Jules Massenets Oper Werther mag zwar nach ihrem Titelhelden benannt sein, in dieser Wiederaufnahme-Serie an der Wiener Staatsoper war es aber zunächst die Sängerin der Charlotte, die im Mittelpunkt des Interesses stand, denn Angela Gheorghiu hatte angekündigt, diese Partie, die sie bereits in einer Studioaufnahme gesungen hat, das erste Mal nun auch auf der Bühne zu präsentieren.

Angela Gheorghiu als Charlotte © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Angela Gheorghiu als Charlotte
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Auf den ersten Blick mag diese Rollenauswahl befremdlich erscheinen, gilt doch die Charlotte als Paraderolle des Mezzosopran-Repertoires. Beschäftigt man sich jedoch ein wenig mit der Aufführungsgeschichte des Werther, fällt auf, dass die weibliche Hauptrolle in der Vergangenheit von vielen Mezzosopranistinnen, aber immer wieder auch von Sopranistinnen gesungen wurde – Marie Renard, die Charlotte der Uraufführung, sang gar ihre gesamte Karriere hindurch sowohl Mezzo- als auch Sopranpartien. Aus diesem Blickwinkel und besonders vor dem Hintergrund von Gheorghius dunkler Stimmfarbe erscheint es nicht mehr ganz so ungewöhnlich, dass sie sich nun in dieser Rolle versucht, allerdings ist es verwunderlich, dass sie, die stets für sehr historische Interpretationen eintritt, es in dieser modernen Inszenierung tut:

Regisseur Andrei Serban verlegt die Handlung in die 1950er-Jahre und stellt einen Baum – vermutlich als Symbol für die von Werther oft besungene Natur – ins Zentrum der Bühne. In diesem Einheitsbühnenbild, das von wechselnden Möbelstücken ergänzt wird, spielt sich fortan das ganze Drama ab. Zur Interpretation der Handlung trägt die Inszenierung somit, zumindest meiner Meinung nach, nicht unbedingt viel bei, sie liefert lediglich den Spielraum für die Figuren. So standen etwa die entzückenden und wunderbar singenden Kinder der Opernschule, die unter der routinierten Anleitung von Alfred Šramek als Le Bailli im ersten Akt ein Weihnachtslied zum Besten geben, etwas verloren zwischen dem übergroßen Baum und einer Hollywoodschaukel herum. Die ganze Spannung des Stückes entfaltete sich in Folge ausschließlich aus den handelnden Personen, wobei allen voran Jean-Francois Borras als Werther und Angela Gheorghiu als Charlotte mit Differenziertheit und emotionaler Intensität beeindrucken konnten.

Jean-Francois Borras, der kurzfristig für den erkrankten Ramón Vargas eingesprungen war, verkörperte einen sehr überschwänglichen und gleichzeitig hochdepressiven Werther. Er gestaltete die Rolle mit seinem warmen Timbre und viel Schmelz in der Stimme, die stellenweise allerdings sehr viel Vibrato aufweist, als stets zwischen Depression und Manie changierend. Dabei blieb sein Werther immer sehr Ich-bezogen – als ihm etwa Charlotte von der Trauer um ihre Mutter erzählt, steht er von ihr abgewendet, besingt die Schönheit ihrer Augen, ohne wirklich davon Notiz zu nehmen, wie es ihr in diesem Moment geht. Sowohl darstellerisch als auch stimmlich gelang Borras der ständige Wechsel zwischen leisen, sanften Tönen und aufwallenden Gefühlen, bei denen man in den Genuss seiner metallischen Höhen kam, perfekt. Zu einem Höhepunkt des Abends wurde die Arie „Pourquoi me reveiller“, in der er seine gesamte gestalterische Bandbreite von herrlichen Piani bis zu kraftvollen Ausbrüchen unter Beweis stellen konnte.

Jean-François Borras als Werther © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Jean-François Borras als Werther
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Angela Gheorghiu zeigte von Beginn an durch ihre darstellerische Präsenz, dass sie die Charlotte als junges, unaffektiertes, fröhliches Mädchen anlegt, das durch Werthers überschwängliche Liebe zu ihm zwar durchaus beeindruckt, aber auch überfordert ist. Gesanglich wirklich auftrumpfen konnte sie dann ab dem dritten Akt. Ein wahrer Gänsehaut-Moment war die Briefszene, in der jedes Wort, jede Geste voll Bedeutung war, und Gheorghiu mit ihrer filigranen Stimme Charlottes ganze Hin- und Her-Gerissenheit und pure Verzweiflung eindringlich gestaltete. Gleichzeitig bewies sie, dass ihre ohnehin eher dunkel timbrierte Stimme nicht nur zu leuchtenden Höhen, sondern auch zu satten Tiefen fähig ist. Obwohl ihr die tiefen Lagen hörbar mehr Anstrengung bereiteten und auch nicht immer so sauber gerieten wie die Spitzentöne, waren es gerade diese nicht makellosen Passagen, die durch feine Phrasierungen eine expressive Sogwirkung entwickelten.

Ausnehmend packend und intensiv gestaltete sich auch das Zusammenspiel von Gheorghiu und Borras: Einerseits harmonierten die Stimmen hervorragend, andererseits ergänzten sich die Darstellungen perfekt – so gelang den beiden der mit Abstand berührendste Moment des Abends in der Schlussszene, als Charlotte und Werther einfach dalagen und sich wünschten, alles, was passiert ist, vergessen zu können. Wie in diesem Augenblick die Stimmen verschmolzen um schließlich im Pianissimo gemeinsam zu verhauchen, war zum Niederknien schön.

Den Gegenpol zum leidenden Protagonistenpaar bildete Daniela Fally als Sophie, die mit glockenhellem Klang und strahlender Höhe pure Lebensfreude verbreitete und mit hoher Bühnenpräsenz sowie komödiantischem Talent für schöne Momente sorgte. Leider schien Ludovic Tézier in der Rolle des Albert nicht den besten Tag erwischt zu haben – seine Stimme wirkte trocken und teilweise etwas angestrengt, und auch seine Darstellung des Albert, den er weniger als Fiesling sondern eher als wirklich liebenden Ehemann von Charlotte gestaltete, blieb blass.

Ludovic Tézier als Albert © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Ludovic Tézier als Albert
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Einen wesentlichen Beitrag zur Intensität des Abends leistete hingegen das Staatsopernorchester unter Frederic Chaslin, der besonders die Melancholie des Werkes hervorkehrte. Sogar eigentlich fröhliche Passagen bekamen somit einen hintergründig düsteren Beigeschmack. Die Ouvertüre und das Zwischenspiel vor dem vierten Akt waren von unglaublicher Wucht und emotionaler Aufgeladenheit, zu Gunsten der Sänger drosselte Chaslin jedoch immer wieder die Lautstärke und das Orchester vermittelte auch in den leisesten Tönen noch den unheimlichen Schmerz der Seelenzustände.

Natürlich bleibt es letztendlich Geschmackssache, ob man sich mit einer Sopranistin in der Rolle der Charlotte anfreunden kann. Wer typischen Mezzo-Klang erwartet hatte, wurde vermutlich enttäuscht – mich persönlich hat das Experiment überzeugt. Was den Abend zu einem wirklichen Erlebnis machte, war vor allem die packende Emotion der musikalischen Umsetzung. Es empfiehlt sich, für diesen Werther wasserfeste Wimperntusche und Taschentücher im Gepäck zu haben.

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