Sechs Brandenburgische Konzerte gibt es, vier Orchestersuiten. Alle haben aufgrund ihrer Technik und Besetzung unterschiedliche Reize und illustrieren einmal mehr Bachs Omni-Genialität in seinem Schaffen aus Kontrapunkt, Sensibilität und künstlerisch-rationaler Verzahnung wissenschaftlicher sowie menschlicher Musikalität. Seine Kompositionen sind uns durch Sinfonie und Arien in seinen gut zweihundert Kantaten so vertraut und belegen die Einzigartigkeit der strukturellen Einarbeitung. Alles scheint deshalb altbekannt! Und dann sind das Amsterdam Baroque Orchestra und Ton Koopman noch Interpreten am großen Bach-Abend in der Kölner Philharmonie.

Ton Koopman © Marco Borggreve
Ton Koopman
© Marco Borggreve

Doch: Auf der Tour der Bachkenner zeigten sie mit der Auswahl von Konzerten, Suiten und Sinfonie aus ebenfalls sechs Stücken (Bach hätte Freude an dieser nicht nur mathematischen Spielerei!), dass seine differente Instrumentalmusik in einen Kosmos gehört, von dem gar nicht soviel sicher geklärt ist. Offensichtliche Verbindungen ergeben sich nicht nur durch die Universalität der Musik, die höfisch-galante Sprache, Tonarten und Besetzung in den Suiten sowie dem Konzertsatz BWV 1045, sondern natürlich durch Parodie.

Französisch, festlich begann der Bachabend mit der dritten Orchestersuite, in der nach dem noch etwas , langsamen Ouvertürenteil das Ensemble flirrende Spielfreude an den Tag legte. Obwohl im Tempo relativ gemäßigt, zelebrierte es die Vite tänzerisch leicht, mit federnden Streichern, akzentuierten Bassakkorden und konturverleihenden Oboen. Funkelnde Trompeten, stets unter dem lautstarken Gegrummel der Pauken, schmückten lebhaft diesen pompösen Satz. Durch die Aussagekraft der blanken Musik skelettierte Ton Koopman dann die vielfach etwas in Mitleidenschaft gezogene Air in ihre offene Schönheit und von alleine sprechende Emotionalität. Wunderbar enge, durch Agogik und Artikulation getragene, eindrückliche und gerade durch fast gänzlich fehlendes Vibrato weiche Streicher folgten ihm dabei perfekt. Die folgenden schnellen Tanzsätze komplettierten mit ihrer wieder ablösenden, energetischen Spritzigkeit das strahlende Fest in D, wobei die gut aufgelegten Naturtrompeten und kräftigen Bässe in trefflicher Balance der Suite ihren frischen Teint verliehen.

Dieser ging etwas verloren im D-Dur-Konzertsatz, der vermutlich eine Sinfonia zu einer verlorenen Kantate ist; jedenfalls erinnert er stark an die Einleitung zu Kantate 29 oder den Oratorien von Ostern und Himmelfahrt. Erhöhte Aufmerksamkeit und damit einhergehende – leicht spröde – Angespanntheit machte sich breit, um im verkappten Violinkonzert auf Konzertmeisterin Catherine Manson reagieren zu können. Sie hatte wörtlich die beide Hände voll zu tun, sich zwischen den Violinstimmen stehend Gehör zu verschaffen. Nicht immer gelang es ihr im äußerst flinken, schwierigen Doppelgriff-Meer, in dem die Intonation kurz litt, dem Stück seinen Stempel von heikler Kühnheit und munterer Farbigkeit aufzudrücken, der einerseits durch hervorragende Trompeten und Pauken aufgelöst, andererseits gekrönt wurde.

Anders im Vierten Brandenburgischen Konzert, in dem Koopman wiederum das Violinsolo heraushob und bei dem das Amsterdam Baroque Orchestra Manson dann auch mehr Raum ließ, der Leiter am Cembalo aber die Zügel durch Rhythmus-Präsenz deutlich führte. Die Blockflöten, ansonsten ebenbürtig in Szene gesetzt, spielten hier leider eher die Rolle des Begleiters, die sich nur aufgrund der Echo-Struktur im Andante zur Gleichberechtigung wandelte. Während Catherine Manson in der verrückt-diffizilen Sportlichkeit und Virtuosität der umrahmenden, schnellen Sätze Herrin der Lage war, verströmten Reine-Marie Verhagen und Inês d'Avena mit ihren sanften, weichen Altos routiniert Wärme, Geläufigkeit und königliche Milde.

Den verbindenden und anfänglich mit der Suite aufgekommenen Sog der Freude und Kernigkeit konnte auch das dafür prädestinierte Dritte Brandenburgische Konzert nicht recht erzeugen. Zwar wirkte es durch Rücksichtnahme auf die Eigenstimmigkeit der (solistischen) Instrumente gruppendynamisch kompakter und beispielsweise durch Koopmans Vorschlagstriller verziert und dynamisch verspielt, in puncto Tempo und Kraft aber verhalten. Das finale Fugen-Allegro überzeugte unter diesen Bedingungen jedoch am besten mit einigen spannenden Schwellern und energischen Bässen. Das eigentlich aus zwei Akkorden notierte Verbund-Adagio füllte Koopman – wie nicht anders zu erwarten – zu einer prägnanten wie gefühlvollen Cembalo-Kadenz aus.

Glücklicherweise kehrte mit den Oboen in der Sinfonia zur Kantate 42 Bachs instrumentale Flüssigkeit zurück, die von ihrer Mentalität mit dem Concerto der Streicher und Concertino der beiden Oboen sowie des Fagotts ein wiederverwertetes Stück aus früherer Zeit sein könnte. Sei sie aus früheren Vorlagen im besonderen Köthen (auch à la Brandenburg) oder aus späteren des Leipziger Café Zimmermann, machte das fordernde Drängen der Oboen Antoine Torunczyks und Josep Domenechs sowie Wouter Verschurens tänzelnd-näselndes Fagott den Satz zu einem frischen Wechselspiel dieser versteckten Konzerte.

Und wie der Anfang so gelang auch der Abschluss mit Orchestersuite Nr. 4 glamourös spielfreudig. Legten nun drei Oboen und Fagott in der ersten Variante des schnellen Ouvertüren-Teils (Sinfonia zu Kantate 110) wieder den Grundstein der wirbelnden Lebendigkeit, übernahmen im zweiten Durchgang Streicher und Cembalo diese Aufgabe. In der ganzen Einleitung überraschte Koopman zudem mit dynamisch variierten Akkord-Nuancen, die sogar die schroff-schreienden Trompeten mitmachen konnten. Mit hüpfend-zupfigen Oboen in der Bourrée, fein aufgedröselten, majestätisch schreitenden Gavottes, erhabenen, französisch-gartenträumerischen Menuetten und einem Haudrauf-Finale der Réjouissance brannten die Musiker des ABO ein feierlichen Feuerwerk ab.