Der in Zürich lebende und lehrende Konstantin Scherbakov vollendet demnächst sein Projekt, sämtliche Solowerke für Klavier von Leopold Godowsky aufzunehmen; es fehlen nur noch die bekannten Studien zu Chopins Etüden. Dieses Konzert war eine Gelegenheit, Rückschau zu halten auf die bisher auf CD veröffentlichten Werke, angekündigt unter dem Titel The Pianist's Pianist: Godowsky als exemplarischer Pianist.

Leopold Godowsky © International Piano Archives at Maryland
Leopold Godowsky
© International Piano Archives at Maryland
Damit spielten die Organisatoren auf Godowskys Rolle als Klaviertechniker an. Weltruhm als Solist mag ihm versagt geblieben sein und von seinen Originalkompositionen hat sich kaum etwas im Konzertleben gehalten, aber er war ein brillanter Pianist, der unerschütterlich daran glaubte, die Technik ließe sich (fast) grenzenlos weiterentwickeln. Die bestehende Literatur genügte ihm dabei als Arbeitsgrundlage nicht, also musste er sich das entsprechende Repertoire selbst schaffen. Er tat dies mit Originalkompositionen, vor allem aber mit Bearbeitungen bestehender Werke, vom Barock bis hin zu Musik seiner Zeitgenossen. Am gelungensten finde ich seine Transkriptionen und Paraphrasen, die den Eindruck erwecken, dass sich Godowskys Fantasie am meisten am Gerüst bestehender Werke entzündet hätte. Bei den Originalwerken scheint er am erfolgreichsten in der Kleinform. In beides, Bearbeitungen fremder Werke und die Kleinform, gab dieses Konzert ausgezeichnete Einblicke.

Scherbakov eröffnete sein Programm mit der Transkription von Bachs zweiter Cellosuite in d-Moll. Was für eine wundersame Wandlung dieses im Original meist einstimmige, relativ spröde Werk bei Godowsky durchmacht! Hier wird die Melodielinie romantisch harmonisiert und harmonisch weitgehend umgedeutet, komplementäre Begleitstimmen dazu erfunden. Die Originalstimme bleibt, abgesehen von Oktavversetzungen, meist erhalten, auch wenn sie sich gelegentlich in der komplexen Polyphonie versteckt. Das Resultat ist von Bach weit entfernt; das wird schon in den einleitenden, pochenden Bassnoten klar, die bei Bach nicht zu finden sind, und endet in den angefügten Akkordkaskaden im großartigen Schluss. Abgesehen von der Harmonik, die an Medtner und Rachmaninow erinnert, sind es vor allem die großen dynamischen Steigerungsbögen, welche die Transkription prägen, und es ist nicht verwunderlich, dass leichte, barocke Tanzsätze bei Godowsky schwerer, manchmal fast schwerfällig wirken. Das Resultat ist interessante, spätromantische Musik mit barocken Anklängen.

Es folgten nach Schubert-Bearbeitungen einige Originalwerke. In den drei Sätzen aus der Java-Suite setzte sich Godowsky mit indonesischer Gamelan-Musik auseinander; die 6 Stücke aus dem Triakontameron sind alle im Dreivierteltakt, oft leicht-beschwingt und heiter (mit Ausnahme des melancholischen, wehmütig-verlorenen Alt Wien), auch lustig oder eher lärmig, dazu ein Salonwalzer.

Technisch zur Sache ging es in den drei letzten Kompositionen des Abends: Das Ständchen, schon bei Richard Strauss ein kleines Meisterwerk, geriet zum Kabinettstück mit viel virtuosem Laufwerk, behielt aber die Strauss'sche Harmonik und Atmosphäre weitgehend bei. Triana von Albéniz ist an sich schon ein virtuoser Prüfstein, hier aber in den Ansprüchen noch deutlich gesteigert und verdichtet. In den symphonischen Metamorphosen über Wein, Weib und Gesang von Johann Strauss Sohn schließlich erlebten wir orchestrale Größe und virtuose Explosionen in einem pianistischen Meisterwerk – Godowsky at his best!

Konstantin Scherbakov © Jen-Pin
Konstantin Scherbakov
© Jen-Pin

Der Schwierigkeitsgrad von Godowskys Werken ist für Laien kaum abschätzbar; man ist überwältigt von der Dichte und Vielstimmigkeit seines Klaviersatzes und viele Pianisten nutzen das dazu, ihre eigenen Fähigkeiten herauszustellen im Sinne von „Chopins Etüden sind an sich schon anspruchsvoll, aber Godowsky macht sie in seinen Bearbeitungen noch ein Vielfaches schwieriger!“ Interessanterweise meinte Konstantin Scherbakov in einem Interview, wenn man Godowskys Studien einmal gelernt und bewältigt habe, seien sie einfacher als die originalen Etüden. Das lässt sich kaum verifizieren, aber interessant ist die Behauptung schon.

Sie findet ihre Bestätigung insofern, als Konstantin Scherbakov jegliche Starallüren abgehen: seine Haltung ist jederzeit entspannt, seine Arme und Hände bleiben locker, die Finger immer in Tastennähe oder auf den Tasten, die Mimik ist ruhig, neutral. Wenn man sich die Musik wegdenkt, könnte man beim Blick auf die Hände fast meinen, einen Barpianisten spielen oder improvisieren zu sehen, derart leicht, wenn nicht gar einfach, manchmal fast beiläufig scheint das Spiel rein visuell zu sein – und sei es auch nur, weil es fast ganz aus den Fingern kommt. Allerdings steht das, was man hört, in totalem Gegensatz zu diesem Eindruck: Scherbakov ist ein Meister des Anschlags, der differenzierten Dynamik, er weiß das Spiel dem Instrument und der Raumakustik anzupassen.

Er kann dem Flügel scheinbar ohne Anstrengung gewaltige Klangmassen entlocken, wobei er es vermeidet, die Musik romantisch zu verbrämen, und es gleichzeitig schafft, den Klang transparent zu halten. Über den ganzen Abend war keine einzige Unsicherheit auszumachen; erst beim Schlussapplaus konnte man erahnen, dass das Programm dem Pianisten physisch einiges abgefordert hat. Das hinderte ihn nicht daran, als zweite Zugabe das anspruchsvolle Polichinelle aus den Morceaux de fantaisie zu spielen – zwar von Rachmaninow, aber dennoch in Stil und Stimmung wunderbar passend zum vorangegangenen Programm.

Nach diesem Abend war ich geneigt, das Konzert-Motto dahingehend umzudeuten, dass Godowsky als Modellpianist in Konstantin Scherbakov einen idealen Interpreten – The Pianist's (Godowsky's) Pianist – gefunden hat.