Ein abgeschotteter Ort an der Küste Schottlands. Fremde sind nicht gern gesehen. Man lebt hier streng religiös und die Gemeindeversammlung bestimmt mit, wer wen heiraten darf. Die junge Bess McNeill hat sich in Jan verliebt, einen Arbeiter auf der nahen Ölbohrinsel. Sie dürfen heiraten, aber sich zu küssen, ist in der Kirche nicht erlaubt. Auch Glockengeläut ist verpönt. Und Frauen haben hier zu schweigen. Zuerst erlebt das Paar – abseits der strengen Dorfmoral – ein paar leidenschaftliche Tage, bis Jan zurück auf die Bohrinsel muss. Bess kann das Alleinsein kaum ertragen und betet, dass Jan bald zurückkommen möge. Dies geschieht aber anders als erhofft: Nach einem schweren Unfall bei der Arbeit wird er als Pflegefall nachhause gebracht.

Martha Eason (Bess McNeill) © Felix Grünschloß
Martha Eason (Bess McNeill)
© Felix Grünschloß

In den USA ist es nicht selten, dass Kinoerfolge sich auf Opernbühnen wiederfinden; vereinzelt tauchen sie auch auf deutschen Bühnen auf. Breaking the Waves ist so ein Fall. Der Film von Lars von Trier erhielt 1996 den Großen Preis der Jury in Cannes. Die darauf basierende Oper von Missy Mazzoli kam 2016 in Philadelphia heraus. Das preisgekrönte Werk war nun am Badischen Staatstheater Karlsruhe zu sehen.

Der Librettist Royce Vavrek hat sich sehr eng an den Plot des Films gehalten. In Karlsruhe sehen wir, wie sich die Handlung auf einer Simultanbühne aus sechs Handlungsräumen in kurzen, zunehmend beklemmender werdenden Szenen zu größter Tragik entwickelt. Breaking the Waves – das heißt die Hauptfigur Bess verliert jeden Halt, jede Kontrolle, weil sie hin- und hergeworfen wird zwischen innerer Stimme und Forderungen von außen.

Loading image...
Breaking the Waves
© Felix Grünschloß

Konkret: Der bewegungsunfähige Jan verlangt von ihr, dass sie Sex mit anderen Männern hat und ihm davon erzählt, weil sie ihre Leidenschaft nicht mehr gemeinsam leben können. Sie selbst empfindet einerseits Ekel davor, andererseits aber fühlt sie sich Jan gegenüber verpflichtet. Ist es Gehorsam gegenüber dem Ehemann, Liebe, Mitleid, Pflicht? Sie glaubt sogar, Jan dadurch zu heilen. Vor allem quälen sie Schuldgefühle, weil sie Gott um seine frühe Rückkehr angefleht hat. Für die Komponistin ist dieses Frauenschicksal symptomatisch für den Konflikt zwischen Selbstbestimmung und Fremdsteuerung weiblicher Existenz auch heute, 2026, noch.

Regisseur Christoph von Bernuth hat diese Tragödie unerbittlich realistisch auf die Bühne des Kleinen Hauses gebracht. Das Publikum wird gepackt von der Drastik des Geschehens. Bess' nahezu fanatische Sexpraktiken werden ziemlich ungeschminkt gezeigt. Nie wohl fielen derart vulgäre Worte auf einer Opernbühne. Die übrigen Figuren versuchen sie davon abzubringen; ihre Schwägerin Dodo, Jans Arzt und natürlich ihre Mutter, die sie verstößt. Schließlich wird Bess von zwei brutalen Matrosen bei einer Vergewaltigung so schwer misshandelt, dass sie daran stirbt. Und ihre Gemeinde, die Männer in schwarzen Mänteln, rufen ihr ins Gab nach: „Bess McNeill, du bist eine Sünderin!”

Loading image...
Barbara Dobrzanska (Bess' Mutter), Martha Eason (Bess McNeill) und Marie-Sophie Janke (Dodo McNeill)
© Felix Grünschloß

Wenn ein Libretto sich so eng an den Film anlehnt, kann man fragen: Worin liegt der Mehrwert der Opernfassung? Zumal der Film selbst während der Handlung ausdrücklich auf Musik verzichtet. Missy Mazzoli hat alles Andere als illustrative Musik geschrieben. Nur an wenigen Stellen scheint sie direkt Emotionen erzeugen zu wollen. Beim Unfall hören wir Katastrophenmusik mit Trommel, Posaune, pfeifender Flöte. Nur ein leiser ersterbender Akkordeonton begleitet Bess' Tod. Ansonsten scheint die Musik eher abstrakt.

Die 15 Musikerinnen und Musiker (einige an mehreren Instrumenten) spielen meist kleinteilige Sequenzen aus teils verfremdeten Klängen, teils mit melodischen Anteilen, immer sehr farbenreich und oftmals hochexpressiv. Anmutung strenger Sakralmusik begleitet den Gesang der Kirchengemeinde, fast furchterregend ausgeführt vom Herrenchor des Staatstheaters. Ansonsten aber erschließt sich die Musiksprache Mazzolis beim ersten Hören nur schwer. Welche Bedeutung die einzelnen Phrasen haben, bleibt vielmals rätselhaft.

Loading image...
Barbara Dobrzanska (Bess' Mutter) und Martha Eason (Bess McNeill)
© Felix Grünschloß

Überragend engagieren sich die Sängerinnen und Sänger für diese Produktion. Allen voran Martha Eason als Bess. Mit großer Emphase, in schierer Selbstaufopferung spielt sie die Figur zwischen Persönlichkeitsspaltung und entschlossener Selbstbehauptung. Die vokal meist hoch gelegene Partie meistert sie mit überwältigender Ausdrucksstärke. Die innere Stimme, die ihr als Gottes Stimme vorkommt, gestaltet sie mit grausiger Wirkung als eine Art Sprechgesang (rough voice).

Dem Karlsruher Bariton Tomohiro Takada wird allein wegen seiner Situation als Schwerverletzter schon physisch viel abverlangt. Auch stimmlich schenkt er sich nichts in der überzeugenden Rolle als nahezu verzweifelter Mann. Viel Empathie strahlt Marie-Sophie Janke als Krankenschwester und Schwägerin Dodo mit warmem Mezzo aus. Barbara Dobrzanska zeigt sich sehr differenziert in der Rolle der Mutter, die gespalten ist zwischen menschlicher Anteilnahme und moralischer Verurteilung. Der Arzt Dr. Richardson hat den meisten Abstand zum Geschehen. Doch auch er vermag mit seinen Ratschlägen nicht zu helfen. Matthias Wohlbrecht erfüllt diese Rolle auf den Punkt.

Loading image...
Breaking the Waves
© Felix Grünschloß

Wie Lars von Trier im Film, so belässt es auch die Oper nach dem Tod der Protagonistin nicht mit ihrer Verurteilung. Sondern in der Karlsruher Produktion gibt es fast so etwas wie eine Apotheose. Der (entgegen seines Krankheitsbildes) plötzlich genesene Jan bahrt ihren Leichnam auf einer Plattform auf und unter dem Geläut von Glocken fährt Bess gleichsam in den Himmel auf. Ein etwas befremdlicher Schluss dieser größtenteils überrealistischen Oper, deren Übersetzung auf die Bühne in Karlsruhe ansonsten aber zwingend gelungen ist.

****1