Geahnt, aber trotz der beständigen Seltenheit nicht gedacht, hätte ich, dass es im persönlichen Fall elf Jahre dauern sollte, Auszüge der Oper Niobe des mächtigen Tausendsassas, von Telemann als beispielhaften „Meister“ geschätzten Steffani live in Deutschland wiederzuhören. Jetzt geschehen, als Cembalistin Olga Watts solche neben der Sonata da camera à 3 auf Grundlage der Edition Bernward Lohrs für die Tanzeinlagen des Potsdamer Orlando generoso Dorothee Oberlingers und Jean Renshaws 2025 einfügte. Denn diese Produktion wurde nochmals bei den 27. Magdeburger Telemann-Festtagen, die letzten unter Leitung Dr. Carsten Langes, präsentiert, deren Schlusswochenende ich nach der vergangenen Festivaleröffnung eben auch einen Besuch abstattete.

Steffani schuf erlesene, eingängige, wie Telemann dem vermischten Geschmack anheimfallende Musik, die bei Oberlinger und dem Tutti ihres Ensembles 1700 über weite Strecken allerdings – gemessen an vorherigen Erscheinungen und geweckten Erwartungen – bedauerlicherweise ein wenig staksig und unausgeformt, im Tempo eher behäbig-gleichförmig anmutete. Gewaltig kalibriert dagegen das wesentliche, um Watts formierte, farbextreme Continuo, vor allem das wie mit einem Verstärker resonierende Duo aus Barockharfe und Basslaute, welches den monteverdihuldigenden rezitativischen Stil hervorragend ausleuchtete.

Im Gegensatz zu Steffanis konventionserforderlicher, diplomatischer Einrenkung des von Atlante konstruierten Verwicklungsamoks und Unglücksstadels pflegte Regisseurin Renshaw keine Befolgung der Spielregeln, sondern opferte die Orlando-Figuren dem glaubwürdigeren, sprich abgeänderten Wahnsinn des Auseinanderbrechens. Sie entwarf eine schonungslose, brutale Aktionskonzeption, die mit dem körperlichen In-die-Szene-hineinwerfen nachvollziehbar war, im räumlichen Umsetzen durch die In-Out-Türen allerdings nicht ganz konsequent vollzogen wurde. In ihrer jeweiligen Liebes- und Treueverzweiflung bestach der Vokalcast besonders mit Terry Wey als koloraturengeschmeidiger, schusswütiger Orlando, Hélène Walter als hinreißend timbrierte Angelica und Gabriel Díaz‘ in angenehme Counter-Tonalität verpackte Diktatorcholerik Galafros. Der fleischig-kernige Bassbariton Sreten Manojlovic gefiel als mit dem Handy sein Unheil sadistisch filmender Atlante.

Wirklich instrumental drastisch geriet erfreulicherweise die große, lautmalerisch-plakative Musik Telemanns in dessen oratorischem Singgedicht Der Tag des Gerichts, das das B’Rock Orchestra als nächste Auseinandersetzung mit dem Œuvre vorlegte. Bevor es die kommenden Monate für Johanna Soller, noch Leiterin des Münchener Bachchors und -Orchesters, zugleich neue Frontfrau der Nederlandse Bachvereniging, Bach, Bach, Bach heißt, ließ sie bei ihrem gelungenen Ensembledebüt Koen Plaetincks Pauken, Garant für bombastischen Schreckens- wie feurigen Huldigungseffekt, freien Lauf und wählte herrlich rasante Tempi für antizipative Streicher-Accompagnati und Arien sowie bewegliche Chöre, um eine energetische, theatralische Interpretation abzuliefern. Eine, die hoffentlich auch Sollers Bach neu bestimmen wird.

Die Soli besorgten die Mitglieder des von Andreas Küppers mehrheitlich aus dem Balthasar-Neumann-Chor zusammengetrommelten Vocal Consorts, die allesamt sehr ordentlich und eindrucksdeutlich agierten. Volumenmäßig und rhetorisch am ausdrucksstärksten absolvierten darunter Mirko Ludwig, Karl Söderström, Marie Fribourg und Margaret Hunter ihre Aufgaben. Damit die drei Hörner nicht nur gen Stückfinale zum Einsatz kamen, stellte B’Rock noch das Concerto TWV 54:D2 voran, das unter Konzertmeister und klarem, melancholischem wie melodiesausigem Solist Evgeny Sviridov sowie den texturkörnigen Bläsernaturalien unter Primus Jeroen Billiet gleichsam von zupackender Kontrastfülle geprägt war.

In Magdeburg wieder mit von der Partie war auch das Berner Orchester Les Passions de l’Âme unter seiner charmanten künstlerischen Leiterin und den Zuhörer an ihren Gedanken teilhabenlassenden Konzertmeisterin Mereth Lüthi, die den Ensemblenamen in erfüllender Manier mit sechs Concerti da camera/Sonate da chiesa sowie einer Violin-Fantasia aus Telemanns legendär originellem Kammermusikspektrum verlässlich in ansteckenden Enthusiasmus umzusetzen wusste. Die für verschiedene, in Dialog tretende Besetzungen ihrer Solokollegen Laura Schmid, Claudius Kamp, Shai Kribus, Johannes Knoll, Silvia Tecardi, Sabine Stoffer, Lukas Hamberger, Matthias Jäggi und sich selbst ausgesuchten Werke sprudelten regelrecht vor klangsatter, empathischer, beherzter und intensiver Frische.

Wie bei Steffani sind leider auch Telemanns Opern viel zu selten zu erleben. Beziehungsweise das neu von sich reden machende deutsche Singspiel, dem sich der 80-jährige – immer up to date – mit Don Quichotte auf der Hochzeit des Comacho widmete. Paul O’Dettes und Stephen Stubbs‘ Boston Early Music Festival Ensemble, unter anderem in angesprochener Niobe vor elf Jahren gehört, hatte diese, natürlich von Gilbert Blin inszenierte Komödie bei seinem Festivaldebüt im Gepäck. Angereichert um die Ouverturensuite TWV 55:D18 und – für die gefälligen Pantomime – die Ouverture burlesque de Don Quixotte, in denen das in seiner galanten Art gewohnt von Konzertmeister Robert Mealy geleitete Orchester besonnen durch die Musik schwofte. Christian Immler brillierte als rittersmutiger Quichotte mit wohltuender Deklamationswucht in getroffenem Telemann-Dialekt, während Jason McStoots Tenor als bodenständiges Pendant Sancho Pansa etwas allzu brav blieb.

Dem BEMF war ebenfalls das Abschlusskonzert vorbehalten. Und zwar mit dem gerade mit einem Grammy ausgezeichneten Programm, das lange mit der Gruppe verbundene Sopranistin Amanda Forsythe 2023 eingespielt hatte. Darauf: die Ouverturensuite TWV 55:D23, die den Bogen zum Eröffnungskonzert schloss, die dramatische Kantate Ino und Ausschnitte der Opern Flavius Bertaridus sowie Emma und Eginhard (BEMF-Oper 2027, in Magdeburg 2028). Gewann das BEMF Orchestra mit den Ino-Accompagnati in Drama und Ausdruck in Magdeburg sukzessive an Fahrt, bestätigte sich Todd Williams als einer der besten Naturhornisten und begeisterte Forsythes berglaufreiner, stilnobler, delikater, diktionsbetonter Sopran mit faszinierender Ausstrahlung und schneidiger Technik, die ihren wahrlichen Höhepunkt im Finalsatz „Tönt in meinem Lobgesang“ erfuhr.




















