Einen Tag nach dem hervorragenden Abend mit Werken von Ravel drehen Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra das Rad der Zeit zurück ins 19. Jahrhundert, hin zu Bruckners Siebter Symphonie. Da diese nicht abendfüllend ist, kombinierte Chailly sie mit zwei frühen Ouvertüren von Wagner, den Bruckner beinahe abgöttisch als Vorbild verehrte. Für sich genommen, machte das Programm durchaus Sinn, obwohl die beiden Ouvertüren sich kaum mit der großen Form, den Urgewalten in Bruckners Symphonie messen können. Noch krasser fiel der Vergleich zu Ravels Raffinement und Farbenreichtum in den Werken vom Vorabend aus: wer beide Konzerte besucht hat, kann beim zweiten das Erlebnis des ersten nicht einfach ausblenden.

Riccardo Chailly © Lucerne Festival | Peter Fischli
Riccardo Chailly
© Lucerne Festival | Peter Fischli

Bereits in seiner frühen und letztlich gescheiterten Oper Rienzi äußert sich Wagners Drang zum sprichwörtlich großen Wurf, wenn nicht gar zum Gigantismus. Dennoch bleibt seine musikalische Sprache in der Nähe von Rossini und Donizetti, selbst Mendelssohnsche Elemente sind anzutreffen. Es war nicht – oder in weit geringerem Maße – die Stunde der Solisten: hier wurde mit breiterem Pinsel gemalt. Dementsprechend war nicht das Zusammenspiel unterschiedlichster Kombinationen solistischer Instrumente gefragt, sondern die Homogenität, der Ausdruck ganzer Stimmgruppen, speziell der Blechbläser. Man mag bedauern, dass damit das Orchester nicht alle seine Stärken ausspielen konnte, dennoch leistete es in diesem Bereich ebenso Hervorragendes. Chailly ließ die Streicher bewusst weich und romantisch artikulieren, mit warmem Klang und reichlich Portamento in den langsamen Melodien, mit geballter, anfänglich gebändigter Kraft. Weit mehr als bei Ravel am Abend zuvor prägten die Streicher das Klangbild. Dies erklärt nicht nur die stärkere Mitarbeit des Konzertmeisters (Raphael Christ), es war erfrischend zu beobachten, wie alle Musiker, speziell die Violinisten (etliche Konzertmeister und Stimmführer unter ihnen!) die Aufführung motiviert und aktiv mitgestalteten. Chaillys Sinn für dramatische Entwicklung und große Formen führte das Orchester zu einer überzeugenden, geschlossenen Leistung. Einzig der allererste, sehr exponierte Einsatz der Holzbläser war intonationsmäßig leicht getrübt – ein einziges, kleines Manko, das im Gesamteindruck letztlich irrelevant blieb.

Die Ouvertüre zu Der fliegende Holländer ist noch mehr geprägt von großen Gesten, zumal wenn sich gewaltige Meereswogen auftürmen, oder sich das emotionale Drama der Oper abzeichnet. Anderseits sind da auch (wenige) intimere Momente, an denen die Stärken der Holzbläser zur Geltung kamen. Primär aber zeigte sich Wagners erstaunliche Entwicklung zwischen den beiden Werken im (hier vorbildlich realisierten) konsequent zwingenden Zug hin zur dramatischen Klimax. Bei beiden Ouvertüren schaffte Wagner durch thematische Vorgriffe einigermaßen geschlossene Formen. Dennoch blieb ohne nachfolgende Oper der Eindruck des Fragmentarischen, lief die Eröffnung, die Vorbereitung auf das nachfolgende Drama letztlich ins Leere, vor allem bei der zweiten Ouvertüre, vor der Konzertpause.

Das Bild vom glühenden Wagner-Verehrer Bruckner ist irreführend: Wagner wollte bewusst alles bisher Dagewesene übertreffen; bei Bruckner brach Monumentales mit Urgewalt, wie spontan in seinen Schaffensprozess. Bei Bruckners Siebter ist Breite gefordert: dynamisch, vom gehauchten Pianissimo hin zu den mächtigen Klangballungen, aber ebenso im Atem, der Phrasierung, der endlosen Melodie des Beginns, den riesigen, sich intensivierenden Steigerungswellen, hin zur überwältigenden Klimax. Riccardo Chailly verlor ob der riesigen Form nie den Überblick, nirgends ließ die Spannung nach, weder in langen Pianissimo-Passagen, noch in den Generalpausen des Adagios. Konsequent folgte er Bruckners monumentalen Strukturen, behielt die Dynamik unter Kontrolle; gewaltig, eindrücklich, doch nie exzessiv. Durchweg ausgezeichnet in Artikulation, Phrasierung und Agogik spielte das Orchester meisterlich, von den Streichern (jetzt unter Gregory Ahss als Konzertmeister) über die Bläser, bis hin zum Pauker, der mit seinen ausdauernden Wirbeln einen Spezialapplaus errang. Nicht zu vergessen natürlich die hervorragenden Bläser, speziell die Soloflöte und das Blech, darunter bemerkenswert die vier Wagnertuben mit ihrem ganz eigenen Klang. Diesmal gab es keine spontane Standing Ovation, dass aber das Orchester seinem Chefdirigenten trampelnd applaudierte, spricht doch eigentlich für sich.

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