Berlioz und BrahmsBartoli und Rattle: Namen aus der reichen Musikgeschichte Baden-Badens und Namen, die das heutige Musikleben der Festspielstadt zieren. Historie und Gegenwart: beides fließt in Baden-Baden nicht selten ineinander. Musik ist zweifelsohne ein bedeutender Zweig der Baden-Badener Kultur - allerdings nicht der einzige. Spricht man hier von Kultur, dann meint man genauso die Belle-Epoque-Architektur, die Museen, die ausgedehnten Parks und nicht zuletzt auch die historisch gewachsene Badekultur.

Angefangen hat alles mit den Römern, die die Thermalquellen am Rande des Schwarzwalds entdeckten und diesen Platz zu einem höchst komfortablen Wellnesszentrum ausbauten - vornehmlich für ihre Soldaten. Nach ihrem Abzug aus Germanien überließen sie die Siedlung Aquae dem Verfall. Dank der Arbeit von Archäologen lassen sich die erhaltenen Reste der römischen Bäder an originaler Stelle im Bäderviertel besichtigen. Oberhalb der antiken Anlagen wurde im Jahre 1877 im Renaissance-Stil das prunkvolle Friedrichsbad erbaut. In dessen original erhaltenem Ambiente kann man sich heute wie damals entspannen.

Trinkhalle © Christoph Wurzel
Trinkhalle
© Christoph Wurzel

Dem Bedürfnis nach Unterhaltung nach einem erholsamen Bad hat Baden-Baden seinen Reichtum an musischer Kultur zu verdanken. Ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs der kleine Kurort schnell zu einem musikalisch-literarischen Zentrum Europas heran. Nach den Wirren mehrerer Revolutionen bot die badische Kleinstadt in Grenznähe vielen Franzosen einen beschaulichen Zufluchtsort. Adel und Geldadel stellte sich ein, gab sich dem Badevergnügen hin, entdeckte - wir sind in der Romantik!- den umgebenden Schwarzwald mit seiner damals noch unberührten Natur und war abends hungrig nach weiteren Vergnügungen; zum Beispiel dem Glücksspiel, das gerade in Frankreich verboten worden war.

So war es ein Unternehmer aus Paris, der die Chance erkannte, Baden-Baden mit einem Spielcasino Exklusivität zu verleihen. Jacques Bénazet und sein Sohn Edouard ließen dafür repräsentative Bauten errichten, in klassizistischem Stil das Kurhaus, in dessen prachtvollen Räumen die Casinosäle, ein Ballsaal und ein Konzertsaal untergebracht wurden. Im anschließenden weitläufigen Garten wurde 1842 die eindrucksvolle Trink- und Wandelhalle erbaut.

Theater © Christoph Wurzel
Theater
© Christoph Wurzel

Unter der Ägide der Bénazets begannen in Baden-Baden regelmäßige Sommerkonzerte, die alle damals berühmten Künstler hierher lockten. Paganini und Liszt feierten hier Triumphe. Meyerbeer stellte seine Opern vor und Offenbach soll bunt wie ein Papagei gekleidet im Kurgarten herumstolziert sein. Bald reichte der Konzertsaal nicht mehr aus und ein richtiges Theater im Stil des französischen Barock wurde errichtet. Hector Berlioz, der viele Jahre lang die Sommerkonzerte dirigiert hatte, komponierte zur Eröffnung eigens eine Oper: mit Béatrice et Bénédict wurde das kleine Theater 1856 eröffnet. Heute dient es einem engagierten Ensemble als Schauspielbühne und bei den Osterfestspielen geben Stipendiaten der Berliner Philharmoniker dort kleine Opernraritäten zum Besten. Im April 2017 wird es La tragédie de Carmen sein, eine Kammerversion von Bizets Klassiker.

Das mindestens zur Sommerzeit pulsierende musikalische Leben lockte weiterhin Künstler und Intellektuelle aller Couleur an die Oos, nicht selten ließen sie sich hier auch dauerhaft nieder und ließen prachtvolle Villen erbauen, die heute noch das Stadtbild prägen. Die spektakulärste Persönlichkeit unter ihnen war sicherlich Pauline Viardot-García, Sängerin, Komponistin und jüngere Schwester der noch berühmteren María Malibran. Einer Fürstin gleich residierte sie sieben Jahre lang in Baden-Baden und zog alles, was Rang und Namen hatte, an ihrem Musenhof. In ihrer repräsentativen Villa verkehrte der Hochadel der Zeit, die namhaftesten Musikerinnen und Musiker, Schriftsteller und Maler versammelten sich in ihren literarisch-musikalischen Salons. Unter ihnen der Dichter Iwan Turgenjew, der Baden-Baden in Russland bekannt machte und bald entstand eine kleine russische Intellektuellen-Kolonie. Zeitweise zählte auch Dostojewski dazu, den am Roulettetisch solch eine heftigen Spielsucht überfiel, dass er sie in seinem Roman Der Spieler literarisch verarbeitete. Der vergoldete Zwiebelturm der damals errichteten orthodoxen Kirche setzt noch heute im Stadtbild einen pittoresken Akzent.

Studio im Brahms Haus Museum © Brahmsgesellschaft
Studio im Brahms Haus Museum
© Brahmsgesellschaft

Durch Pauline Viardot kam auch Clara Schumann nach Baden-Baden und kaufte sich etwas abseits vom geschäftigen Zentrum ein Häuschen, um hier ungestört Klavierunterricht geben zu können. Seit 1863 lebte sie hier für 15 Jahre. Auch sie zog wenigstens besuchsweise zahlreiche Musikerinnen und Musiker nach Baden-Baden. Natürlich unter ihnen auch Johannes Brahms, der nicht nur sie, sondern auch die Abgeschiedenheit der Natur liebte. Mehrere Sommer lang verbrachte er als Untermieter in einem kleinen Häuschen im nahen Lichtental. Dies ist heute die einzige noch erhaltene Wohnung von Brahms, deren beide Räume die rührige Brahmsgesellschaft Baden-Baden liebevoll zu einem kleinen Museum gestaltet hat. Da die Gästezahl sich meist in Grenzen hält, nutzt das Personal den Besuch gern zu einem kleinen Privatissimum in Sachen Brahms und Clara Schumann. Das übrige Haus beherbergt eine kleine Wohnung, in der junge Musikstipendiaten dreiwöchige Arbeitsaufenthalte verbringen können.

Brahms unternahm ausgedehnte Wanderungen in den umgrenzenden Wäldern, gab Konzerte im Kurhaus und komponierte hier einige Werke wie das Streichsextett Op.36 und das Horntrio Op.40. Als Reverenz diesem bedeutenden Gast gegenüber veranstaltet die Brahmsgesellschaft im zweijährigen Rhythmus Brahmstage mit hochkarätig besetzten Konzerten aus Kammermusik und Orchesterwerken. Das nächste Mal im Oktober 2017. Aber auch ein bedeutender Musiker der Moderne hat sogar sehr lange in Baden-Baden gewohnt und von hier aus seine weit gespannten musikalischen Aktivitäten entfaltet: Pierre Boulez, der Anfang 2016 hier gestorben und auch beigesetzt ist. 

Museum Frieder Burda © Christoph Wurzel
Museum Frieder Burda
© Christoph Wurzel

Wenn Brahms von seiner Ferienwohnung aus in die Stadt wanderte, durchquerte er eine landschaftlich reizvolle Allee, die heutige Lichtentaler Allee, an deren unterem Ende stadteinwärts sich die Baden-Badener Museumsmeile befindet. Unter deren vier Museen ist der Bau des amerikanischen Architekten Richard Meier sicherlich der herausragendste, der das Museum Frieder Burda mit seinen wechselnden Ausstellungen moderner Kunst beherbergt. Faszinierend ist der Bau, weil man innen die Kunstwerke betrachten und gleichzeitig immer wieder einen freien Blick nach außen in die parkähnliche Allee werfen kann. Auf wunderschöne Weise korrespondieren so Kunst und Natur.

Wandert man weiter an Kurhaus und Trinkhalle vorbei eine schattige Lindenalle entlang, gelangt man bald zum Zentrum der heutigen Baden-Badener Musikkultur, dem Festspielhaus. Hier verbinden sich die Stränge der musikalischen Vergangenheit mit der Gegenwart. Hier erklingen an den jährlich über 100 Aufführungsterminen die Werke der Komponisten, die einst selbst Gäste in Baden-Baden waren, interpretiert von den Stars des heutigen Musikbetriebs. Eigentlich ist beinahe jedes Konzert festspielwürdig, aber mehrmals im Jahr gibt es besondere Festspiele, von denen die Osterfestspiele die spannendsten sind, wenn die Berliner Philharmoniker hier zehn Tage lang Quartier nehmen und in verschiedensten Sälen der überschaubaren City Kammermusik spielen oder mit großem Orchester im Saal des Festspielhauses Konzert oder Oper.

Festspielhaus Saal © Myrzik und Jarisch
Festspielhaus Saal
© Myrzik und Jarisch

In nunmehr 18 Jahren hat sich das Festspielhaus Baden-Baden in die oberste Liga der Konzerthäuser emporgespielt. Seine Programm enthalten die Namen der prominentesten Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart, Musik aller Genres und Epochen (wobei die Moderne etwas zu kurz kommt). Regelmäßig gastieren auch Ballettkompanien hier und auch die leichte Muse ist mit Operettenprogrammen vertreten. Die Auswahl also ist groß, wer aber die ganze Kultur in Baden-Baden genießen will, sollte sich ruhig genügend Zeit mitbringen. Denn ist die Stadt auch klein, so ist das kulturelle Angebot doch überaus groß.