Ennio Morricone in Cannes (2012) © Georges Biard
Ennio Morricone in Cannes (2012)
© Georges Biard
Jeder kann diese Melodie pfeifen. Eines der berühmtesten Stücke der Musikgeschichte, das als Paradebeispiel des Könnens seines Schöpfers gilt, beginnt mit einer der simpelsten Motive, die jemals komponiert wurden: Eine große Terz gefolgt von einer kleinen, die anschließend immer wieder aufs Neue rhythmisch und melodisch variiert werden, auf engstem musikalischen Raum meisterhaft verdichtet und äußerst wirkungsvoll instrumentiert. Der Komponist dieses Meisterwerks hat zwar nicht viele, dafür aber umso bekanntere Melodien komponiert und neben orchestralen Werken auch viel Kammermusik geschaffen. Seine Musik hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Genauso wegweisend für sein musikalisches Genre wie Beethoven für den Übergang von der klassischen in die romantische Epoche ist Ennio Morricone. Seine Musik zu Spiel mir das Lied vom Tod (Originaltitel: Once upon a time in the West) und das schaurig-schöne Mundharmonika-Motiv der Duellszene zwischen Frank und dem Namenlosen sind emblematisch für die Meisterschaft Morricones.

Ennio Morricone, der vor wenigen Tagen seinen 86. Geburtstag feierte, wurde am 10. November 1928 in Trastevere in Rom geboren. Seine Herkunft sagt viel über ihn aus, war doch das Viertel jenseits des Tibers („trans tiberim“) das traditionelle Arbeiterviertel der Ewigen Stadt. „Sie boten mir eine Villa in Hollywood an, damit ich nach Amerika komme und für sie komponiere. Aber ich dachte nicht im Traum daran, mich dort niederzulassen. Ich bin Römer durch und durch und liebe meine Stadt", sagte er erst kürzlich in einem Interview anlässlich seines 85. Geburtstags. Morricone war Zeit seines Lebens ein fleißiger Musik-Arbeiter und komponierte die Filmmusik zu über 500 Filmen. Seine Musik wird vor allem mit dem Genre des Italo- oder Spaghetti-Westerns assoziiert, obgleich er lediglich für 30 derartige Filme Musik komponiert hat.

Morricone studierte am Konservatorium von Santa Cecilia Trompete und Chormusik und erwarb 1946 sein Diplom als Trompeter. Er studierte außerdem Komposition bei Geoffredo Petrassi und schloss diese Ausbildung ebenfalls 1954 mit einem Diplom ab. 1956 heiratete er Maria Travia, die ihm vier Kinder schenkte: Marco 1957, Alexandra 1961, Andrea 1964 und Giovanni 1966. Mitte der 50er Jahre wurde er mit Kammermusik- und Orchesterwerken Teil der musikalischen Avantgarde Italiens, allerdings ließ der internationale Durchbruch noch auf sich warten. Morricone komponierte 1961 seine erste Filmmusik für Luciano Salces Il Federale. Weltberühmt wurde er allerdings erst dank seiner Zusammenarbeit mit Sergio Leone Mitte der 1960er Jahre.

Würdigt man Ennio Morricone, so kommt einem zuallererst die wunderbare Titelmelodie aus Spiel mir das Lied vom Tod in den Sinn, die das charakteristische Mundharmonika-Motiv mit großer Dramatik verbindet. Die melancholische Schönheit dieser Musik, die die ganze Traurigkeit der Welt in sich zu vereinen scheint, gepaart mit den eindrucksvollen Bildern Sergio Leones und der unwirklichen Schönheit Jills, verkörpert von Claudia Cardinale, stellen ein perfektes Gesamtkunstwerk und den Gipfel ihres Genres dar. Die Symbiose der Elemente, die diesen Film so großartig machen, kann getrost mit der Opernkunst Richard Wagners verglichen werden. Auch Wagner verstand es, die Musik nicht nur in den Dienst der szenischen Handlung zu stellen, sondern allein durch seine Orchester-Partitur in den Köpfen seiner Zuhörer Bilder zu erzeugen, die auch ohne Bühne und handelnde Personen funktionieren. Den Walkürenritt mit dem in instrumentale Klänge transponierten Koyotengeheule aus Zwei glorreiche Halunken (The Good, the Bad and the Ugly) in einem Atemzug zu nennen, ist sicher weit hergeholt und wird mir den ein oder anderen gestrengen Blick eingefleischter Wagnerianer einbringen.

Zwei Glorreiche Halunken
Zwei Glorreiche Halunken

Dennoch: Die musikalische Phantasie und Innovationskraft Morricones ist ohne Zweifel einzigartig. Seine Filmmusik unterscheidet sich stark von symphonischen Hollywood-Soundtracks und er verwendet immer wieder ungewöhnliche Soundelemente wie Maultrommeln, Pfiffe, Kojotengeheul, Eulenrufe, Glocken, Spieluhren, Peitschenknallen, Schläge auf einen Amboss und dergleichen mehr. Insofern prägte Morricone auch Generationen von Pop-Musikern. Die Heavy-Metal-Band Metallica etwa bekennt sich seit über 30 Jahren mit Morricones „Ecstasy Of Gold“ zur großen Verehrung des italienischen Komponisten, und die Pet Shop Boys arbeiteten für den Track„It Couldn't Happen Here“ ihres Albums Actually sogar direkt mit Morricone zusammen. Aber auch andere Filmschaffende wie der Regisseur Quentin Tarantino wurden von Morricones Musik inspiriert. So setzte Tarantino Morricones Stücke wirkungsvoll in Filmen wie Kill Bill Vol. 1 und 2, Inglorious Basterds und Django Unchained ein.

Seit Mitte der 1990er Jahre komponierte Morricone jedes Jahr die Musik zu 15 Filmen. Außerdem wirkte er von 1964 bis in die 1970er Jahre im von Franco Evangelisti gegründeten Improvisationsensemble Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza mit. Zusammen mit anderen Komponisten gründete Morricone 1984 in Rom das I.R.TE.M, eine Forschungsanstalt für musikalisches Theater. Zum Amtsantritt des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Ban Ki-Moon, gab er am 2. Februar 2007 mit dem Roma Sinfonietta Orchestra ein Ehrenkonzert, bei dem er neben Filmmelodien auch seine Kantate „Voci dal silenzio“ dirigierte. Dass dieser Ausflug in Terrain außerhalb der Filmmusik kein Einzelfall ist, zeigt auch seine für das Millenium verfasste mystische Kantate Vuoto d'anima Piena.

Im gleichen Jahr erhielt er für die Musik zu Giuseppe Tornatores Film Cinema Paradiso den Oscar für sein Lebenswerk. „Filmmusik braucht Raum, um sich entfalten zu können. Der Film muss der Musik Zeit geben, um sich zu entwickeln.“ Möge dieser einzigartige Musiker und wunderbare Mensch noch viel Zeit auf unserer Erde haben und uns noch lange erhalten bleiben.

 

Quellen:

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.ennio-morricone-in-berlin-der-ueberwaeltigungskuenstler.75225604-b31c-4410-8ffb-58709be48b94.html  

http://www.tip-berlin.de/musik-und-party/interview-komponist-ennio-morricone

http://de.wikipedia.org/wiki/Ennio_Morricone