In ihrem aktuellen Tournee-Programm, welches die Wiener Philharmoniker mit dem Venezolaner Gustavo Dudamel bestreiten, widmet sich das Orchester der großen Kunst des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts und einem Programm, das mich als Raritätenfreund unweigerlich anzog. Mit Rachmaninow, Reger und Mussorgsky präsentierten die Philharmoniker ein kunstsinniges Programm, das jedoch hinter meinen Erwartungen zurückblieb.

Gustavo Dudamel © Vern Evans
Gustavo Dudamel
© Vern Evans

Vielleicht lag es am etwas unkonzentrierten Auftritt des Orchesters mit einem der Lieblinge des Publikums, der gerade an der Staatsoper die Turandot probt und anderes im Kopf haben mag. Dass sie die Klangmaler unter den Wiener Orchestern sind, bewiesen sie dennoch mit der symphonischen Dichtung Die Toteninsel von Sergej Rachmaninow. Für dieses Werk, das von der Dies irae-Sequenz durchzogen ist, traf das Orchester immer die richtige, fahle Klangfarbe.

Dem folgten die Vier Tondichtungen nach Bildern von Arnold Böcklin Op.128, komponiert von Max Reger im Jahr 1913 und 1914 im Konzerthaus uraufgeführt. Mit diesem mehrteiligen Werk setzte sich das Thema Bild in diesem Programm fest, denn auch Rachmaninows zuvor gehörte Toteninsel, wohl eine der bekanntesten Böcklin-Vertonungen, wurde von einem der Bilder des Schweizer Malers (in schwarz-weiß-Reproduktion) inspiriert. Erstaunlich für Reger ist sicherlich, dass er in diesem vergleichsweise späten Werk seinem Lebensziel, der Symphonie, so Nahe ist wie nie vorher (einzig seine Ballett-Suite kommt dem Ideal später noch entgegen). Gerade im ersten Satz erkennt man Regers neobarocke Neigungen, da er hier sehr viele Kadenz-Floskeln der barocken Musik einsetzt. Was überrascht, ist der Aspekt, dass diese Tondichtungen harmonisch kaum das wagen, was der Komponist beispielsweise in seinen früher entstandenen Cinq Pièces pittoresques für Klavier zu vier Händen an harmonischem Risiko eingeht.

Im zweiten Satz, dem Bild Im Spiel der Wellen, setzte Dudamel das Tempo bemerkenswert langsam an, sodass aus dem eigentlichen Vivace eine Art Andante wurde, was die Wirkung stark trübte. Sehr schön gelang allerdings der erste Satz Der geigende Eremit mit einem herrlich auftrumpfenden und stupende gespielten Solo der Konzertmeisterin und kontrolliert zurückhaltender Begleitung des Orchesters. Ebenso ein Fest wurde die Ausführung der letzten Tondichtung Bacchanal. Dieses Bild, das einen Bacchantenzug von vier Personen, wohl unter Alkoholeinfluss schwankend, darstellt, wurde farbenreich und mit viel Präzision dargeboten und erweckte die abgebildeten Feierlaunigen zum Leben. Wie schön wäre es da gewesen, wenn der Zuhörer es auch im Programmheft hätte sehen können. Mit diesem reißenden Vivace beschloss das Orchester, nie zu laut, den ersten Konzertteil.

Wer musikalischen Seltenheiten weniger zugetan war, den entschädigte der zweite Programmteil des Abends mit einem bunt bebilderten Stammgast des Konzertbetriebes, Modest Mussorgskys Bilder einer Ausstellung in der Orchestrierung von Maurice Ravel. Darin lieferte Dudamel mit dem Orchester wahre Charakterstudien und eröffnete beeindruckend: Der Gnom ist besonders hervorzuheben, denn hier kam die Musik genau passend so grob daher, wie man das Orchester selten hört. Der Höhepunkt der Aufführung war das Alte Schloss mit dem obligatorischen Saxophon-Solo: So muss phrasiert werden! Ebenfalls hinreißend gelangen die Katakomben, bei denen das Orchester zeigte, zu welchem Farbspiel es fähig ist.

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten. Der Bauer auf dem Ochsenkarren in Bydlo sang arg laut, das Gespräch zwischen Samuel Goldenberg und Schmuyle war unsauber und dem skurrilen neunten Bild, der Hütte auf Hühnerfüßen, fehlte das Diabolische. Die Philharmoniker, deren Klang und Qualität legendär ist, hat man schon souveräner erlebt. Dennoch: der Schluss, das Tor von Kiew, wurde zum prächtigen Triumphzug zuvor getrübter philharmonischer Freuden.