Meine Erwartungen waren hoch an dieses Rezital in der Semper Aula der ETH – und Konstantin Scherbakov hat sie mehr als erfüllt! Dabei bestach sein Rezital nicht nur durch enormes Können seines Instruments, sondern auch durch die umsichtige Programmwahl.

Den Anfang machten zwei der 18 Morceaux, Op.72 von Tschaikowsky. Bereits der Chant élégiaque (Nr.14) zog die Zuhörer unmittelbar in seinen Bann. Scherbakov nahm das Adagio zurückhaltend, mit sanften Bögen, viele der Arpeggien nur andeutend, ganz auf die Melodielinie fokussierend. Diese Spielhaltung behielt er im Più mosso moderato assai bei, gestaltete mit frei ausschwingender Agogik, die Dynamik sanft und harmonisch bis zur Klimax aufbauend und leitete mit der kleinen Kadenz wie beiläufig zur Coda über: meisterhaft!

Konstantin Scherbakov © Jen-Pin
Konstantin Scherbakov
© Jen-Pin

Die Nr.5, Méditation, dient allzu häufig als Encore. Hier jedoch war es mitnichten eine Dreingabe, bar jeglicher übertriebenen Süße erhielt sie dadurch das ihr zustehende Gewicht. Der Pianist vermied übermäßige Dehnungen, nahm ein flüssiges Zeitmaß, formte lange, harmonische Bögen, im 9/8-Teil dramatisch bis zum fff steigernd, ausdrucksstark, auch ohne Schmalz ein sehr ergreifendes Stück!

Es folgte Tschaikowskys Grande Sonate in G-Dur, Op.37: ein Gewaltsbrocken! Ich will hier Konstantin Scherbakovs Gestaltung im viertelstündigen Eröffnungssatz nur summarisch beschreiben: sie war flüssig, rhapsodisch erzählend-dramatisch, nie kam der musikalische Fluss ins Stocken, der Rhythmus lief durch, auch bei kleinsten Notenwerten. Dabei nutzte der Pianist eine sprechende Agogik und ein wohldosiertes Rubato, artikulierte sorgfältig und klar. Gleichzeitig vermied er Härten, ließ die dynamischen Konturen auch im doppelt punktierten Anfangsmotiv des Hauptthemas harmonisch, fast weich erscheinen.

Besonders gefiel mir, wie er in der Durchführung das Nebeneinander von Haupt- und Sekundärstimme hörbar machte, noch mehr aber, wie dank nie nachlassender Spannung das dramatische Schema des Satzes fast bildlich erfahrbar wurde. Bei alledem empfand ich Scherbakovs Interpretation als unprätentiös. Das spiegelte sich auch in der scheinbar entspannten Haltung: immer blieben die Arme locker, auch wenn die zahllosen Akkord- und Oktavketten aus dem Unterarm gespielt werden mussten, der Satz mit Sicherheit kräftezehrend ist.

Das Andante begann meditativ-reflektierend und blieb es auch im 6/8-Teil mit seinen häufigen Punktierungen. Für das Cantabile legte Scherbakov den Schwerpunk tauf die Melodie, ließ die Linke moderierend, zurückhaltend begleiten; später schienen beide Hände ein Eigenleben zu entwickeln, streckenweise an den Widerstreit zwischen Florestan und Eusebius erinnernd. Im Moderato con animazione fühlte ich mich manchmal an ein Chopin-Nocturne erinnert, wobei die Melodie bald in die Linke wandert, die Rechte fast beiläufig illustrierend begleitete.

Nach der wilden Jagd des Scherzo (der kürzeste Satz, aber rhythmisch vertrackt,rmanchmal fast gespenstisch, beinahe rasend schnell und flüssig dahinhuschend, packend, technisch äußerst anspruchsvoll) überzeugte der trioartige Mittelteil mit harmonischen, großen Phrasen. Auch hier bestach die Dramatik, die satzübergreifende Gestaltung vollends. Im Finale (Allegro vivace) schließlich präsentierte der Pianist ein furioses Feuerwerk, unterbrochen von erzählenden Phasen, teils fast lyrisch, dann wieder rhapsodisch-expressiv und drängend in einer ungemein fesselnden Interpretation.

Konstantin Scherbakov © Jen-Pin
Konstantin Scherbakov
© Jen-Pin

War die Tschaikowsky-Sonate schon sehr anspruchsvoll, so ging es nach der Pause mit sechs Etüden aus Sergey LyapunovOp.11 technisch vollends ans Eingemachte: etwas vom Allerschwierigsten der gesamten Klavierliteratur. Das lässt sich schon daran ablesen, dass es neben Scherbakovs eigener Referenz-CD nur zwei weitere Gesamtaufnahmen dieser 12 Studien gibt. Der Pianist eröffnete mit der noch relativ harmlosen Nr.1, Berceuse, wie vernebelt-weich, dabei immer singend, mit wiegender Agogik, wenngleich das Stück wesentlich anspruchsvoller ist als es den Anschein macht. Chant épique (Nr.8) beginnt als Arpeggio-Studie, dynamisch ausgezeichnet dosiert, geht dann aber technisch als  raumgreifender Klaviersatz, wie für drei oder vier Hände geschrieben, derart zur Sache, dass die Berceuse fast belanglos erscheint.

Nuit d'été erinnerte anfänglich an ein Lied ohne Worte von Mendelssohn, wie der Gesang einer Nachtigall, der nur dank dreier Notensysteme lesbar bleibt, dynamisch immer ausgezeichnet kontrolliert, mit zwei perlend-rauschenden Kadenzen. Es folgten in der Nr.6 (Tempête) Blitze und Sturmwind über die ganze Tastatur, darin scheinbar unbeirrt die Melodielinie, und gnomenhafte, rasend schnelle 6/8 Figuren, unabhängig in beiden Händen, dabei mit den Spitzennoten Melodien markierend in Ronde des Fantômes.

Schließlich Nr.10, Lesghinka, von Balakirevs Islamey inspiriert und in seinem orientalischen Tonfall stark an dieses erinnernd, dabei jedoch ruheloser, im Höreindruck wesentlich komplexer. Ohne Balakirevs lyrischen Partien und weitgehend ohne die Tonrepetitionen, aber mit rasenden Begleitfiguren ist sie dramatisch-wild von Anfang bis Ende. Selbst hier blieb Scherbakov souverän und dennoch unprätentiös – große Klavierkunst, wie man sie selten hört!

Der Pianist schloss mit zwei eher besinnlichen, ausgezeichnet passenden Zugaben von Tschaikowsky. Zuerst Novembre aus Les Saison, wunderbar singend, der Mittelteil zurückhaltend im Tempo, zögernd-launisch, stimmungsvoll und atmosphärisch. Den Schluss machte die Humoresque, aus den 2 Morceaux, Op.10: kein Scherzo, sondern eher reflektierend-vorsichtig. Sehr einleuchtend: Tschaikowsky war kein Mann der unbeschwerten, leichten Muse!