Dass Pergolesis Stabat mater heutzutage das berühmteste Werk des mittelalterlichen und katholisch-liturgischen Messhymnus' ist, ist unbestritten. Schon zur Entstehungszeit hatte es einen enormen Einfluss gehabt, stehen die folgenden Kompositionen der Epochen doch unter dem (manchmal direkt hörbaren) Eindruck des 1736 verfassten „Klassikers“, der noch lange danach durch Johann Adam Hiller über die Jahre verbreitet wurde. Laut René Jacobs färbte es auch entscheidend auf Joseph Haydn ab. Dieser komponierte 31 Jahre später, erst recht mit der „vermehrten“, von Jacobs gewählten Fassung Sigismund Ritter von Neukomms von 1803, mit seinem natürlich in Dramatik, Besetzung und opern-symphonischem Stil größeren Stabat mater das erste Stück seiner Amtszeit als Kirchenmusikleiter in Esterhazy. Diesen Schluss, der sich mit Reminiszenzen nicht von der Hand weisen lässt, äußert der belgische Dirigent jedenfalls in einem Promotionvideo des Kammerorchesters Basel, mit dem er es jetzt auf CD einspielte und mit drei ausgetauschten Solisten anstelle der geplanten Konzerte im April für eine Streaming-Produktion für das Bartók Spring Festival des Müpa Budapest neu auflegte.

René Jacobs
© Bartók Spring Festival

Den Beleg von Qualität, Maßstab und Bedeutung dieser Einordnung erbringt dabei das historische Zitat C. F. Cramers im Magazin der Musik von 1783, der das Stabat mater als „vortreffliches Stück, dessen Schönheit sehr rührend, dessen Ausdruck sehr richtig, und das einzige ist, so sich an der Seite des Pergolesischen hat erhalten können“ deklariert. Dem wurde Jacobs' Interpretation geradezu gerecht, nachdem bereits der titelgebende Vers die intensive Tonsprache des Kammerorchesters Basel mittels herb einziehender Bögen, Akzente und Betonungen auf den Plan rief, tiefe Spuren der schmerzlichen Emotionen sowohl zu legen als auch im gleichzeitigen Grundklang des Trostes in Haydns unverbrüchlich überzeugendem Positivismus des Glaubens passioniert zu hinterlassen. Dies zeigten ebenso Tenor Steve Davislim und die von Leiter Florian Helgath einstudierte Zürcher Sing-Akademie, indem sie sich in die dialektische Funktion und Situation von bitterlichem Tod und abfederndem Beistand der Mutter in einsamer Zweisamkeit beziehungsweise zweisamer Einsamkeit des erdlichen Verlusts klagend einbetteten.

René Jacobs dirigiert das Kammerorchester Basel und die Zürcher Singakademie
© Bartók Spring Festival

Einhämmernde Tränen vergoss in solistischem Reihum auch Sophie Harmsen im „O quam tristis et afflicta“ zusammen mit den Streichern, abgeknickten Grenser-Englischhörnern (daher der ursprüngliche Name cor anglé), Naturhörnern und Fagotten, wobei dem warmen Fluss des Augenwassers die Stimme der anteilnehmenden Zuneigung und Linderung entsprang wie entsprach. Das Bild kommentierte der Chor durch das „Quis est homo“ in geschmeidiger wie dramatisch wirkmächtiger Weise, dem sich die abermalige in die Traurigkeit integrierende rhetorische Frage „Quis non posset contristari“ des Soprans anschloss, die Sophie Karthäuser unter Traversflötentönen trotz vibratoreicher Verzierung ebenso fein wie klar herzzerreißend stellte. Arttu Kataja hob das Leid schließlich mit seinem weichen wie großen, runden Bariton samt Pauken- und Trompetengebrüll des ob der mitschwingenden Warum-Fragen wütend reagierenden Orchesters auf die umspannende, höhere Ebene der Verantwortlichkeit für das Sterben am Kreuz.

Trübten ein vereinzeltes Pressen und manche Schwierigkeiten in der Höhe die Einlassungen Davislims bis einschließlich des dennoch ergreifenden „Vidit suum dulcem natum“, bereitete er mit Karthäuser die erhebende Glanzstunde in der musikalischen Sterbenszeit, die sich mit dem zentralen „Eja mater, fons amoris“ der stimmtatkräftigen Sing-Akademie zum von Violinen und Holzbläsern sprudelnden Quell von Melodie und wesentlicher Tröstlichkeit entwickelte. Auch Harmsens distinguierte und mit viel dynamischer wie artikulatorisch-einfühlender Sinnfälligkeit vorgetragene Abschiednahme machte den Schmerz erträglicher, so dass die alsdann ergangenen Flehen Jesu durch das bestätigende Tutti, die von Kataja, dem Blech und den Pauken wirklich flammend dargestellte Unausweichlichkeit des Himmelsgerichts sowie die vom Tenor schmeichelnd und mit gütlicher Gewandtheit erbetene Gnade helle, liebevolle und verbindende Momente im allerletzten Atemzug waren. Sie wurden beschlossen von der „Paradisi gloria“-Fuge des schöpferischen Versprechens des befreienden wie wiedersehenden Himmels, die alle Beteiligten unter dem gerührt-seligen Jacobs zum hoffentlich bald verstärkt wie Pergolesi aufgespielten Haydn-Werk in gelebter Gemeinschaftlichkeit anstimmten.


Die Vorstellung wurde vom Stream des Bartók Spring Festivals rezensiert.