die Streicher schließlich zaghaft einsetzten und der Klang sich von Neuem aus einer Nüchternheit zu einer zarten und klar strukturierten Melodie entwickelte. Das massive Ende des Satzes, das an ein Donnergrollen erinnert, wurde mit harten Paukenschlägen begleitet, die jedoch nie zu grob erklangen.

In den folgenden dramatischen Sätzen symbolisierten noch härtere Paukenschläge, scharfes Forte und weiches Piano in den Streichern wie auch flatternde Blechbläser den Gang zum Richtplatz im vierten Satz. Hier kam nun eine gewisse Grobheit zu tragen, die jedoch in keinerlei Hinsicht negativ auflebte. Im fünften und letzten Satz zeigten sich auch die Geigen von ihrer schroffen Seite und tauchten mit ihren Bögen in die Tiefen ihrer Saiten ein. So erhielt Paavo Järvis Symphonie fantastique eine klare, einfühlsame Linie, was den Zuhörer am Ende des Abends nicht unbeeindruckt ließ.

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