Starke Bilder, eingängige Melodien, intensive Stimmungen – all dies kennzeichnet Jean Sibelius' Schauspielmusik zu Shakespeares Der Sturm. Als sein letztes Werk dieser Gattung wird ihm von vielen Seiten eine kompositorische Ausgereiftheit zugesprochen, die mit der in umliegenden Werken wie der Siebten Symphonie und Tapiola vergleichbar ist. In der Tat hat sich der Komponist beim Komponieren von Bühnenmusik immer wohl gefühlt.

Jean Sibelius (1913)
Jean Sibelius (1913)
Wie bei vielen anderen Werken wurde die Arbeit an der Schauspielmusik zu Der Sturm durch eine Anfrage seines dänischen Agenten und letztlich dem Kompositionsauftrag durch das Königliche Theater Kopenhagen angestoßen. Sibelius arbeitete wie besessen an der Partitur, und dennoch dauerte die kompositorische Arbeit bedeutend länger als zunächst angenommen – so viel länger, dass die Premiere des üppig inszenierten Theaterstücks der Musik wegen um ein halbes Jahr verschoben werden musste. Interessanterweise war Sibelius trotz der akribischen Arbeit an der Partitur nicht bei der Uraufführung anwesend, da er sich schon wieder neuen Aufgaben folgend auf Reisen befand.

Die Musik selbst besteht in der ursprünglichen Fassung aus 34 einzelnen Szenen. Sibelius selbst hat sie später zu zwei Orchestersuiten zusammengefasst und dabei radikal auf 19 Szenen gekürzt; so sollte die Musik dann als eigenständiges Orchesterwerk wirken können. Der Komponist wusste um die Kraft vieler seiner Melodien und plante, auf einige davon später in anderen Werken zurückzukommen, was jedoch bis auf wenige Anleihen nie geschah.

Shakespeares Stück dreht sich um den Streit zweier Brüder: Dem magisch begabten Prospero wird von seinem Bruder Antonio die Herzogenwürde von Mailand geraubt. Im Exil auf einer Insel nutzt Prospero seine magischen Fähigkeiten nicht nur, um sich den Luftgeist Ariel und das „Monstrum“ Caliban gefügig zu machen, sondern auch, um schließlich seine Feinde um Antonio bei einer Vorbeifahrt per Schiff festzusetzen und zu überwinden. Nach umfassender Rehabilitation entsagt Prospero den Zauberkünsten und plant die Rückkehr nach Mailand.

The Tempest © William Hogarth, ca. 1735
The Tempest
© William Hogarth, ca. 1735

Das an einzelnen Geschichten und Strängen reiche Spiel bot Sibelius idealen Boden, um seine eigene, lebhafte Phantasie viele Male in ungezügelter Form spielen zu lassen. Das Bühnenstück gibt lediglich den Rahmen vor, in dem sich die Musik frei entfalten kann. So ist Sibelius' Musik enorm vielfältig, beschreibt bildhaft Situationen und Charaktere mit individueller Tonsprache. Sibelius hatte nie vor, das tatsächliche Schauspiel zu vertonen, und die Entscheidung für wenig Textgesang brachte Sibelius weitere Unabhängigkeit in seiner musikalischen Kreativität und der klingenden Beschreibung der Personen, die im Stück als allgemeine Metaphern menschlicher Existenz angelegt sind.

Die Ouvertüre, die später an Nummer 9 der ersten Suite gesetzt wurde, beschreibt den titelgebenden Sturm und Untergang des Schiffes, den Prospero erwirkt hat. Bildhaft und eindringlich zeichnet Sibelius das Unwetter und die große Gefahr. Er schickt die Streicher des Orchesters durch sich immer wiederholende Sekundläufe in die Wellen, während Bläser und Schlagwerk dramatisches Donnern und Heulen des Windes einwerfen. Die Musik ist ein Abbild der sturmgepeitschten See und durch ihre ständige Bewegung und nicht auszumachender Tonalität kann man als Hörer direkt die wilde See, die Bedrohlichkeit, Anspannung und Ruhelosigkeit dieser Situation miterleben.

 

Auch im Verlauf des Stückes zeichnet Sibelius die Szenen des Schauspiels plastisch nach: Nicht direkt offensichtlich, dann aber doch eindrucksvoll stellt der Komponist im Chor der Winde die Ruhe nach dem Sturm der Frage gegenüber, wie es nun weiter geht. Mit stillen Flöten, Harfe und breiten, harmonischen Streichern lässt Sibelius hier Entspannung zu und zeichnet die Szenerie mit weichen, impressionistischen Strichen.

Ganz anders verfährt er in der zweiten Szene: Hier bringt der Komponist den Zuhörer in eine spielerische Situation mit humorvoll angelegten, fast fröhlichen Melodien. Durch die mühelos und durchaus beiläufig angelegten Töne entsteht Leichtigkeit, aber auch Wechselhaftigkeit. Den dieser Szene zu Grunde liegenden Moment, in dem sich Stephano, Trinculo und Caliban necken und gegenseitig verwirren, nutzt Sibelius, um mit Frage- und Antwortspielen der unterschiedlichen Melodieteile die Vorstellungskraft der Zuhörer auf eine eigene Suche nach Antworten zu schicken. Dissonante Harmonien, die zusätzlich von Bläsern als fragende Hinweise gespielt werden, verstärken diese Wechselspiele der Phantasie und der Emotionen.

Doch nicht nur Sibelius' lautmalerische Seite, auch sein feinsinniges Gespür für die Charakterisierung seiner Figuren und seine stilistische Vielseitigkeit stellt er in dieser Schauspielmusik zur Schau. Den schwer fassbaren Luftgeist Ariel verbindet er mit oft düsteren, manchmal non-tonalen Klängen, während er für den weisen Prospero ein ernstes Largo mit mal barocken, mal neoromantischen Anklängen schreibt und seine Tochter Miranda mit wehmütig zarten Klängen in reduzierter Besetzung bedenkt. Hier Prosperos Zwischenspiel:

Mit forscheren, teils archaischen Mitteln skizziert Sibelius die roheren, ominöseren Charaktere; so beispielsweise im Lied der Zechenden oder in Calibans Beschreibung seiner Situation. Plastischer beschreibt Sibelius das Monster Caliban in einem Zwischenspiel (sechste Szene). Der Komponist setzt hier eine drohende, als undurchsichtigen Marsch gespielte Szenerie. Die Klangstruktur zusammen mit dem stetigen Voranschreiten der rhythmischen Elemente erzeugen eine unterschwellig bedrohliche Stimmung und zeichnen das Bild des rohen, unzivilisierten Hexensohnes. Umspielt wir dieses Thema jedoch von freundlichen, fast fröhlichen Ornamenten, die die Möglichkeit eröffnen, dass Caliban nicht nur furchterregend und bösartig ist, sondern das Publikum in seiner Situation als Prosperos unfreiwilliger Diener mit ihm mitfühlen kann.

Bei einer so üppigen, vielfältigen und individuellen Musik erscheint sein späterer Rückzug aus dem Komponieren umso erstaunlicher, strotzt sie doch nur so vor Energie und schier endlosen Ideen. Der thematische Rahmen dieses Kompositionsauftrages jedoch zu einem Stück voller Magie und unbändiger Elemente scheint ihm nicht nur Inspiration, sondern vor allem die Freiheit gegeben zu haben, seiner Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen, für jede der so unterschiedlichen Figuren individuelle musikalische Ausdrucksmittel zu finden und in seinem stilistischen Fundus aus dem Vollen zu schöpfen.

Die beiden darauf erstellen Orchestersuiten sind angenehm strukturierte, abgeschlossene Werke, doch es lohnt, sich die Zeit für de gesamte Bühnenmusik zu Der Sturm zu nehmen und der Verbindung von Musik und Bühnenwerk sogar noch etwas näher zu kommen. 

Quellen:

http://composers.musicfinland.fi/musicfinland/fimic.nsf/0/AA002852BDB2C576C22575370041468D?opendocument

http://www.sibelius.fi/deutsch/musiikki/nayttamo_myrsky.htm

https://books.google.de/books?id=exkBp8aVlVIC&pg=PA111&lpg=PA111&dq=portrait+of+caliban&source=bl&ots=JcZnsY7p5Y&sig=0r8TeEbt-MJ6SpU-O8dt2Jl1WwA&hl=en&sa=X&ved=0ahUKEwj17MWlt5jMAhWKFZoKHfAMAPEQ6AEIPzAP#v=onepage&q=portrait%20of%20caliban&f=false