Drei berufliche Leidenschaften verbinden die Freunde Yannis François und Jakub Józef Orliński: Gesang, Tanz, Alte Musik. 2017 arbeiteten sie für Orlińskis Solodebütalbum zusammen, für das François, Bassbariton, ehemaliger Balletttänzer und Notenherausgeber für (früh-)barocke Raritäten, einige Stücke beisteuerte. Beyond, 2023 vorgestellt, wurde die vierte gemeinsame Konzeption, allesamt mit dem Ensemble Il Pomo d'Oro, auf der wieder zahlreiche Neuentdeckungen des italienischen Früh- bis auslaufenden Hochbarocks Platz fanden. Und mit denen Orliński, dank Social Media weltberühmter Countertenor der Gen Y, zum Tourfinale der angekündigt letzten Neuauflage dieses Programms bei seinem ersten Mal in der Glocke beim Musikfest Bremen einkehrte.

Beyond ist als eine Ein-Personen-Minioper über die essentiellen Themen wie Liebe und Vergänglichkeit sowie Formen wie Lamenti und reflektorische Comedia-Auftritte mit vor- und nachhallenden instrumentalen Intermezzi, und Orlińskis Tanzqualitäten angelegt. In abschließend melancholisch-mahnender Arie „Lungi dai nostri cor“ aus Sebastiano Moratellis Festserenata La Fareta smarrita dramaturgisch mit einem Fragezeichen zum zuvor aufgebauten, barocktraditionellen Ausgelassenheitstwist versehen, soll auch eine von Andrzej Celiński designte Montur die Szenenhaftigkeit und eine einheitsähnliche, über gewohnte Eleganz hinausgehende Erscheinung der Musiker unterstreichen. Mag man grundsätzlich über alles Geschmackliche trefflich streiten, erzielt dieser modische Aspekt jedenfalls vor dem Hintergrund, dass die Gewänder bis auf eine schmale goldene Verlaufslinie so schwarz wie die in zeitraffende Nacht gehüllte Bühne sind, so gut wie keine Wirkung.

Lediglich Orlińskis schwarzes Cape, unter dem ein sandfarbener Anzug mit besagt vertikalem Hauch einer Goldapplikation steckte, erlangt – natürlich im Spotlight des Solisten – sinnhafte und effektiv-pragmatische Bedeutung, als es einerseits Eindruck bei der Eingangs-Scena aus Claudio Monteverdis „E pur io torno qui“ (L'incoronazione di Poppea) und „Voglio di vita uscir“ (SV 337) garantiert; andererseits als Requisite für verkörperte höfische Personage sowie eine imaginäre Tanzpartnerin oder Kostüm einer alten Frau dient. Mit jenem Beginn Monteverdis entfaltete sich Orlińskis voluminöse, wohl gesetzte, in Mittel- und tieferer Lage dennoch leicht farbärmere, in der Höhe leuchtendere, geschmeidige Stimme, die die leidende Affektharmonik deutlich und gerade, dynamisch versiert artikulierte, ja in bewegt-theatralischer Klangrede verhaftet war. Aber auch ab und zu kleinere zu tiefe Intonationspassagen in Giulio Caccinis „Amarilli, mia bella“ (Le nuove musiche) und in Francesco Cavallis ansonsten noblem, anmutig und heroisch dankendem „Incomprensibil nume“ (Pompeo Magno) aufwies.
Nach aller quälenden Schwärmerei kummerverwandelnden Trotz und lebenserfahrene Vernunft vermittelte vitaler Orliński überzeugend in Girolamo Frescobaldis „Cosí mi disprezzate“ aus den Arie musicali I und Barbara Strozzis „L'amante consolato“ aus Cantate, ariette e duetti, Op.2. Ehe dessen Figur und Stimme durch ein Arien-Trio aus Giovanni Cesare Nettis Oper La Filli ein dichtes Wechselbad aus suizidaler Wehmut und überwindungsgesegneter Aufheiterung einholte, das vom komischen Element abgelöst wurde. Zunächst mittels eines ausgiebigen, virtuosen Gitarren-Intros Miguel Rincóns mit eingebauten Filmklassikern zu Antonio Sartorios „La certezza di tua fede“ (Antonino e Pompeiano), bei dem er – köstlich knorrig – selbst zum Objekt der Freudentanzbegierde Orlinskis geriet. Dann nach einem Orgelvorspiel Alberto Gaspardos samt Cornetto Pietro Modestis durch Orlińskis gebrechliche, stöhnende Stimme der alten Dame in Nettis „Quanto più la donna invecchia“ aus L'Adamiro, zu der Il Pomo d'Oro in letzter Reprise vokal mit einstieg.

Das Ensemble war generell top aufgelegt, als es die Seicento-Schatzkammer zu prächtigem Leben erweckte. So versah es mit temperamentansteckender Konzertmeisterin Alfia Bakieva (Co-Violine Jonathan Ponet) und profundem Basso die Affekte, Rhythmen, Ritornelli und mit Biagio Marinis Passacaglio à 4 in g und Johann Caspar Kerlls Sonata in F die ersten reinen Intrumentalbeispiele voll kontrastsatter Expressivität. Intensive Effekte Carlo Pallavicinos Demetrio-Sinfonia untermalten zudem schmissig Orlińskis Breakdance-Moves. Sorgte Rodney Pradas Gambe für ein fragiles Vergänglichkeitsvorspiel zu Nettis zweitem L'Adamiro-Auszug „Son vecchia, pazienza“, feierte Il Pomo d'oro mit Adam Jarzębskis Tamburetta eine fetzige Sause. Solche, die Orliński und fantastische Mitstreiter den frenetischen Fanbekundungen folgend mit vier Zugaben spektakulär ausdehnten.























