Dies war ein Konzert „en famille“: Oliver Schnyder, Vorzeigebeispiel einer Erfolgsgeschichte der Orpheum Stiftung zur Förderung junger Musiker lud die italienische Pianistin Beatrice Rana im Rahmen seiner Konzertreihe Piano District nach Baden ein. Auch Beatrice Rana wurde von der Stiftung gefördert und hat 2014 im Rahmen der Stiftungskonzerte unter Zubin Mehta in Zürich debütiert.

Die Künstlerin präsentierte ein Programm zwischen Barock und Impressionismus, das Konzert mit Bachs Zweiter Partita in c-Moll beginnend. Ich fand ihre Interpretation überzeugend, oft auch virtuos, dennoch unprätentiös; sie spielte mit flüssigem Tempo, mit Schwung in den raschen Sätzen, sehr expressiv in den lyrischen Passagen, mit sorgfältiger Artikulation. Die langsameren Sätze Allemande, Sarabande und ein Teil der Grave-Einleitung gerieten sehr gemütvoll, vielleicht etwas gar romantisch – aber man sollte die Pianisten wohl nicht zu sehr in das Cembalo-Korsett zwingen!

Beatrice Rana © Neda Navaee
Beatrice Rana
© Neda Navaee
Bachs Klangrede lässt sich auf dem modernen Instrument nur begrenzt umsetzen: die Voraussetzungen für die Aufführung auf dem Klavier sind ganz andere: motorische Sätze wie die Fuge in der Sinfonia, die Courante oder das abschließende Capriccio werden deutlich rascher gespielt, oft sehr virtuos, wobei die fehlenden Details in der Artikulation durch die Mittel der Dynamik und dem (bei Beatrice Rana zum Glück sehr sparsam verwendeten) Pedal ersetzt werden. Das polyphone Capriccio ist auch technisch anspruchsvoll, doch die Pianistin gestaltete es sehr transparent und wich erstaunlich gut der Gefahr aus, das Stück wie einen Boogie-Woogie klingen zu lassen (selbst Cembalisten tappen in diese Falle!). 

In seiner Komposition Pour le Piano hat sich Debussy scheinbar mit der barocken Formensprache auseinandergesetzt; man darf das aber nicht zu eng interpretieren, denn es ist eine durchaus impressionistische Komposition, mit vagen Anspielungen an den Barock. Der erste Satz zum Beispiel, Prélude, hat wenig gemein mit Bachs Präludien: ein virtuoses Laufwerk von Sechzehntelfiguren, wechselnd zwischen rhythmisierten Begleitfiguren und legato/pedalverschleierten Passagen. In den glissando-Läufen und in der Kadenz entfacht Debussy ein wahres Feuerwerk. Beatrice Rana spielte auch hier mit einer selbstverständlichen Virtuosität, übermäßige Härten selbst bei den fortissimo- bzw. marcato-Akkordkaskaden vermeidend; eine eher romantische Darbietung, aber sehr überzeugend.

Die nachfolgende Sarabande ("Avec und élégance grave et lente") erinnert abgesehen von ihrer Feierlichkeit kaum an das Pendant aus Bachs Zeit. Die Pianistin spielte differenziert, mit leisen Schattierungen, bezaubernd. Sie trumpfe selbst da nicht auf, wo andere barocken Klangreichtum entfalten, sondern blieb auch im Fortissimo eher verhalten. Die abschließende Toccata erklang spielerisch, in ihrer Motorik oft an Domenico Scarlattis Sonaten erinnernd, im Mittelteil mit lyrischem Legatospiel, gegen Ende aber durchaus auch mit barockem Prachtgehabe – eine sehr gelungene, technisch makellose Interpretation!

Im Zentrum des Recitals stand ChopinKlaviersonate in b-Moll, Pièce de Résistance im Repertoire jedes Pianisten. Beatrice Rana nahm den ersten Satz fließend, drängend, aber heiter-glückstrahlend in den sostenuto-Teilen. Generell auf die großen Phrasen und Bögen achtend denn auf detaillierte Artikulation und kleinräumige Agogik vermied sie Zergliederung. Mir gefiel, dass die Künstlerin den Mut hatte, die Exposition mit dem einleitenden Grave zu repetieren: nur wenige Pianisten entscheiden sich für diese (eigentlich logische) Lösung.

Auch im attacca folgenden Scherzo hörte man die große Geste bei sehr flüssigem Tempo, sehr gekonnt, aber ohne das virtuose Element zu stark herauszustellen. Das lyrische più lento-Segment jedoch erschien mir vor allem im nicht repetierten Anfangsteil etwas harmlos; hier hätte ich mir etwas mehr Tiefgang gewünscht, allerdings erfuhr diese Passage im zweiten Teil eine intensitätsmäßige Steigerung. Ganz am Schluss fiel zudem der liegende Akkord etwas schwach aus, sodass man die langen Töne über den beiden Staccato-Oktaven im Bass kaum mehr wahrnahm. Der berühmte Trauermarsch war dynamisch sorgfältig gestaltet, aber vor allem im ersten Teil eher lyrisch und auch wenn er sich zwischendurch zu eindrücklichem Fortissimo aufbäumte, war er sicher nicht übermäßig dramatisch. Dadurch fiel auch der Kontrast zu den heiter-singenden Dur-Teilen eher schwach aus und es fehlte für mich der Eindruck einer Vision, eines kurzen Blicks aus der düsteren Realität in ein leuchtendes Jenseits.

Den Abschluss bildete La Valse in Ravels eigener Transkription für Klavier zu zwei Händen: eines der anspruchsvollsten Werke der Klavierliteratur. Das liegt einerseits an den technischen Anforderungen: der Klaviersatz ist extrem dicht und polyrhythmisch, zudem gilt es, den Walzerrhythmus, auch bei gleichzeitig gespielten Glissandi über die ganze Tastatur, beizubehalten. Die andere Schwierigkeit ist interpretatorischer Art: es genügt nicht, den Satz technisch brillant, souverän zu spielen, sondern es gilt (vor allem in der zweiten Hälfte), den unheimlich-überdrehten, verrückten, bedrohend-beängstigenden Aspekt der Orchesterversion auf das Klavier zu übertragen. Beatrice Ranas Spiel war vielleicht manchmal etwas zu melodiös-walzerhaft und ein Quäntchen zu harmlos, doch was sie von technischer Seite zeigte war abermals hervorragend.