Mit Artikeln und Theaterstücken insbesondere gegen das Bürgertum und dessen Scheinmoral wurde der 1918 in München verstorbene Schriftsteller Frank Wedekind zu einem der meistdiskutierten Autoren seiner Epoche. Aufsehen erregte der Mitbegründer der damals hoch angesehenen Satirezeitschrift Simplicissimus auch durch seine wechselnden Liebesverhältnisse. So begann 1928 der Wiener Komponist Alban Berg, Schüler von Arnold Schönberg und Mitglied der Zweiten Wiener Schule, nach dem Erfolg seiner ersten Oper Wozzeck zwei Theaterstücke von Wedekind zum Libretto seiner neuen Oper zu verschmelzen: in Erdgeist und Die Büchse der Pandora wird die Geschichte von Lulu erzählt, die aus sozialen Abgründen kommt und durch Gefühle und Geld verschiedener Liebhaber gesellschaftlichen Aufstieg erlebt, der nach einem Mord und einer Aktienpleite in rasanten Absturz mündet. Zur Neuinszenierung am Staatstheater Nürnberg nennt Intendant Jens-Daniel Herzog Wedekinds Lulu-Stücke eine „Boulevard-Komödie mit Toten“, indem er Wedekinds Ader zum Satiriker betrachtet.

Lulu kann als weibliche Projektionsfläche männlicher Obsessionen und Ängste gelten. Auf eine Frau wie Lulu richtet sich männliches Begehren, sie ist dann aber schuld, wenn die Männer untergehen, die bei Wedekind und Berg Lulu zu nahe kommen. Wie der Medizinalrat Goll, den der Schlag trifft, als sie einen anderen Mann umschlingt. Wie der junge Maler, der sich das Leben nimmt, als er von ihrer Vorgeschichte erfährt. Wie der reiche Zeitungsverleger Dr. Schön, den sie wohl als einzigen wirklich liebt, ihn in einer rücksichtslosen Intrige zur Trennung von seiner Verlobten zu zwingen versucht, ihn dann aber im Handgemenge erschießt, als Schön sie zum Suizid treiben will. Lulu landet im Gefängnis, aus dem sie die lesbische Gräfin Geschwitz durch einen Kleidertausch befreit, die in Lulu die Rechte der Frau bedroht sieht, für die sie kämpfen will. Doch zu spät. Nur die Flucht nach Paris und später London bleibt, wo Jack the Ripper sein Messer zückt im Streit über den Lohn für die heruntergekommene Prostituierte.

Wie bei einem Kabarettisten vermengen sich unerwartet Tragik und Komik. Neben den Komplex-behafteten Männer-Bekanntschaften zeigt Regisseur Herzog Lulu als starken Charakter, durch den sie sich ihre Lebensenergie nicht rauben lässt. Das kann fröhliche Abschnitte bedeuten, wie die ausgelassene Porträt-Session, zu der der Maler seine Foto-Kamera zückt. Das kann künstlerische Inspiration ausdrücken, wenn sie Schöns Sohn Alwa, einem mittel- und erfolglosen Komponisten, zum Schwall von Ideen inspiriert, der Lulu sieht als „Seele, die sich im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt“, ihren Wuchs wie Musik empfindet, ihre körperlichen Reize preist mit „diese Knöchel ein Grazioso, diese Knie ein Misterioso“. So unterstreichen selbst surreale Wortwechsel das Groteske eines Augenblicks, kann ein befreiendes Auflachen im Publikum sich an Situationskomik entzünden, darf die scheinbar so coole und oft mit kühler Sprödigkeit agierende Titelheldin ihre Verletzlichkeit zeigen.

Zu den Gästen der Neuproduktion zählt insbesondere Juliana Zara, die bereits am Theater an der Wien und an der Bayerischen Staatsoper gastierte. Ihre Lulu ist eine attraktive, lebenshungrige junge Frau, keine femme fatale aber. Sie liebt durchaus große Gesten, greift auch Schön kampflustig an: „Wenn du mir deinen Lebensabend zum Opfer bringst, so hast du meine ganze Jugend dafür gehabt.“ Zara machte das szenisch wie musikalisch großartig, ohne Ermüdungsmomente, steigerte ihren beweglichen, leuchtenden Sopran in dramatische Höhen, die so zielgerichtet erschienen wie die Entschlossenheit ihrer Lebensplanung.

Ebenso nutzenorientiert spielte Simon Neal den langjährigen Liebhaber Dr. Schön, dem Lulu bei der Vermählung mit einer standesgemäßen Verlobten im Wege ist. Seinen kraftvollen, teils auch forcierenden Bariton wusste Neal zur Situation passend, fast als „Gewaltmensch“ einzusetzen. Für den sensibleren Alwa fand Uwe Stickert zu mehr introvertierter, von seidig schönem Tenorglanz ausgezeichneter stimmlicher Ausstrahlung bis in sein Liebesgeständnis an Lulu: „Wenn deine beiden großen Kinderaugen nicht wären, müsste ich dich für die abgefeimteste Dirne halten, die je einen Mann ins Verderben stürzte“. Tristan Blachets lyrischer Tenor verlieh der Figur des Malers ein durchaus überzeugendes verzweifeltes Profil. Georg Festl gab einen auch stimmlich kraftstrotzenden Athleten, der mit karikierendem Spiel seiner Muskelpakete für Heiterkeit im Parkett sorgte.

Bewundernswert, wie souverän sich die vokalen Kräfte des Staatstheaters in die vielfältigen Rollen einbrachten. Taras Konoshchenko verriet als Schigolch, der Lulu bereits als Zwölfjährige ausgebeutet hatte, neben väterlichen auch eigennützige Züge. Fesselnd die zwiespältigen Aktionen der Gräfin Geschwitz, die von Almerija Delic mitreißend verkörpert und gesungen wurde. Ebenso müssen Corinna Scheurle, Laura Hilden, Wonyong Kang und Hans Kittelmann als Teil des hochkarätigen Ensembles genannt werden.

Als Gast auch Roland Kluttig, den fränkische Opernfreunde noch als Generalmusikdirektor am Landestheater Coburg kennengelernt hatten, nun am Pult der groß besetzten, herausragenden Nürnberger Staatsphilharmonie. Ausgewiesener Fachmann für Musik des 20. Jahrhunderts, überforderte er gelegentlich in konsequent energetisch geladenen Fortissimi die heikle Akustik im Parkett des Opernhauses, schliff aber andernorts die eine oder andere moderne Ecke ab. Gerade in den orchestralen Zwischenspielen bekam diese Zwölftonmusik eine streckenweise überirdische Schönheit. Die Wahl der Neufassung von Alban Bergs unvollendet hinterlassenem dritten Akt durch Friedrich Cerha, Ende der siebziger Jahre vervollständigt und hier musiziert im Orchestersatz des experimentaffinen Theaterpraktikers Eberhard Kloke, vor 30 Jahren GMD in Nürnberg, erwies sich als weise Entscheidung. Eine gewaltige Herausforderung: am Schluss ein absolut faszinierender Abend!

