Wenn es um die Aufführung konzertanter Wagner-Opern geht, ist Tristan und Isolde seltener in den Programmen der Konzerthäuser zu finden. So ist es umso spannender, wenn sich eines der renommiertesten Orchester Europas die Ehre gibt, noch dazu mit hochkarätiger Besetzung. Im Großen Saal des Concertgebouw Amsterdam mit seiner exzellenten Akustik wurde Wagner jedoch nur Häppchenweise serviert – der zweite Akt musste dem Publikum an diesem Samstagabend genügen.

Chrstine Goerke © Arielle Doneson
Chrstine Goerke
© Arielle Doneson

Geradezu herausgelöst aus der Handlung – zwischen Liebestrank und Liebestod – fügt sich der zweite Akt in Wagners Opus metaphysicum ein und beschert circa 80 Minuten Realitätsflucht. In betörend überwältigender klangprächtiger Interpretation der Partitur durch Daniel Harding und dem Concertgebouw-Orchester geriet die Liebesnacht zur rauschhaften Ekstase zweier tragisch Liebender, deren Bann man sich nicht entziehen vermochte.

Da man die Musik Tristan und Isoldes meist nur aus dem Graben hört, entfaltet sie sich auf der Konzertbühne mit langer Nachhallzeit ganz anders. Dieser Tristan klang ungeahnt symphonisch und voluminös und zeichnete sich besonders durch die vielschichtige Betonung einzelner Instrumentengruppen aus, wie beispielsweise der überraschend präsenten Bassklarinette. Das Dirigat kam ohne viel Pathos, dafür aber umso mehr Präzision und Virtuosität aus. Daniel Harding strebte musikalische Perfektion an und kam ihr an diesem Abend sehr nah. Harding, der bereits seit 2004 immer wieder mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam auftritt, verstand es, überwältigende Höhepunkte zu schaffen und das Orchester innerhalb von kürzester Zeit auf elegante Art und Weise zurückzunehmen, um in einem Klangteppich die Grundlage für die intimen Momente der Liebesnacht zu weben.

Für die amerikanische Sopranistin Christine Goerke war es ein Rollendebüt. Sie sang Isolde mit kraftvoller Stimme voller Leidenschaft; so mag man ihr die wenig klare Aussprache gern verzeihen. Sie wartete mit schier unerschöpflicher Energie auf, durch ihre vibrato-reiche Stimme erklang die Isolde geradezu erotisch und wohlklingend. Stuart Skeltons lieferte mit seiner herben, recht tiefen Tenorstimme eine intelligente Interpretation des Tristans. Er beeindruckte nicht zuletzt mit strukturiertem und kontrolliertem Gesang, in dem er den Überblick über jede Phrase behielt und behutsam die Vokale aneinanderreihte. Mit versierter Technik, nicht mit bloßer Kraft, verlieh er dem Tristan eine neue Tiefe. Claudia Mahnke war eine Brangäne, die keinerlei Wünsche offen ließ. Isolde stimmlich in nichts nachstehend, überzeugte sie mit ihrer emotionsreichen und charismatischen Stimme. Eine ebenso gefühlvolle Interpretation lieferte Matthias Goerne, dem man seine Erfahrung im Liedgesang bei der Gestaltung König Markes Rolle anhörte. Mit angenehmer Bassstimme klang er geradezu sanftmütig und gefühlvoll. Eine stärkere Differenzierung in Lautstärke und Ausdruck wäre manchmal jedoch wünschenswert gewesen.

Es war eine denkwürdige Vorstellung in der das Concertgebouw-Orchester erneut unter Beweis stellte, dass sie nicht umsonst zu den führendsten Orchestern Europas gehören. Weder Zugaben noch weitere Werke waren dem Publikum vergönnt und so blieb der Wunsch nach einem Liebestod unerfüllt. Bis Christine Goerke ihre vollständige Isolde in einer szenischen Produktion singen wird, muss das Publikum sich weiterhin gedulden.

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