Wir schreiben 1713, ein spannendes Jahr. Der junge Prinz Johann Ernst von Sachsen-Weimar, selbst ein begnadeter Komponist, kommt mit Partituren aus Europas Notendruckzentrum Amsterdam zurück in die Residenz. Der neue Verkaufstar ist Antonio Vivaldi, nachdem Anfang des Jahres Meister Corelli verstorben war. Die Barockprominenz nimmt sich Vivaldi zum Vorbild für das Komponieren, auch in Deutschland, wo ein munteres Kopieren, Transponieren und Inspirieren die Reihe macht über besagten Prinzen, Telemann bis zum Hofkomponisten Bach, der von allen etwas abkupfert. Bis vor vierzig Jahren war so auch die Autorenschaft von Werken van Wassenaers unklar, dessen Concerto in A für vier Geigen den Weg ins Programm vom Ensemble Harmonie Universelle fand, auf dem dafür leider ein Beispiel des Prinzen selbst fehlte.

Monica Waisman und Florian Deuter © Stefan Flach
Monica Waisman und Florian Deuter
© Stefan Flach

Gleich mit dem schwierigen Kracher Il grosso mogul, von dem Bach eine Orgelbearbeitung anfertigte, sollte der Violinabend beginnen. Wirkmächtig und ungestüm brachen da im ersten Allegro bei Florian Deuter die Doppelgriffe über die tieferen Saiten los, ehe sich in fulminanten Läufen die Finger bis zum Griffbrettrand der E-Saite hochschraubten, erste chromatische Verschiebungen das Ohr stutzen ließen und Arpeggien manisch-fetzig umherwirbelten. All diese fingen die beiden umrahmenden Stimmen von Mónica Waisman und Andria Chang ein, die sich die melodiös-auflösenden Energieschübe durch die concerto-vorzugswürdige optimale Aufstellung hin- und herwarfen. Die schier überbordende, einem Solisten alles abverlangende, gleißend-unikale Virtuosität und Technik brachte der Geiger natürlich in besonders herausstellender Weise mit agogischen Anheizungen in die Kadenz ein, der das reich verzierte Rezitativ so intensiv in seinem kräftigen Ton und an Phrasierung folgte, als sei es die Fortsetzung derer. Noch angetriebener offenbarte sich schließlich das zweite Allegro mit dem furios kratzbürstigen Wischen und Huschen samt Betonungsreibung, dessen bombastischere Kadenz mit Hoch-Tief-Echos, ganz feinen Trilli-Blitzern und prächtig blinkenden Überraschungen zielsicher und selbstbewusst in Staunen versetzte.

Auch Telemann tut dies, nur auf seine Art, mit Humor und umwerfend eingängigen Ideen. Eine davon ist seine Reihe Concerti/Sonate senza basso, wovon Harmonie Universelle die G-Dur-Variante aufspielte. Der einerseits dadurch entstehende „reinere“ Klang bildete einen schönen Kontrast zur verspielten Beladung Vivaldis, der sich im Largo durch beide Ensembleleiter, Chang und die vierte Geige im Bunde, Ha-Na Lee, in sich achtender Dynamik äußerte. Erst woben drei Violinen einen harmonischen Akkordteppich für Deuters hohe Singstimme, dann dialogisierte das Führungspaar concertato mit dem Continuo. Andererseits entsteht durch die Besetzung ein zerbrechlicheres Idiom, das das hinreißende Verbindungsstück zu den zwei schnellen Sätzen war: eine interessante, lebhafte Vierer-Fuge sowie ein typisch bulliger Telemann-Finalspaß mit triumphaler Erkennung, lustig wie so manche seiner Übungen. Ebenfalls spritzig, dennoch klangästhetisch etwas runder und klarer auf der E-Saite, glänzte es in Waismans Soli in Vivaldis Violinkonzert RV 273, in der sie – unterstützt vom Orchester-Feuer und kurzem Durchpusten – Jagd machte auf pralle Farben. Nach zärtlich-ruhendem, extrovertiertem Schwelgen inklusive schmucker Fingergeläufigkeit und Ausbruchverlangen mündete letzteres in der Entsprechung der reizvollen Tutti-Einwürfe des Allegro, das die Solistin weich, aber mit artikulatorisch spürbarer Verlockung, schließlich wütend-passioniert angesteckt zum Durchfluss verhalf.

Fließend geriet gar durch das Präludium von Cembalist Markus Märkl der Übergang zu Prinz Johanns Adelskollege Wassenaer, dessen Konzert in der Tat royal daherkam, im Kanon mit entfaltender Dynamik wallende Größe erreichte. Vernahm man im Largo andante dank der Ausführung schwungvolle, entzückende Kantabilität vor knackig-schreitendem Continuo, segnete das Ensemble das genauso nach diesem Muster verlaufende Vivace trotz kleinerer Unsicherheiten mit Spiellust, Frische und Nachdruck. Hier schon wurde Linda Mantchevas Cello lebendiger, das sich gen Ende prominenter in den Geigenreigen einbringen sollte. So bei Bachs Violinkonzert a-Moll, welches Waisman mit besonders runden Spitzen, auffrischender Betonung und Aufgehobenheit versah, selbst wenn die Kulminationspunkte im Freudentanz kleine Eintrübungen erfuhren. Und letztlich in Vivaldis 11. L'estro armonico, mit dem die Concerti-Mania agil, herzlich, wild und durch Deuter immer drängender glühte – wie die spannende Begier 1713.

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