Viel Zeit blieb Jukka-Pekka Saraste mit den Münchner Philharmonikern nicht. Eigentlich hätte Lorenzo Viotti mit dem Orchester am Samstag in der Isarphilharmonie spielen sollen, nach der ersten Probe musste dieser allerdings krankheitsbedingt aussetzen. Saraste sprang ein und übernahm sogar das Programm ohne Änderungen. Und das, obwohl dieses mit Rachmaninows Toteninsel und Skrjabins Le Poème de l’extase nicht unbedingt mit Werken des Kernrepertoires aufwartete. Hinzu kam Wagners Siegfried-Idyll und Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune.

Jukka-Pekka Saraste
© Felix Broede

Umso erstaunlicher ist es, dass Saraste trotz der kurzen Probenzeit die Philharmoniker so fein auf die unterschiedlichen Werke eingestimmt hatte. Wagners Siegfried-Idyll eröffnete der Finne behutsam, meditativ kreisten etwa die Streicher um das erste Thema. Zuerst führte Saraste diese noch nicht zum überbordenden Klang, erst nach und nach entwickelte der Finne satteren, schwelgerischen Klang. Die Philharmoniker gingen diese Interpretation vorbehaltlos mit.

Ähnlich war es auch in der nachfolgenden Tondichtung von Rachmaninow. Die Toteninsel, basierend auf dem gleichnamigen düsteren Bild des Malers Arnold Böcklin, ist nicht weniger finster als ihr Vorbild. Saraste durchleuchtete das sinistere Klangbild aber sehr detailgenau. Dort, wo der Klang sich erhellt, etwa wenn die Holzbläser ins Geschehen eingreifen, schaffte Saraste den entsprechenden Raum. So wurde die Tondichtung tatsächlich zu einem cineastischen Reißer, wenn schließlich auch das Blech eingreift und der Tod in Form des Dies-Irae-Motivs durch die Stimmgruppe flimmert. 

Subtiler ging es in der zweiten Hälfte weiter mit Debussys Prélude à L'Après-midi d'un Faune. Ähnlich wie schon beim Siegfried-Idyll entwickelte der Finne diese doch ganz anderen Klangfarben mit wunderbarer Ruhe. Allein die Zeit, die er sich und dem Orchester ließ, bevor die Flöte mit dem Thema beginnt, war bemerkenswert und bewusster Teil der Inszenierung. Aus dieser Ruhe heraus vermochte Saraste dann aber auch bei dieser kürzesten der vier auf dem Programm stehenden symphonischen Dichtungen den dramatischen Bogen sehr organisch zu spinnen. Alles schien im Fluss zu sein.

Das galt auch für das anschließende Le Poème de l’extase von Alexander Skrjabin. Die Voraussetzungen sind freilich ganz andere, denn diese musikalische Veräußerung einer innerlichen Ekstase gießt Scriabin in aufgewühlte, bis zum äußersten getriebene Klangexplosionen. Saraste führte die Philharmoniker durch diese permanent vorandrängende Musik sehr bewusst. Er dirigierte zwar flott, interessant war dabei aber zu sehen, wie er die teils scharfen Klangfiguren in seine Bewegungen aufnahm. Im Kontrast zu der sehr strengen, immer weiter steigenden Dynamik entwickelte er mit dem Orchester allerdings eine fiebrige Spannung, die sich nicht eine Sekunde der Entspannung erlaubt, selbst wenn das Orchester inmitten der letzten entfesselten Ekstase in eine Generalpause mündet. Ein letztes Aufbäumen führt zum metallisch ohrenbetäubenden Finale, das Saraste kurz zurücknahm, wieder aufblühen und doch nicht überlang im Raum stehen ließ.

Es sind diese Details, die Saraste im gesamten Programm immer wieder zu Tage förderte und den finnischen Dirigenten als Meister der orchestralen Erzählkunst ausweisen.

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