Eine interessante Mischung aus altbekanntem und selten aufgeführtem Liedgut singt Piotr Beczala im Haus für Mozart. Robert Schumann, Antonin Dvořák, Sergej Rachmaninow und Mieczysław Karłowicz stehen auf dem Programm, und es wird deutlich: Am schönsten klingen Gefühle doch in der Muttersprache.

Kristin Okerlund (Piano) und Piotr Beczala (Tenor) © Marco Borrelli / Lelli / Salzburger Festspiele
Kristin Okerlund (Piano) und Piotr Beczala (Tenor)
© Marco Borrelli / Lelli / Salzburger Festspiele

Es ist immer interessant, wenn Interpret und Komponist etwas verbindet, dann nämlich kommen Gefühle zum Ausdruck, die nicht zu inszenieren sind. Bei Piotr Beczala hat man dieses Gefühl sofort nachdem er die ersten Takte des Liedes „Enttäuschung“ aus der Feder des polnischen Komponisten Mieczysław Karłowiczs angestimmt hat. Karłowicz war ein Komponist, für den Volks- und Kunstlied immer Hand in Hand gingen, und genauso präsentiert Startenor Beczala auch die Lieder seines Landsmanns. Hat man Beczala vor der Pause bei Robert Schumanns Dichterliebe noch etwas zurückhaltender erlebt, geht er jetzt dafür umso mehr auf. Man merkt, dass er sich wohl fühlt mit dem was er da singt, und das liegt nicht nur daran, dass der Text in seiner Muttersprache verfasst ist.

Mit Piotr Beczala auf der Bühne kann man mit stimmlichem Höchstniveau rechnen, daran gibt es keine Zweifel. Schön sauber und fein phrasiert präsentiert er Schumanns Lieder, das Publikum folgt zufrieden, nichts anderes hat es erwartet. Seine stimmliche Vielfalt zeigt der Tenor aber erst bei den Werken Karłowiczs, Dvořáks und Rachmaninows. Bei dem Lied „Sprich weiter zu mir“ zum Beispiel hört man ein sehr warmes Timbre und fühlt sich direkt angesprochen, auch wenn man der polnischen Sprache nicht mächtig ist. Beczala spielt mit den Facetten seiner stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten und überrascht das Publikum mit einem Spektrum an fröhlichen, beinahe trällernden Vibratopassagen und breit ausgesungenen Melodiebögen. Hat er sich bei Schumann noch etwas ins piano gehüllt, kostet er nun die akustischen Möglichkeiten des Hauses für Mozart komplett aus. An diesen Stellen kommt dann auch immer wieder der Opernsänger Beczala zum Vorschein, der mit starken und sehr sicher ausgesungenen Spitzentönen den Saal bis in den letzten Rang ausfüllt.

Bei Dvořáks Zigeunermelodien lässt sich dann auch seine Klavierpartnerin Kristin Okerlund vom Rausch der Volksmusikklänge mitreißen und treibt Beczala im energiegeladenen Dreiviertelrhythmus voran, ohne dass der Gesang dabei in den Hintergrund gerät. Etwas melancholischer maßen Rachmaninows Lieder an, doch auch diesen Sprung zwischen den Emotionen schafft Beczala locker. Auch wenn es ein Genuss ist ihm im Rausch des forte zu lauschen, zeichnet er gerade in Werken wie „Flieder“ nachdenkliche Momente im traurig schönen piano. Zwischendurch lockert Beczala die Atmosphäre dann wieder mit leichter und durchaus schadenfroher Interpretation auf, zum Beispiel in „ Ein Junge liebt ein Mädchen“.

Bei so einem abwechslungsreichen Programm und derartig überzeugender Leistung möchte man ihn gar nicht mehr gehen lassen und Piotr Beczala selbst scheint es auch nicht gerade eilig zu haben, sein Publikum in die Nacht zu entlassen. Sage und Schreibe vier Mal kommt der Tenor auf die Bühne zurück um sich mit Zugaben von Ruggero Leoncavallo bis Richard Strauss bei seinem Publikum zu bedanken. Wer Piotr Beczalas Charme nach so einer Darbietung nicht verfallen ist, dem ist wohl nicht zu helfen.