Das letzte Konzert der Saison kommt beim Zürcher Kammerorchester gerne etwas locker daher. Als Publikumsmagnet war die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann eingeladen, Musikdirektor Daniel Hope leitete das Orchester vom ersten Pult aus. Vom Programm her war das Konzert in der Tonhalle Zürich eine Mischform zwischen Arienabend und Symphoniekonzert. Den Rahmen bildeten je eine Symphonie von Joseph Haydn und von Wolfgang Amadeus Mozart. In der Mitte sang Mühlemann drei Opernarien von Mozart und zwei geistliche Gesänge der Geschwister Lili und Nadia Boulanger.

Die Grundproblematik solcher Best of-Programme sind stets dieselben: Die einzelnen Stücke werden aus dem Zusammenhang gerissen. Als Hörer versteht man deshalb kaum, weshalb die Sängerin verliebt, wütend oder traurig ist. Nehmen wir Mozarts Arie „L’amerò, sarò costante“. Sie stammt aus dem Schäferstück Il rè pastore und wird von der Hauptfigur Aminta gesungen. Der Hirte Aminta, der seine königliche Abstammung nicht kennt, ist in die Schäferin Elisa verliebt und will deshalb auf den Thron verzichten. Wenn also Mühlemann in die Rolle dieses Königshirten schlüpft, müsste man diesen Hintergrund kennen, um ihre Charakterisierungskunst richtig würdigen zu können. Im vergangenen Dezember hat die Sopranistin in der Fledermaus-Neuproduktion am Opernhaus Zürich erfolgreich das Stubenmädchen Adele gesungen. Der Erfolg beruhte eben darauf, dass die einzelnen Auftritte aus dem Zusammenhang der Strauss-Oper verständlich wurden.
Die Grundzüge von Mühlemanns Gesangskunst, die sich gekonnt zwischen Opernbühne und Konzertsaal entfaltet, kann man aber auch ohne Kontext benennen. Sie zelebriert stets einen Schöngesang, der zu Herzen geht, verbunden mit einer einleuchtenden Rollenpräsenz. In schlichtem Tonfall, mit neckischen Verzierungen, gestaltet sie das Liebesgeständnis Amintas. In der Arie „S’altro che lacrime“ aus La clemenza di Tito kommen Strahlkraft und Wohlklang, weniger aber das Fordernde zum Vorschein. Obwohl die Worte, die Servilia in der Oper an Vitellia richtet, eine energische Aufforderung zum Handeln beinhalten. In der Arie „Voi avete un cor fedele“, ad hoc für eine reisende italienische Operntruppe komponiert, fragt sich die besorgte Sängerin, ob ihr Zukünftiger ihr auch treu sein werde. Wer den Zusammenhang nicht kennt, kann sich auf jeden Fall an den fantastischen Koloraturen der Sopranistin freuen. Schöngesang ist tatsächlich das Markenzeichen von Mühlemann. Dabei vermisst man gelegentlich eine Schicht, die über das rein Ästhetische hinausgeht und an Existentielles rühren würde.
Die beiden geistlichen Gesänge der Boulanger-Schwestern wirken im Kontext des Abends ein wenig verloren. Sie erklären sich aber aus dem ganzen Saisonprogramm 2025/26, das den vielen Komponisten gewidmet war, die bei Nadia Boulanger in Paris studiert haben. Pie Jesu von Lili Boulanger singt die Sopranistin in schlichtem Tonfall, im Orchester zaubert die Harfe eine religiöse Aura herbei. In Nadia Boulangers Lux aeterna, dessen Text ebenfalls dem lateinischen Requiem entnommen ist, bringt Mühlemann den himmlischen, leicht sentimental angehauchten Charakter der Komposition mühelos zum Klingen. Schade, dass sie die beiden Stücke vom Tablet singt, was eine gewisse Distanz schafft.
In den beiden symphonischen Kompositionen begeistert das Zürcher Kammerorchester einmal mehr mit seiner frischen und gestischen Interpretationskunst. Die zu Beginn gespielte Symphonie Nr. 44 in e-Moll von Haydn, die sogenannte Trauersymphonie, vermag gleich mit dem eröffnenden, aufrüttelnd gespielten Unisono-Thema die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. Hope erfüllt seine Doppelrolle als Primgeiger und musikalischer Leiter sehr umsichtig und verzichtet auch auf die bei ihm gelegentlich anzutreffenden Showelemente. Einen brillanten Abschluss des Konzerts und der Saison bildet Mozarts Symphonie in C-Dur, KV 425, die Linzer Symphonie. Eindrucksvoll gelingt in allen vier Sätzen die Mischung und die Kontrastierung der grundlegenden Streicherschicht mit den Holz- und Blechbläsern. Eine Eigenheit der Linzer besteht ja darin, dass sogar im Adagio das Blech und die Pauke mitwirken. Auch hier perfekt abgestimmt.

