Musikalische Kommunikation auf höchstem Niveau mit Witz und Charme, das hat man erwartet, doch wer hätte gedacht, dass die vier Franzosen vom Quatuor Ébène tatsächlich so überzeugen? Das junge und international viel gerühmte Quartett tat genau dies bei seinem Debüt im Robert-Schumann-Saal in Düsseldorf und war für so manche Überraschungen gut.

Quatuor Ébène © Julien Mignot | Warner Classics
Quatuor Ébène
© Julien Mignot | Warner Classics

Wie selbstverständlich gab uns Cellist Raphaël Merlin auf Deutsch eine Einführung in das Programm, und der neue, nur 23 Jahre junge Bratschist Adrien Boisseau fügte sich nahtlos und unauffällig in die schon seit Studententagen bestehende Formation ein. Obgleich er erst seit zehn Tagen offizielles Mitglied war, bestach gerade seine Mimik und Gestik beim gemeinsamen Musizieren. Er schien die Vermittlerrolle seines Instruments zwischen den hohen und tiefen anderen Stimme vollkommen auszuleben, wobei sein Blick ständig vom einen Mitspieler zum anderen wechselte und sein Gesichtsausdruck das musikalische Geschehen nicht selten in einem solchen Maße widerspiegelte, dass sich so mancher seriöse Konzertgänger ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Passagenweise auswendig spielend, wanderte sein Blick durch den Raum und blieb bisweilen an der holzvertäfelten Decke kleben, während seine Finger einen wunderbar sonoren, durch und durch bratschentypischen Klang aus dem Instrument zauberten.

Pierre Colombet an der ersten Violine schien dabei den Part des hingebungsvoll verklärten Musikers zu übernehmen. Seine Entwicklung der melodischen Linie klang besonders bei Haydn wie von einer anderen Welt. Behutsame, sanfte Bogenstriche formten das Thema im zweiten Satz, welches wir heute als Nationalhymne kennen. Die vier Charaktere des Quartetts gaben ihm, jeder für sich, eine eigene Note und ließen den anderen Musikern dabei genügend Gestaltungsfreiraum. Ein farbenreiches Spiel zeichnete besonders ihre Bogenführung aus, die an den passenden Stellen durchaus geräuschhaft sein konnte und im letzten Satz zuweilen die Assoziation eines bissigen Hundes hervorrief.

Freiraum für Assoziationen ließ auch das moderne Stück Ainsi la Nuit des erst 2013 verstorbenen Franzosen Henri Dutilleux, der sich mit seinem überschaubaren, gleichwohl intensive Werk eine Sonderstellung in der Moderne verschafft hat. Sein Quartett lässt sich schwer einer bestimmten Richtung zuordnen, doch man verspürte den Eindruck einer vagen Verbundenheit mit seinem Landsmann Debussy, sobald die vier Franzosen den ersten der sieben Abschnitte mit einem unbestimmt-sphärischen Akkord einleiteten. Die eingeschobenen Pizzicati aber verdrängten den eben noch gewonnenen Eindruck. Sie hörten sich viel eher nach einem eingeschobenen Argument an, welches eine rege Diskussion zwischen allen Beteiligten entfachte, die mit Flageolets und Glissandi gewürzt wurde, jedoch nie wie eine Anreicherung verschiedener Effekte wirkte, sondern in den sieben verschiedenen Abschnitten mehreren Gesprächsfetzen glich.

Mit viel Gespür für Stilistik beeindruckte das Quatuor Ébène durch ein gekonntes Wechseln nicht nur zwischen den einzelnen Stilen des klassischen Repertoires, sondern auch zwischen so unterschiedlichen Genres wie Klassik, Jazz und Pop. Die zwei Zugaben waren für den Zuhörer unerwartet, deshalb aber nicht minder begeisternd. Der Jazzstandard Stella by Starlight und ein Thema der Beatles inspirierten die vier zu eigenen Arrangements, welche in ihrer Qualität dem eben noch gespielten klassischen Repertoire in keinster Weise nachstanden und den jungen, dynamischen Geist des Quartetts zum Ausdruck brachten. Unerwartet kam dieser Ausflug in andere Stilrichtungen eigentlich nicht, denn wer das Quatuor Ébène kennt, weiß, dass es problemlos und mit großer Begeisterung Expeditionen in andere Genres unternimmt und dies in seiner eigenen Quartett-Tradition fest integriert hat.

In gleicher Weise ließ sich auch ein anderer fest integrierter Vorsatz erkennen, der besonders im zweiten Streichquartett von J. Brahms deutlich wurde, nämlich die Gleichberechtigung der Stimmen. Selbst in den verstricktesten und dichtesten Passagen dieses hoch romantischen Stückes ließen die Musiker einander viel Platz für Gestaltung. So ließ man beispielsweise Raphaël Merlin getrost mit seinen Füßen, zusammen mit dem lyrischen Thema des zweiten Satzes, im wahrsten Sinne des Wortes abheben.

Das Quatuor Ébène schuf, obwohl zu viert, einen enorm flexiblen Klangkörper, der nach Belieben seinen Facettenreichtum zeigen und ein Spektrum verschiedenster Klangfarben auffächern und, zu einer Stimme verschmelzend, wieder zuklappen konnte. Die Atmosphäre, die die vier Musiker damit schufen, war höchst konzentriert und gleichzeitig entspannt, weil sie es einem so leicht machten, ganz in ihre Musik gleich welchen Stiles einzutauchen.

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