Lawrence Zazzo © Justin Hyer
Lawrence Zazzo
© Justin Hyer
Der Oktober steht bei Bachtrack ganz im Zeichen des Barock. In den letzten Jahren haben wir den unaufhaltsamen Aufstieg von Countertenören gesehen – sie sind überall! Wir fanden, es ist nun an der Zeit, von einigen der führenden Countertenöre von heute etwas mehr herauszufinden.

Lawrence Zazzo gab sein gefeiertes Operndebüt als Oberon (Ein Sommernachtstraum) noch während seines Gesangsstudiums am Royal College of Music in London abschloss. Seitdem ist er an vielen weltberühmten Häusern wie der Metropolitan Opera, der Staatsoper unter den Linden, der Oper Frankfurt, der Bayerischen Staatsoper, dem Opernhaus Zürich, der Opera di Roma und La Monnaie aufgetreten. Sein jüngster Auftritt in der Titelrolle von Giulio Cesare unter der Leitung von Emmanuelle Haim an der Opéra National de Paris ist nun auf DVD erhältlich. In diesem Monat tritt er mit der Welsh National Opera in Händels Orlando auf.

Wie erklären Sie sich die explosionsartig gestiegene Beliebtheit von Countertenören?

Ich glaube, dafür gibt es zwei Gründe. Erstens hat es eine Explosion von richtig guten Countertenören gegeben, jeder mit individueller Farbe und individuellem Umfang, die den eher allgemeinen Begriff „Countertenor“ in Sub-Fächer ausweiten: Altcountertenor, Mezzocountertenor, Koloraturcountertenor, Sopranist, sogar Heldencountertenor!

Da zweitens barockes Repertoire unser täglich Brot ist, waren Countertenöre schon immer Vorreiter wenn es darum geht, selten gegebene Musik wiederzuentdecken (beispielsweise Hasse von Max Emanuel Cenčić, Vinci von Filippo Mineccia, Ariosti und Bononcini von mir), und haben hoffentlich ihr Publikum dabei mitgenommen.

Welche Opernrolle mögen Sie am liebsten, und warum?

Es ist etwas klischeehaft, dass man sich in jede Rolle verliebt, die man gerade spielt, aber ich muss sagen, Händels Orlando, wen ich gerade für die Welsh National Opera singe, fasziniert mich. Es ist die letzte Rolle, die Händel für Senesino schrieb; sie fasst zusammen und geht gleichzeitig darüber hinaus, was er in den vorangegangenen zehn Jahren in London für diesen Kastraten geschrieben hatte: Sie ist auf dramatische Weise voller Koloraturen und Accompagnati, mit zwei ungewöhnlichen Duetten und einem Trio am Aktende, doch sie ist ebenso lyrisch, mit lieblichen kleinen Cavatinen und einem unglaublichen Schlaf-Trio für Orlando und zwei Violetti marini, ganz zu schweigen von der zehnminütigen Wahnsinnsszene, die alle Konventionen überwarf. Das Libretto, vielleicht von Händel selbst adaptiert, ist merkwürdig abgehackt und etwas verstörend, aber ich finde, das macht es nur noch interessanter, diese Rolle modernen Interpreten und modernen Hörern vorzustellen.

Ben Tinniswood, Lawrence Zazzo (Orlando) und Jack O'Kelly © Bill Cooper
Ben Tinniswood, Lawrence Zazzo (Orlando) und Jack O'Kelly
© Bill Cooper

Wann haben Sie Ihre Countertenor-Stimme entdeckt?

Ich habe im Philadelphia Boy's Choir Alt gesungen, und als Teenager habe ich dann eine Auszeit vom Singen genommen. In der Highschool kam ich als ungefestigter „Baritenor“ wieder zum Gesang, aber als ich für einen Madrigalchor nach Repertoire suchte, habe ich die Madrigal History Tour der King's Singers entdeckt und mit der Oberstimme mitgesungen – damals James Bowmans Arien im Willcocks/King's College-Messias – wunderbar!

Wie gehen Sie an da capo-Verzierungen heran? Gibt es eine Balance zwischen künstlerischem Feuerwerk und gutem Geschmack?

Ja, es gibt sie. Diese Balance ist manchmal schwer zu finden, doch ich beziehe mich immer auf Händels eigene, ausgezierte Fassungen seiner Arien, die weit darüber hinaus gehen, was wir unter gutem Geschmack verstehen. Eine andere Möglichkeit, Verzierungen zu betrachten – und ganz und gar nicht „historisch informiert“ - ist es, sie als organische Erweiterung dessen zu betrachten, was immer die Rolle in den Proben dieser Inszenierung emotional ausdrückt oder körperlich tut. Als Goffredo beispielsweise habe ich in Nigel Lowerys Inszenierung von Rinaldo vor über zehn Jahren einen besonderen Triller als Ausdruck des Zuckens im Gesicht eines religiösen Fanatikers entwickelt, und ich nutze ihn, wann immer ich diese Figur darstelle.

Was ist das Verrückteste, Merkwürdigste, das Sie je auf einer Opernbühne tun sollten?

Das war in David Böschs Inszenierung von Mozarts Mitridate in München vor ein paar Jahren. As Farnace musste ich an einem Kronleuchter schwingen; ich habe Bierdosen mit einem Baseball-Schläger weggeschlagen und mich dann in meiner letzten Arie selbst mit einem Messer geblendet – das Kunstblut spritzte in den Orchestergraben, durchweichte die Noten des Cembalisten und hätte beinahe noch Ivor Bolton getroffen, der dirigierte!

Lawrence Zazzo (Farnace) in <i>Mitridate</i> in München © Wilfried Hösl
Lawrence Zazzo (Farnace) in Mitridate in München
© Wilfried Hösl

 Hier geht es zu Lawrence Zazzos Interpretenseite auf Bachtrack.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.