Dass es in diesem Umfeld kaum einen Freiraum für persönliche Entwicklung gibt, spürt man, sobald sich der Vorhang öffnet. In der Frankfurter Inszenierung ist die Atmosphäre von Brittens Oper Owen Wingrave bedrückend naturalistisch eingefangen, die gegen Ende des 19.Jahrhunderts hauptsächlich auf einem englischen Landsitz spielt. Es sind düstere, holzvertäfelte Räume, von deren Wänden die Ahnen der Familie Wingrave Ehrfurcht gebietend herabblicken, in männlicher Linie allesamt tapfere Soldaten Ihrer Majestät. Und nun will sich deren letzter Spross dieser Tradition nicht beugen und die Militärlaufbahn verlassen. Mit seiner Entscheidung stößt er auf den härtesten Widerstand seiner gesamten Familie wie seiner Verlobten und löst damit einen erbittert ausgetragenen Konflikt aus, der für ihn in einem mysteriösen Tod endet.

Owen Wingrave (hier: Michael Nagy) © Monika Rittershaus
Owen Wingrave (hier: Michael Nagy)
© Monika Rittershaus
Wie auch Brittens The Turn of the Screw basiert das Libretto dieser Oper auf einer Henry-James-Novelle, in der dunkle Geheimnisse unerbittliche Macht auf das Schicksal der Protagonisten ausüben. Auf dem Wingrave-Schloss ist es ein Zimmer, in dem die Geister zweier verstorbener Vorfahren umgehen sollen – ein Symbol für die unermessliche Last der Familienerwartungen, der Owen letztendlich nicht gewachsen ist. Um ein geheimnisvolles Trauma rankt sich die Legende dieses Raumes, dass nämlich Feigheit in dieser Familie tödlich endet. Indem er sich diesem Script entgegen stellt, geht der Held dieser Oper tragischerweise gerade an seiner Tapferkeit zugrunde.

Der britische Regisseur Walter Sutcliffe hat diese beklemmende Handlung überaus schlüssig in Szene gesetzt, psychologisch genau werden die Personen von den Darstellern verkörpert. Björn Bürger zeigt einen Owen Wingrave, der in seiner inneren Zerrissenheit zwischen den Forderungen der Familie und seiner eigenen Identitätsfindung zerrieben wird. Sein warmer Bariton, den er auch an den wenigen ariosen Stellen der Oper wie das Bekenntnis „In peace I have found my image“ belkantistisch einsetzt, hebt ihn schon allein vokal als den sympathischen Außenseiter in dieser Oper hervor.

Als Fürsprecher für Owens Position finden sich allein Spencer Coyle, der Leiter der Militärakademie, und seine Frau, die aus vor allem menschlichen Beweggründen auf Owens Haltung einzuwirken versuchen. Dietrich Volle und Barbara Zechmeister füllen ihre Rollen in dieser Hinsicht überzeugend aus. Als beinharte Interessenvertreter der Familientradition setzen Owens Großvater Sir Philip und vor allem seine Tante Miss Wingrave alle Mittel psychischen Drucks ein, um ihn „umzubiegen“, wie es im Libretto heißt. Michael McCrown und Britta Stallmeister haben es vermieden, diese konservativen Hardliner als Karikaturen zu zeigen. An zentralen Stellen gehen sie aber mit entsprechender Härte stimmlich durchaus scharf gegen den friedlich gesonnenen Verwandten in Stellung.

Seine Verlobte Kate wiederum hat ganz eigennützige Interessen in diesem infamen Spiel, denn sie erhofft sich durch die Verbindung mit dem Sproß einer reichen Familie Ansehen und sozialen Aufstieg. Als Owen von seinem erbosten Großvater enterbt wird, sehen sie und ihre stets echauffierte Mutter Mrs.Julian (Karen Vuong mit spitzem Sopran) alle Felle davonschwimmen. Die berechnende Kate ist es auch, die Owen als feige beschimpft und ihm die Mutprobe abringt, in dem ominösen Zimmer zu übernachten. Zuvor aber erinnert sie sich mit Owen an gemeinsame schöne Zeiten. Stimmlich wandlungsfähig zeigt die junge Mezzosopranistin Nina Tarandek überzeugend die Doppelgesichtigkeit dieser Rolle. Zwischen allen Stühlen in diesem Familienkrieg sitzt der junge Lechmere, wie die Titelfigur ebenfalls Student der Militärakademie. Auch er ist zu dem Dinner eingeladen, bei dem Owen von seinem Vorhaben abgebracht werden soll, das den Höhepunkt der Oper bildet. Simon Bode gibt diese Figur mit schmaltönig gefärbtem Tenor treffend als etwas unbedarften Jungen, der sich kritiklos allen Vorgaben fügt.

Ensemble vor dem Zimmer © Monika Rittershaus
Ensemble vor dem Zimmer
© Monika Rittershaus

Britten schrieb Owen Wingrave ursprünglich als Fernsehoper, die von der BBC in Auftrag gegeben und 1971 ausgestrahlt wurde. In der filmisch konzipierten Dramaturgie folgen die einzelnen Szenen nahezu übergangslos aufeinander, einige laufen auch simultan ab. Dieses Prinzip nimmt das Bühnenbild geschickt auf, indem ein Guckkasten über die gesamte Breite der Bühne gebaut ist, in dem sich die einzelnen Szenensegmente abspielen. Eine seitlich verschiebbare schwarze Wand gibt jeweils nur den Blick auf die verkleinerte Spielfläche frei. So konzentriert sich der Blick aus dem Publikum in ganz besonderer Weise auf das Geschehen und fördert den Spannungseffekt erheblich.

So illustrativ Brittens Musik auch ist, so ist sie gleichzeitig kompositorisch meisterhaft gearbeitet. Starke Ausdrucksmittel unterstreichen das Bühnengeschehen. Martialisch ausdrucksvolle Passagen verfremden die Verherrlichung des Militärs, dabei scheut Britten auch nicht die kalkulierte Hässlichkeit schroffer Dissonanzen, nicht einmal im allerersten Takt. Durch den gezielten Einsatz von Soloinstrumenten charakterisiert er Haltungen der Figuren wie etwa mit dem sanften Horn die Titelfigur oder durch flirrende Toncluster die aufgeregten Diskussionen bei Tisch.

Unter der Leitung von Yuval Zorn spielt das rund vierzigköpfige Ensemble durchsichtig und expressiv. Nur im ersten Akt überdeckte an diesem Abend die Musik an einigen Stellen die Sänger. Insgesamt aber gelang auch musikalisch eine packende Vorstellung. Die Oper Frankfurt präsentiert mit dieser Inszenierung eine exzellente Umsetzung von Brittens bewegender Bekenntnisoper, die auf deutschen Bühnen viel mehr Beachtung verdiente. Komponiert auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs war sie Anfang der Siebziger Jahre ein entschiedener Protest gegen die Logik des Krieges. Diese Botschaft ist (leider) auch heute noch von großer Bedeutung.

****1