Die Festwochen-Eigenproduktion und zugleich vorletzte Premiere des diesjährigen Festivals scheint fürwahr keine unproblematische Angelegenheit: Nach einem Regie-Wechsel in allerletzter Minute hatte sich die Festwochenleitung dazu entschieden, den 82-jährigen Achim Freyer mit der Umsetzung der Fidelio-Premiere zu betrauen. Das Ergebnis war eine nicht uninteressante Produktion (wenn man mit Freyers Stil kann), der man allerdings anmerkt, dass sie etwas mehr Entwicklungszeit gebraucht hätte.

Jewgeni Nikitin (Pizarro), Julien Behr (Jaquino), Franz Hawlata (Rocco) & Christiane Libor (Leonore) © Monika Rittershaus | Wiener Festwochen
Jewgeni Nikitin (Pizarro), Julien Behr (Jaquino), Franz Hawlata (Rocco) & Christiane Libor (Leonore)
© Monika Rittershaus | Wiener Festwochen

Ludwig van Beethovens Fidelio hat sich als Stück für alle festlichen Gelegenheiten unter jeder Regierung und jedem Regime erwiesen, und die Oper erweist sich inszenatorisch wie musikalisch noch immer als harte Nuss. Essentieller Aspekt unter beiden Blickwinkeln ist selbstredend die Besetzung der Rollen, die bei dieser Premiere jedoch nur zum Teil überzeugte. Wer durchwegs Lob verdient hat ist der von Erwin Ortner geleitete und von Jordi Casals und Ottokar Prochazka einstudierte Arnold Schoenberg Chor und das Orchester Les Musiciens du Louvre Grenoble unter der Leitung seines Gründers Marc Minkowski. Dieser machte seinem Ruf mit einer Tendenz für flotte Tempi wieder alle Ehre, doch störten diese nicht, denn die fügten sich harmonisch und rhythmisch ins ungemein passende Klangbild des Abends. Bei Choreinsätzen in Fidelio sind vor allen Dingen die Herren des Chores sind gefordert, die den Gefangenenchor des ersten Aufzuges (mit sauber gesungenen Chorsoli von David Sitka und Marcell Krokovay) zu einem der besonderen Momente des Abends machten. Große forte-Phrasen verleiten schnell zum Schreien, doch der Schoenberg Chor blieb auch hier kultiviert.

Die Solisten des Abends gaben hingegen ein eher gemischtes Bild ab. Aus der Gruppe eindeutig heraus ragte die Sopranistin Christiane Libor als Leonore. Auch wenn ihr Kostüm und die Regie ihr den Abend nicht leichter machte, so sang sie eine erstaunlich ausgewogene und trotz der fordernden Partie nicht zu hochdramatische Heldin. Dies zeigte sich nicht zuletzt in ihrer großen Arie, in der sie die lyrischen Passagen auch wirklich lyrische sang, ohne dabei ganz auf Dramatik zu verzichten. Gänzlich (hoch-)dramatische hingegen legte Michael König seinen Florestan an und stemmte die Töne etwas zu sehr, sodass sein eröffnender Monolog teilweise etwas unsauber wirkte. Ganz anders hingegen sein Wahnsinnsanfall am Ende der Arie; hier vermochte er wirklich durch sauberen, klangschönen Gesang und großes Stimmvolumen zu überzeugen.

Michael König (Florestan) und Thales Weilinger (Tanz) © Monika Rittershaus | Wiener Festwochen
Michael König (Florestan) und Thales Weilinger (Tanz)
© Monika Rittershaus | Wiener Festwochen

Enttäuscht war ich hingegen von den beiden Tiefen Rollen: Jewgeni Nikitins Don Pizarro blieb selbst in seinen großen Momenten blass und neigte zu Unsauberkeiten. Auch Franz Hawlata hatte sicherlich schon stärkere Abende. Sein Rocco wirkte den gesamten ersten Akt oftmals indisponiert und die in der Regie angelegte Charakterisierung vermochte nicht ganz zum Ausdruck zu kommen. Die Überraschung brachte der zweite Akt, in dem Hawlata einen soliden Rocco gab. Auch die kleineren Rollen Marzelline, Jacquino und Fernando waren mit Ileana Tonca, Julien Behr und Georg Nigl passend besetzt.

Abschließend noch einige Worte zur Regie: Achim Freyers Still muss man mögen oder. man muss sich mit ihm anfreuden. Freyer kreierte auch für diesen Fidelio ein Multimedia-Theater, in welchem die Charaktere der Oper zu statisch agierenden Puppen auf drei Ebenen verwandelt wurden. Auf oberster Ebene stehen die Herrscher Don Pizzaro und Don Fernando, in der Mitte die „Diener“, die im Gefängnis leben und arbeiten und ganz unten die Gefangenen, in deren Zentrum der dauerpräsente Florestan stand - an Stelle des Souffleurkastens und mit Double im ersten Aufzug. Dazu gab es viele Lichteffekte und Projektionen, Projektionen, Projektionen – man konnte sich übersatt sehen, was dieser Inszenierung anzulasten wäre. Kreativ ist diese Sicht auf den Klassiker Fidelio allemal; was mir jedoch sauer aufgestoßen ist waren Szenen wie die, während „Oh Gott! - Welch ein Augenblick“ zusammenstürzende Hochhäuser und Flugzeuge im Hintergrund zu zeigen – besser ein Puppentheater-Spektakel ohne solch politisch-inspirierte Einwürfe.

<i>Fidelio</i> © Monika Rittershaus | Wiener Festwochen
Fidelio
© Monika Rittershaus | Wiener Festwochen