30 Jahre ist es her seit Michael Tilson Thomas zuletzt am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks stand. Durch diese raren Auftritte lässt sich erklären, warum der Amerikaner hierzulande vielleicht nicht ganz an die Bekanntheit anderer US-Kollegen wie Kent Nagano, Lorin Maazel oder James Levine heranreicht. Dabei kann ihm von diesen dreien wahrscheinlich nur Kent Nagano Konkurrenz machen, wenn man nach einem Botschafter für amerikanische Musik suchen würde.

Michael Tilson Thomas
© Kristen Loken

Sowohl mit Leonard Bernstein als auch mit Aaron Copland war Tilson Thomas befreundet. Es verwundert also wenig, dass der 77-jährige auch bei seinem Gastdirigat in München ein Werk von Copland auf das Programm setzt. Die Dritte Symphonie entstand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Unpolitisch lässt sich Coplands Dritte daher kaum interpretieren und verstehen. Zu augenscheinlich ist das Muskelspiel dieses Werks, das Bernstein als „Monument der amerikanischen Symphonik“ bezeichnete. Copland selbst befeuerte die Politisierung der Symphonie aber auch selbst, indem er seine Fanfare for a Common Man in den Finalsatz einbaut. Die Fanfare hatte Copland während des Zweiten Weltkriegs komponiert – statt einer Kriegsfanfare schrieb er jedoch die Huldigung des Ottonormalverbrauchers. 

Bei Tilson Thomas‘ Interpretation ging es dann auch nicht nur um die rein plakative orchestrale Zurschaustellung, denn in der Partitur gibt es auch zögerliche Momente. Coplands Ziel war es zwar, der amerikanischen Kunstmusik eine eigene Stimme zu geben, dennoch orientiert er sich bei seiner Dritten zumindest formal am europäischen Vorbild. Tilson Thomas gab gerade diesen Passagen ganz behutsam Raum. Wunderbar lyrisch klangen etwa die Holzbläser im dritten Satz. Tilson Thomas ließ dabei die verschiedenen Stimmgruppen des BRSO miteinander verschmelzen. Am Ende überragten zwar die Blechbläser, überladen wirkte die Musik auch im Herkulessaal dennoch nicht.

In der ersten Hälfte musizierte das BRSO mit Julia Fischer, die als Münchnerin naturgemäß mit dem Orchester deutlich enger verbunden ist als Tilson Thomas. Mit Beethovens Violinkonzert stand zwar ein Repertoirestück auf dem Programm, klang am Freitagabend aber keineswegs eingestaubt. Schon die weitgreifende Einleitung des Orchesters leitete Tilson Thomas mit gleicher Freude an den lyrischen Melodiebögen. Der gerne als mürrisch charakterisierte Beethoven offenbart sich hier als warmherziger Humanist. Unaufgeregt entwickelt Tilson Thomas etwa den symphonischen Kopfsatz, nobel klang das Larghetto. Julia Fischer spielte ebenso dezent. Statt mit sattem Schmelz, führte sie viel variantenreicher durch die Partitur. Mal verzichtete sie fast ganz aufs Vibrato, raute im Pianissimo den Ton etwas an. Möglich machte das die unfassbare technische Perfektion, die Fischer spätestens in den Kadenzen virtuos in Szene zu setzen wusste.

Tilson Thomas erwies sich als intelligenter Begleiter, der Orchester und Solistin immer wieder präzise aufeinander abstimmte. Etwas behäbig wirkte dann schließlich aber doch der Finalsatz, der bei aller Sympathie für den nüchternen Ansatz von Tilson Thomas im Rondo wenig Feuer zu entfachen vermag. Trüben konnte das den Gesamteindruck jedoch nicht, zumal Fischer mit einer Paganini Caprice als Zugabe noch einmal ihr virtuoses Talent zur Schau stellte.

****1